Eine Sache vorweg: ich kann verstehen, warum einige Anne Rice Leser, vor allem Fans der Vampire, von diesem Buch enttäuscht waren.
Es ist nämlich vollkommen anders als Anne Rices populäre Reihen.
Aber... - was heißt aber? Nein - UND es ist gerade für große Fans der Autorin unbedingt lesenswert.
Nur wenig literarisch "verpackt" erzählt Rice hier schonungslos und offen entscheidende Elemente ihrer eigenen Biographie: ihre Angst als Kind um die alkoholkranke Mutter, ihre Streitereien mit den Schwestern, die soziale Not ihrer Kindheit, die dazu führte, dass Rice nun ihr Schwelgen im Luxus als geradezu als lebensnotwendig empfindet. Und schließlich, das Erschütternde: der qualvolle Krebs-Tod ihrer fünfjährigen Tochter Michelle.
Mehr als alle mystischen und philosophischen Spielereien der Vampire und Hexen ergreift dieser auch sprachlich kraftvolle Realismus, die schlichten Worte, die Rice ganz abseits ihrer sonstigen barocken Erzählweise wählt, um das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann, eben ein Kind zu verlieren, zu vermitteln, ihre Verzweiflung und Abfall vom Glauben an alles zu schildern, ohne dabei in übergroßes Selbstmitleid zu verfallen.
Meiner Meinung nach eine Meisterleistung.
Rices Mann Stan wird dabei in zwei Ehemänner "gespalten", so wollte Rice Stans innere Veränderung nach dem Tod Michelles in die Geschichte übertragen: der spaßsüchtige, leichtfertige 68er Typ (auf den Rice ihren Charakter Lestat aufbaute), wird zu einem nachdenklichen, lebensweisen reifen Mann.
Anne Rice eigener alter ego Triana wird zum Reflektieren über die Vergangenheit angeregt einmal durch den Tod des zweiten Ehemanns Karl und durch das Erscheinen des Geistes Stefan (der Rices altem Romancharakter Louis erstaunlich ähnlich ist) und sie durch seine Zynismen provoziert, sich zumindest in den Gedanken den Wahrheiten ihres Lebens zu stellen.
Sozusagen als Gegenleistung verlangt Stefan dafür Trianas Aufmerksamkeit, um seine Geschichte zu zeigen (die allerdings einen geringeren Teil des Buches umfasst, was aber gerade in der Knappheit überzeugt).
Das Buch liest sich tatsächlich teils wie eine Therapiesitzung und wer nicht nur an den Vampiren und Hexen, sondern auch an dem Menschen Anne Rice, der sich all diese gotischen Fantasien ersonnen hat, interessiert ist, der wird "Violin" ebenso beeindruckend finden. Und danach auch vieles in Rices Romanen besser verstehen oder anders sehen.