Das Vineta weit mehr als nur ein Schauplatz mecklenburgischer Sagen gewesen ist, ist schon seit längerem bekannt. Seit in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts archäologische Untersuchungen im polnischen Städtchen Wollin auf Usedom dort den Nachweis für eine slawische Handelssiedlung erbrachten, galt es allgemein als sicher, dass sich dort einst das sagenhafte Vineta befunden hatte.
Dass dies jedoch keineswegs so sicher gelten muss, zeigen die Autoren des vorliegenden Buches. Scharfsinnig nehmen sie die historischen Quellen zu Vineta respektive Julin und Jomsburg „auseinander". Sie vergleichen nicht nur die Aussagen der mittelalterlichen Autoren untereinander, sondern wenden das dort gesagte auch immer auf die geographischen Begebenheiten der Ostseestädte an. Dabei finden sie schnell heraus, dass das Küstenbild sich (erwartungsgemäß) in den letzten Jahrhunderten mitunter deutlich geändert hat. Mehr noch: für eine Identifikation von Wollin als Vineta sprechen nur wenige Fakten in den Quellen. Zu viele Ungereimtheiten wollen nicht in dieses Bild passen.
Nach gründlicher Recherche, in deren Verlauf die beiden Autoren nicht nur eine längst vergessene Odermündung ausfindig machen, sondern auch die norddeutsche Kirchen- bzw. Missionierungsgeschichte (Stichwort: Otto von Bamberg) „umschreiben", gelangen sie schließlich zu dem Schluss, dass das geheimnisvolle Vineta (das eher als „Provinz" denn als einzelne Stadt aufzufassen sei) sich einst in der Umgebung des heutigen Barth befunden haben könnte.
Obwohl m.E. ein wenig zu viel Augenmerk auf die etymologische Herkunft und Ableitung von Städte- und Flurnamen gelegt wurde und eine nicht geringe Anzahl Kapitel ausschließlich auf Hypothesen und Spekulationen beruht, kann ich dieses Buch dennoch wärmstens allen empfehlen, die sich mit dem geheimnisvollen Vineta und den entsprechenden Sagen, v.a. aber auch mit der Entwicklung und Stadtwerdung im Ostsee-Raum und den Slawen näher befassen wollen.
Deutlicher als hier kann man es kaum zeigen: auch und vor allem in den Sagen „unserer" Breiten steckt oft mehr als nur ein Fünkchen (historische) Realität.