Leonardo da Vinci - Inbegriff des Universalgenies. Was war er nicht alles - Maler, Ingenieur, Militärberater, Architekt, Mathematiker, aber auch Musiker, Theatermechanicus, Optiker, Geograph, Literat - und auf den meisten Gebieten seiner Zeit weit voraus.
Wer davon auch nur einen ungefähren Eindruck vermitteln möchte, hat gut zu tun.
Stefan Klein nähert sich der großen Gestalt mit erfrischender Unbefangenheit. In thematischer, doch biographisch unterfütterter Gliederung stellt er Leonardo den Maler, den Waffenkonstrukteur, den Wasserbautechniker vor, begibt sich auf die Suche nach da Vincis Spuren, führt uns zu Mailands ältester Kanalschleuse, auf den Monte Ceceri bei Florenz, wo er vielleicht Flugversuche unternommen hat, ins Hospital Santa Maria Nuova, wo er seine anatomischen Studien betrieb.
Klein betont, dass sein Held kein weltfremder Träumer, sondern ein gesuchter Ingenieur und Künstler war und viele seiner Projekte Wirklichkeit wurden - nichtsdestoweniger beeindrucken die berühmten Projekte am meisten, die Vermerk in seinen Notizbüchern blieben, am meisten.
Entsprechend fesseln vor allem die Abschnitte, in denen der Autor berichtet, wie heutige Adepten diese Ideen in die Realität umsetzen, so seinen Federwagen, den sein Nachbauer Mark Rosheim eher als Vorläufer des Roboters als den des Autos beschreibt, oder das leicht modifizierte Fluggerät, das Judy Leders erfolgreich erprobte.
Leider bleiben einige unerwähnt, so der Test des Taucheranzugs in der Lagune von Venedig und der des drachenähnlichen Gleiters, beide nach Schwierigkeiten von Erfolg gekrönt! Damit erscheint nicht so klar, daß Leonardo sich vom Prinzip des für Flugzeuge untauglichen Flatterflugs gelöst und den Segelflug tatsächlich erwogen hatte.
Dennoch fasst einen beim Lesen Staunen, wie viele Entdeckungen und Erfindungen dieser eine Mensch, der nicht einmal eine reguläre Schulbildung erhalten hatte, machte - jede einzelne bescherte einem Nachfolger noch Ruhm, doch erst Jahrhunderte später.
Stefan Kleins Fazit: Neugier und Unbefangenheit von vorgeprägtem Denken können einen weiter führen als Fleiß und Wissen - ein Ansatz, den man gerade heute beherzigen sollte.
Ein frisch geschriebenes, sehr lesenswertes und nur etwas knappes Buch, das Appetit auf mehr macht.