Berühmt ist Charlotte Bronte, die älteste der drei Schriftstellerinnen, bis heute für ihren Bestseller "Jane Eyre", der damals die Literatur revolutionierte. Es war der erste moderne Roman, der von einer Frau aus der Ich-Perspektive geschrieben wurde (vorherige Romane mit Ich-Erzählerinnen waren immer von männlichen Autoren geschrieben, Jane Austen schrieb ausschließlich aus der dritten Person oder in Briefen). Dass eine Frau, noch dazu eine unscheinbare Frau aus der einfachen Mittelschicht es wagte, "ich" zu sagen, war neu.
Auch in "Vilette" schreibt Charlotte Bronte aus der ersten Person heraus, auch in diesem Roman verwendet sie eigene Lebenserfahrungen, Ansichten und Betrachtungen. Wobei die unbeholfene und schnell eingeschüchterte Lucy Snow ihr als Person vielleicht sogar näher kommt als die doch recht selbstbewusste und willensstarke Jane Eyre. Auch die Neigung zu depressiven Phasen und die Hypochondrie sind bei Charlotte biographisch belegt.
Man könnte viel spekulieren, wie sich Charlotte Brontes eigenes Leben in dem Roman spiegelt, aber das, denke ich, ist für den Leser an sich nicht wirklich relevant, denn der Roman steht durchaus ganz für sich. Persönlich fiel mir auf, dass sich Charlottes Sprache seit ihrem Erstling verändert hat, oft klingt "Vilette" ähnlich kraftvoll und direkt wie Emily Brontes "Wuthering Heights", Charlotte hat sich von dem romantisierenden Ton wegbewegt und ihren Stil sozusagen "modernisiert". Lucy ist in ihren Ansichten "radikaler" als die fromme Jane und auch das Tempo der Erzählung an sich hat sich trotz der Dicke des Romans gesteigert. (Und es ist sicher kein Zufall, dass sie im gleichen Zeitraum gerade den Roman ihrer verstorbenen Schwester für eine Neuveröffentlichung durchgesehen und leicht bearbeitet hatte). Die Schilderung von Lucys Melancholie/Depressionen, die aber durch ihre oft eben einfach deprimierende Lebenslage als mittellose, alleinstehende Frau begründet sind, ist absolut untypisch für die Literatur und das Frauenbild der Hochzeit des Viktorianismus, so dass es nicht überrascht, dass "Villette" mehr noch als "Jane Eyre" als einer der ersten feministischen Romane gesehen wird.
Ungewohnt und für so manchen Leser sicher enttäuschend ist der zwiespältige Schluss von "Villette", hier wird die Frage: "Kriegen sie sich?" anders als bei Charlotte Brontes anderen Romanen nicht beantwortet. Auch dies macht die Modernität von "Villette" aus.
Ich kenne viele Leser/innen, die bedauern, dass Emily Bronte nur einen Roman schrieb und gern mehr von ihr gelesen hätten. Hier kann man "Vilette" tatsächlich als Alternative empfehlen.