Könnte man den Mitschnitt eines Konzertes unprätentiöser betiteln als mit dem schlichten Wörtchen 'LIVE'? Genau das haben Alison Krauss und ihre Band 'Union Station' getan - und daraus ist eine Doppel-CD mit Musik geworden, die ebenso schnörkellos ist, wie es der Titel verheißt.
Wer ist Alison Krauss - und wer sind 'Union Station'? Zeitgenossen, die den Film 'O Brother, where art thou?' der Brüder Joel und Ethan Coen ('The Big Lebowksi') gesehen haben und in der Folge vielleicht sogar den mit fünf Grammy Awards ausgezeichneten Soundtrack zum Film erstanden haben, dürfte zumindest Alison Krauss ein Begriff sein. Und ihre Band? Hat, wie ihre Frontfrau, auch ein paar Tracks beigesteuert - firmiert aber auf dem Album unter anderem Namen. Wem allerdings der 'Man of Constant Sorrow' ins Ohr gegangen ist, mit dem im Film eine aus drei Sträflingen zusammengewürfelte Bluegrass-Band Furore macht, wird hinter den 'Soggy Bottom Boys' schnell und völlig zu Recht 'Union Station' vermuten.
Folgerichtig findet sich der Ohrwurm auch auf dem in Kentucky live und 'kognito' eingespielten Doppelalbum - und allein das macht 'Live' m. E. schon kaufens-, mindestens aber anhörenswert.
Dass ich 'Live' unter meinen CD-Neuerwerbungen der letzten Monate einen Ehrenplatz eingeräumt habe, verdankt das Album aber vor allem Alison Krauss: deren Beitrag zum Soundtrack von 'O Brother, where art thou?' ('Down in the River to Pray' sowie 'I'll Fly Away' [im Duett mit Gillian Welch] und 'Didn't Leave Nobody but the Baby' [gemeinsam mit Gillian Welch und Emmylou Harris]) hatte mich seinerzeit so hellhörig gemacht, dass ich schnell mehr von ihr kennen lernen wollte. Und dass ich 'Live' den Vorzug vor diversen Studioveröffentlichungen gegeben habe, kann ich im Nachhinein nur als einen ausgemachten Glücksgriff werten: 'Live' - das sind 25 Tracks, die jedem zusagen müssten, in dessen Plattenregal noch ein Lücke zwischen Country und Southern Rock klafft.
Da wechseln wahre Gänsehaut-Balladen ('Ghost in this House') mit Tracks ab, bei denen man deutlich den Güterzug heraushören kann, auf den man im Geiste aufgesprungen ist, als er die Fahrt in einer Kurve verlangsamt hat ('We Hide & Seek'). Zwischendurch wird noch eben einem 'When you Say Nothing at all' (das Ronan Keating einen Charterfolg bescherte) neuer Glanz verliehen, mit 'Oh, Atlanta' dem Südstaaten-Rock die Reverenz erwiesen - und natürlich darf auch das Gospel 'Down in the River to Pray' nicht fehlen, das hier a capella vorgetragen wird und so ein 'showpiece' für Krauss' glasklaren Gesang bildet.
Fazit: Mit 'Live' ist Alison Krauss und ihrer Band 'Union Station' ein Juwel gelungen - ebenso meilenwert entfernt von radiogängigem, überproduziertem A(lbum) O(riented) R(ock)-Einerlei zwischen Shania Twain und Alanis Morrisette wie von Neo-Country à la Garth Brooks und LeAnn Rimes (die ihren Country bzw. Grass Roots spätestens mit ihrem jüngsten Album endgültig das Lebewohl entboten zu haben scheint).
'Live' bietet erdige, 'handgemachte' Musik, die gekonnt den Bogen zwischen 'Traditional' und 'Pop' schlägt - vorgetragen von einer spielfreudigen Band und einer Frontfrau, deren Stimme ich als die größte Bereicherung meiner CD-Sammlung erachte, seitdem in der die Aufnahmen der wunderbaren Eva Cassidy einen Platz gefunden haben: 'Live' ist abwechslungreich, mitreißend, im besten Sinne durch und durch 'US-American' wie Apple Pie und Root Beer - und darüber hinaus außerdem auch eine aufnahmetechnisch glänzend gelungene CD, die den Konzertfunken vom ersten Stück an auch ins heimische Wohnzimmer überspringen lässt; in diesen Tagen soll außerdem eine gleichnamige DVD erscheinen, die bislang aber wohl noch nicht auf dem Markt ist. Prädikat: unbedingt empfehlenswert!
Anspieltipps:
'The Lucky One'
'Ghost in this House'
'We Hide & Seek'
'Oh, Atlanta'
'When you Say Nothing at all'