"Lust for Life" ist das, was man auch über die Bilder Vincent van Goghs sagt: ein Meisterwerk. Zwar muss ich mich klar als Ahnungsloser des nicht bewegten Bildes äußern. Aber wie hier Leben und Werk eines Schöpfers von Bildern in bewegte Bilder umgesetzt wird, ist einzigartig. Regisseur Vincente Minnelli ist aber auch der richtige Mann für das Thema - von den klassischen Hollywoodregisseuren greift er neben Douglas Sirk so tief in den Farbtopf, wie das später erst wieder ein Pedro Almodóvar tun sollte. Obwohl das noch keine Garantie ist, dem großen Thema gerecht zu werden, macht Minnelli hier alles richtig. Vor allem hat er weit mehr als nur ein üppig bebildertes Biopic abgeliefert. Er greift nicht einfach zu einer herkömmlichen Biographie als Vorlage, spult nicht einfach nur Szenen eines Lebens ab. Sein Film ist selbst ein Gemälde und belässt dem Rätselhaften von van Goghs Lebenssuche und -gier immer ein kostbares Stück Geheimnis. Obwohl wir doch eine äußerlich linear und scheinbar konventionell erzählte Geschichte sehen, bricht die herkömmliche Dramaturgie gelegentlich auf und wird die Erzählung selbst ein bißchen abstrakt. Man kann es auch anders sagen: Sie wird Bild statt Plot. Dies ist besonders deutlich in den Szenen, in denen van Gogh sich Gewalt antut: In den jeweiligen Momenten ist ein Gefühl ganz stark, dass es genau jetzt und genau so und nicht anders kommen muss, aber im Nachhinein ist es (mir jedenfalls) ziemlich schwierig zu sagen, was denn nun die Ereignisse, Eindrücke, Erlebnisse waren, die etwas in van Gogh zum Bersten gebracht haben. Damit gelingt dem Film etwas Einzigartiges und sehr Schwieriges: Er kann und will das vielleicht Unerklärliche gar nicht erklären, aber er lässt es uns fühlen. Es mag einem bei dem Betrachten der zu seinen Lebzeiten verkannten und unerklärten Bilder ebenso gehen.
Dazu trägt die meisterhafte Bildsprache Minnellis bei, auch hier gelingt ihm Gewagtes und Unkonventionelles. Die Breitwand sorgt zunächst nicht für grandiose Panoramen, sondern für dräuende Enge niedriger Decken, doch weil in diesen erdrückenden Räumen der Anfangsphase des Filmes die Menschen weit auseinanderstehen und kaum einmal in nahen Einstellungen zu sehen sind, kommt Bedrückung statt Heimeligkeit in der Enge auf. Besonders farbenprächtig ist das erste Drittel des Filmes nicht, gerade in den elenden Kohlebergwerken, in denen der jüngere van Gogh sich als Pfarrer versucht. Seltsamerweise gibt es aber auch schon zu Beginn auffällig viele Szenen, in denen bei ansonsten karger Farbgestaltung einzelne Gegenstände rot sind, zunächst sehr kleine. Da schlummern wohl schon Leidenschaften in einem Mann, der noch nicht die Ausdrucksweise dafür kennt und es zunächst mit dem Wort statt mit dem Bild versucht. Als van Gogh zu rastloser Schaffenskraft aufblüht (und wer wäre besser als ein energetischer Darsteller wie Kirk Douglas?), werden die Farben allmählich kräftiger, wird das Rot größer, die Sonne heller - doch bei einem geradezu ikonografischen Bild von van Gogh mit Hut beim Malen vor dem Wasser kann man auch irritiert sein: Ein dunkles, leuchtendes kräftiges Blau des Wassers kommt ansonsten in diesem Film fast nie vor, und war die einzige Wasserspiegelungsszene zuvor nicht die, in der van Gogh in Selbstmordgedanken auf einen Fluss herabblickte? Das Spiel mit Farben betreibt Minnelli äußerst geschickt und suggestiv. Wenn van Gogh seinem Freund Gauguin (Anthony Quinn) von einem Licht erzählt, das er sogleich in wilden Farben aufmalt und beschreibt und das sogar zu Unheil und Verbrechen führen könne, trinken die beiden giftgrünen Absinth. Wenn van Gogh in einer Krise nicht mehr das Gefühl für die Schönheit seiner Welt hat, das er zum Malen braucht, sondern wenn er fürchten muss, sich selbst im Wege zu stehen und das nicht überwinden zu können - dann sieht er sich tatsächlich selbst als sein eigenes Hindernis und als sein Gegner, verzweifelt beim Blick in den Spiegel. Und dieses Sich-im-Wege-Stehen ist derart übermächtig, dass er bei einem Ausweichen nur noch eine völlige Leere vor sich hat - fatal für einen Künstler! Van Gogh entfernt sich vom Spiegel, die Kamera nicht, und sie zeigt diese Leere, aus der sogar die Rotakzente verschwunden sind. Da bleibt van Gogh nichts anderes übrig, als das Rot durch das Abschneiden des eigenen Ohres wieder ins Bild zurückzuholen. Nach einer halbwegs aussichtsreichen Genesung, bei der peu à peu das Rot wieder ins Bild kommt, ist es am Ende ganz verschwunden, vor einem besonders großen Gemälde. Von den Raben, die nicht erst bei Edgar Allan Poe Todesboten waren, bleiben nur noch Spuren in van Goghs Werk übrig - vielleicht das stimmige Zeichen, dass das Werk das Leben überdauern wird.
Es sind diese eher assoziativen als streng logischen Momente, mit denen Minnelli so wunderbar erreicht, dass ich nichts erklären, aber alles fühlen kann. Wer Lust hat, mag daneben auf das immer reich mit aufmerksamen Details am Rande gefüllte Breitwandbild achten. Dort gibt es Dinge zu entdecken wie eine scheinbar bedeutungslose picknickende Familie, die Gauguin und van Gogh beim intellektuellen Disput völlig am Ar--- vorbei geht, obwohl Letzterer doch immer so viel Emphase für die einfachen Leute empfinde. Er ist eben ein Zerrissener, Getriebener auf der Suche nach dem für ihn passenden Ausdrucksmittel, darin rastlos und besessen. Dass er sein Ziel letztlich doch, wenn auch unwissend, mit seinen Bildern erreicht haben könnte, lässt sich daran erahnen, dass sie gelegentlich Wahrheiten unter der Oberfläche enthüllen. Das wilde Rot der Zeichnung um eine Lampe (der gleichen aus der Absinth-Szene, in der dieses Licht als zerstörerische Ur-Kraft beschrieben wurde) wird unmittelbar vor der Ohr-Abschneide-Szene noch einmal als Symbol für van Goghs Befindlichkeit eingeblendet. Zeichnungen aus van Goghs Anfangsphase zeigen in auffälligem Kontrast hierzu Falschheit und Schein; so auch den Schein der Sonne im Gotteshaus für Bergarbeiter, die diese Sonne doch niemals sehen können und die Pfarrer van Gogh (noch) nicht versteht.
So lässt sich vieles, was dieser Film an den sehr aufmerksam inszenierten Rändern zeigt, detektieren, analysieren, interpretieren. Das Zentrum aber ist ganz und gar eine eigenständige Bild-Dynamik außerhalb der Erzähloberfläche. Und zwar eine, die berührt und begeistert - eine, von der ich schon ganz genau weiß, dass sie meisterhaft ist, auch wenn oder gerade weil sich dies nicht als pure Ausstaffierung der klassischen Dramatik deuten lässt.
Der Film hat die aus Amazons Angaben ersichtlichen Sprachen, eine sehr gute Bild- und eine altersbedingt etwas rauschende Tonqualität. Die Filmmusik von Miklos Rosza ist gelegentlich ein bißchen zu bleiern und überpräsent, aber das kann man gegenüber dem ansonsten in den höchsten Tönen zu lobenden Film vernachlässigen. Die Angabe "177 Minuten" dürfte ein Druckfehler sein, es sind 117. Drew Caspar ist für mich einer der besten Audiokommentatoren, der viel Wissenswertes und kluge Interpretationen zum Besten gibt und oftmals hart am Bild bleibt, während Audiokommentare häufig wenig bis gar nichts mit den gerade gezeigten Szenen zu tun haben. Caspars in den Betonungen etwas überzogen-exaltiert wirkende Sprechweise ist nicht jedermanns Sache (er weiß viel, und er weiß, dass er viel weiß", schrieb zu Recht einmal ein Rezensent eines anderen von ihm kommentierten Filmes), aber für mich kann es nichts Wertvolleres als einen viel sagenden vielsagenden Vielwisser geben.