"Ich habe durch Metal mehr gelernt, als man es mir je in einer Schule hätte beibringen können", gibt Kreator-Sänger und -Gitarrist Miland "Mille" Petrozza zu Protokoll. Was genau das sein soll, wird in Violent Evolution - Die Geschichte von Kreator allerdings nicht genau geklärt. Kameradschaft, Ehrlich- und Geradlinigkeit und das Folgen der eigenen Überzeugungen sind ein paar Schlagworte, die sich immer wieder aus dieser Biografie heraus kristallisieren und welche die Geschichte von Deutschlands populärster Thrash Metal-Band, die aus dem Ruhrpott einen großen Teil der Welt erobert hat, auszeichnen. Und diese währt jetzt schon geschlagene 29 Jahre.
Bei so einer langen Zeit, kann man sich schon einmal daran machen, die vergangenen Geschehnisse in Form eines Buchs nachzuzeichnen. Dessen angenommen hat sich der ebenfalls im Ruhrgebiet geborene Hilmar Bender, der sich neben der Schreibtätigkeit für Magazine, Blogs und Fanzines vor allem mit Die Schönheit der Chance - Tage mit Tomte einen Namen machte. Wer sich jetzt fragt, wie deutschsprachiger Indie-Rock und harter Stahl zusammen passen und ob hier überhaupt ein Szenekenner am Werk war, kann beruhigt werden. Denn Bender ergibt sich nicht der Versuchung die Geschichte der Band mit eigenen Worten nachzuzeichnen, sondern lässt zum großen Teil die Protagonisten von früher für sich selbst sprechen. Dies sind neben aktiven und Ex-Kreatormusikern vor allem ihr ewiger Gefolgsmann und Merchandiser Andreas "Stoney" Stein, Manager und Drakkar-Inhaber Bogdan "Boggi" Kopec und Karl-Ulrich Walterbach, Boss der ehemaligen Plattenfirma Noise Records, der befeuert vom Enthusiasmus der damaligen Szene, Kreator unter seine Fittiche nahm, obwohl er eigentlich ihre Musik überhaupt nicht verstand, wie er selbst zugibt.
Durch diesen Interviewstil entsteht ein etwas anderes Lesegefühl als bei vergleichbaren Büchern. Bender setzt dort an wo es interessant wird und wozu die Zeitzeugen etwas zu sagen haben, anstatt nur die Geschehnisse anhand einer Zeitlinie herunter zu beten. Vor allem geht er mehr auf die Gedanken der Musiker und deren (sozialen) Hintergrund ein. Wer von einem solchen Buch also das Sezieren einzelner Alben und Songs, sowie das genaue Aufzeichnen ihrer Entstehungsgeschichte erwartet, dürfte von Violent Evolution etwas enttäuscht sein. Denn das findet hier (ausnahmsweise) mal nicht statt, was schon etwas sehr Erfrischendes hat. Denn so lesen sich die 224 Seiten wie im Flug. Lediglich die Konzerthistorie ganz am Ende ist ein Tribut an alle Statistiker und Erbsenzähler.
Liegt es nun am grundsätzlichen Talent des Autors oder daran, dass er als Interviewer die richtigen Fragen gestellt hat? Jedenfalls bringt dieses Buch das Feeling der Band auch in Schriftform gut herüber. Zwar bleibt für den Fan vielleicht die eine oder Frage offen, aber zumindest hat er einiges über die Menschen hinter der Fassade erfahren. Die Aufgabenstellung wurde also zweifellos erfüllt - sogar noch ein bisschen mehr als das.