"Macht es etwa Spaß, Pynchon zu lesen?", ist eine Frage die mir einmal gestellt wurde. Ich konnte sie nicht bejahen. Denn seine Romane lassen oft zu viele gut bewährte Dinge vermissen, die gute Belletristik sehr häufig ausmachen: Dramaturgie etwa, eine spannende, mitreißende Handlungsführung, darf man (zumindest im eigentlichen Sine) nicht erwarten. Auch Figuren mit Tiefe, an deren Schicksal der Leser teilhaben kann, sind eine Mangelware in Pynchons Werk. Meistens beobachtet man Schablonen von Figuren, die hin und wieder auch klar als solche ausgewiesen sind, etwa durch ihre sprechenden Namen, wie Stencil in "V." Pynchons Romane wandern beunruhigend an der Grenze zwischen Realität und kompletter Fantasterei der unüblichen Art. Die Welt die wir hier präsentiert bekommen, ist nicht unsere und der Autor stößt uns manchmal wie mit einem Fußtritt in diese Erkenntnis. (Etwa wenn ein Kugelblitz in "Gegen den Tag" plötzlich im allerwelts-Unterhaltungston anfängt, mit einem Wissenschaftler zu plaudern: "Ich heiße Skip, und du?").
Als Leser von Belletristik will man unterhalten werden und dies kann auf vielerlei Weise geschehen. Dramaturgie und interessante Charaktere, in die man sich einfühlen kann, sind eine Möglichkeit. Aber auch durch bloße intellektuelle Herausforderung kann ein Leser Spaß aus der Lektüre ziehen. Bei Pynchon geht es über letzteres meistens noch etwas hinaus, nicht weil er in einem besonderen Maße anspruchsvoll ist, sondern weil er massiv den Leser aus seiner passiven Rolle des Konsumierens herausdrängen will zu einer aktiven Auseinandersetzung mit seinen Texten (und Literatur im Allgemeinen). Ich glaube jedenfalls das Pynchon an den Zahlreichen Fanseiten, Pynchon-Lesehilfen, Pynchon-Wikis etc. viel Freude hat. Auch durch seine mediale Abstinenz fordert er dazu heraus, sich verstärkt mit literarischen Themen insgesamt, wie etwa der Autorschaft, zu beschäftigen.
Auch "Vineland" ist in diesem Sinne eine Herausforderung an den Leser, und obwohl man beinahe so etwas wie einen Haupthandlungsstrang (mit dutzendweise Sub-Plots) hat, wird man, wie in jedem anderen seiner Romane, mit einem Puzzle konfrontiert, dass gewohnheitsmäßig eine Auflösung haben sollte, aber ähnlich wie bei "Citizen Kane" und der Suche nach "Rosebud", kann man gar nicht am Ziel ankommen. Aus diversen Gründen. Wie Pynchon die Handlungsfäden von "Vineland" gegen Ende immer weiter zuspitzt, und was dann, ganz zum Schluss passiert, das ist wieder einer dieser Fußtritte eines großen Könners. Ich kann es wirklich niemandem verdenken, wenn er darüber, wie auch über viele andere Dinge in diesem Roman enttäuscht wäre.
"Vineland" ist im Vergleich zu Pynchons übrigen Romanen vielleicht tatsächlich insofern der "optimale Einstieg", da der Roman (mit einiger Aufmerksamkeit gelesen) wirklich überschaubar ist, allein schon wegen der Seitenzahl (~480). Wenn man nach dem Lesen festgestellt hat, das man eigentlich nicht schlauer ist als vorher, aber an dem höchst individuellem Humor, der einzigartigen Handlungsführung und den obskuren Einfällen, so etwas wie Freude (oder freudige Verwunderung) gefunden hat, dann ist das schon sehr viel und man sollte seine Nase in "V." halten oder "Spätzünder" und hat dann vielleicht Lust auf mehr.
Insbesondere der extrem eigenwillige Humor scheint mir einer der Hauptgründe dafür zu sein, dass Pynchon vielen nicht gefällt. Wie ein Rezensent der Süddeutschen treffend zu "Gegen den Tag" anmerkte, erscheint Pynchon häufig als eine Art gut gelaunter Märchenonkel der immer noch Einen draufsetzen will und dafür unglaublich gern Irritation des Lesers mit in Kauf nimmt. Wahrscheinlich gibt sehr viel mehr gute Gründe, Pynchon nicht zu mögen, als umgekehrt. Humor ist da natürlich so eine Sache, aber Plattitüden und Banales lassen sich in seinen Romanen auch en masse finden. Und er hat fühlbaren Spaß daran seine von enzyklopädischem Wissen strotzenden Romane damit anzureichern.
Häufig fühlt man sich betrogen. Man glaubt ein Puzzle lösen zu müssen und selbst bei größter Mühsal kommt am Ende vielleicht nicht mehr als eine Zahl wie 49 raus. Leser mit sadomasochistischen Zügen werden bevorzugt. Dennoch ist dieser Autor und insbesondere dieses Buch ein überaus interessantes Stück Literatur und man ist garantiert um eine sehr außergewöhnliche Leseerfahrung reicher geworden (egal, ob im positiven oder negativen Sinne).
Am Ende hilft also alles nichts, außer: LESEN und für sich herausfinden, ob's was taugt. Ich für meinen Teil hatte sehr viel Spaß und kann den Roman jedem Pynchon-Interresierten als Einstieg empfehlen. Ohne Gewähr, versteht sich... :)