Peter Tchaikovskys Violinkonzert in D Dur op. 35 zählt zu seinen bekanntesten Werken. Zu seinen besten freilich nicht, denn schließlich ist es vor allem und nur das Hauptthema des ersten Satzes, das das Konzert zu so viel Ruhm kommen ließ. Ich war nie ein Freund dieses Konzertes, konnte Eduard Hanslicks vernichtende Rezension vor allem bezüglich des Finalsatzes durchaus nachfühlen. Und die Einspielung von Karajan und Mutter ist gewiss auch nicht das Gelbe vom Ei.
Im ersten Satz schafft Tchaikovsky zugegebenermaßen eine Meisterleistung, was Spannungssteigerung anbelangt. Die Anspannung bis zum Ausbruch des vollen Orchesters, das das berühmte Hauptthema schmettert, ist wirklich beinahe unerträglich, im positivsten Sinne. Ein weiteres Mal erklingt dieses Thema im Orchester. Ansonsten verarbeitet und verziert es der Komponist mannigfach, baut vor allem ein paar sehr schöne, kantable Elemente ein.
Der russische Meister selbst hielt seine Canzonetta als den besten Satz des Werkes und tatsächlich wirkt er zwischen den üppigen, pompösen Ecksätzen sehr angenehm und schön in seiner Schlichtheit.
Was am Finale schön sein soll, erschließt sich mir bis zum heutigen Tage nicht. Aber es soll ja durchaus Menschen geben, die an dieser Wirtshausstimmung Freude finden.
Der vorliegende Konzertmitschnitt von den Salzburger Festspielen 1988 überzeugt vor allem durch seine hervorragende Aufnahmetechnik. Die Interpretation ist aber nicht voll und ganz zufrieden stellend. Bei Anne Sophie Mutter das alte Problem: technisch perfekt, aber mit viel zu wenig Empathie für dieses Stück. Herbert von Karajan leitet die ausgezeichnet spielenden Wiener Philharmoniker im Großen und Ganzen einheitlich, stringent und fein nuanciert. Nur bin ich der Ansicht, dass der erste Satz eine ganze Spur schneller gespielt werden sollte, als es hier und in der Regel der Fall. Die Referenzeinspielung für dieses Werk ist und bleibt Gidon Kremers Interpretation mit den Berliner Philharmonikern unter Lorin Maazel.