Ich würde mich nicht scheuen zu sagen, dass dieses hier eine der besten Einspielungen von barocker Violinmusik ist, die es je gegeben hat, und vermutlich Klassen besser als alle bisherigen Einspielungen dieses Werks, ohne dass ich irgendeine schlechtreden möchte. Das Werk, Corellis Sonaten op.5 für Violine und basso continuo, ist natürlich einer DER Klassiker in diesem Bereich, aber die barocke Musik lebt ja besonders davon, was in einer einzelnen Aufführung daraus gemacht wird, was der Virtuose persönlich beisteuert. Zwar sind zu diesen Sonaten auch Verzierungen gedruckt und überliefert worden, die auf Corelli selbst zurückgehen bzw auf seinen unmittelbaren Schülerkreis (zu hören zB in einer Aufnahme mit Chiara Banchini bei harmonia mundi). Manze verwendet sie jedoch nicht, sondern improvisiert seine eigenen, und merkt im Beiheft bescheiden an, Corelli hätte vielleicht nicht gutgeheißen *was* er hier tut, aber auf jeden Fall *dass* er dies tut. Wenn man Verzierungen niedergeschrieben habe, so hauptsächlich zu Lehrzwecken, aber dass ein gestandener Musiker, der etwas auf sich hält, die Verzierungen eines anderen "aufwärmt" hätte damals Kopfschütteln ausgelöst. Recht hat er, es ist eigentlich ein Widersinn, bei Barockmusik nach historischer Treue in der Aufführungspraxis zu streben und sich gleichzeitig vor jeglicher eigenen Improvisation zu scheuen; denn Improvisation war ein Kernpunkt der Musikpraxis im Barock.
Dieser persönliche Ansatz von Manze ist sicherlich ein Aspekt, der dazu beiträgt, dass von dieser Aufnahme ein beinahe hypnotischer Reiz ausgeht, sie zwingt einen unweigerlich zum Zuhören. Das liegt selbstverständlich auch an Manze's überragendem Violinspiel, einer seltenen Verbindung von Technik und Leidenschaft. Die Dynamik, die er diesen Stücken mitgibt, macht diese Einspielung wirklich zu einer Klasse für sich: besonders seine absolut faszinierende Fähigkeit, passagenweise sehr leise zu spielen aber zugleich absolut klaren Klang beizubehalten, und sogar leidenschaftlichen Ausdruck. Technisch brillant auch die Stellen in den fugierten Sätzen, die praktisch eine Triosonate imitieren und wo man hier wirklich eine zweite Violine zu hören glaubt: zweistimmiges Spiel in überragender Durchsichtigkeit.
Großes Lob gebührt auch dem Continuospiel von Richard Egarr, nicht nur dass sein Cembalospiel an sich wunderbar klingt, wie Champagner, sondern er harmoniert ausgezeichnet mit Manze, vor allem auch hinsichtlich der Dynamik. Die vorliegende Einspielung mag "sparsam" erscheinen, da das Continuo nur von einem Cembalo allein ausgeführt wird, jedoch vermisst man nichts; einmal weil Egarrs Cembalo über sehr befriedigende Bässe verfügt, vor allem aber, weil so Violine und Begleitung sich sehr sensibel aufeinander abstimmen können. Das Ergebnis ist überragend: Man MUSS das gehört haben!