Zunächst war ich von der „Villa Europa“ sehr begeistert. Die Entwicklungen der norwegischen, urbanen Gesellschaft werden über Jahrzehnte hinweg (soweit ich es beurteilen kann sehr treffend und lebendig) nachgezeichnet, so dass sich „Villa Europa“ wie eine fesselnde und unterhaltsame `Geschichte Norwegens` liest.
Auch die Erzählweise, die den Blickwinkel der Erzählung sozusagen wie einen Staffelstab, von Kapitel zu Kapitel an andere Personen (und somit Generationen) weitergibt, empfand ich als eine beeindruckende und frische Idee.
Leider wurde mir während der Lektüre nach und nach deutlich, dass Ketil Björnstads Roman (oder der Autor persönlich?) an einem merkwürdigen Phänomen krankt. Die „Villa Europa“ ist eine absurd-übertriebene feministisch motivierte Schwarz-Weiß-Zeichnung.
Kurz gesagt werden kapitelrauf und -runter idealistische, gut aussehende, intelligente, sensible, erfolgreiche -kurz: völlig hehre- Frauengestalten von männlichen, egozentrischen, geldgeilen, übergewichtigen Drecksschweinen vergewaltigt. Wahlweise können die Männer die Rolle des treudoofen Trottels und Schlappschwanzes übernehmen – nicht einer ist einfach „ok“.
Mich langweilt eine solche, vereinfachende Weltsicht. Ich kann es nicht deuten, was Herrn Björnstad zu einem derartig heftigen Feministen macht. Ist es eine übertriebene Political Correctness, die im liberalen Skandinavien vorherrscht? Oder hat Herr Björnstad seine besten Buchabsätze unter Frauen? Allerdings müssten diese auch arg einfach gestrickt sein, um diese Holzschnittartigkeit zu übersehen…
Ich gebe zu: man wird auf dem Klappentext vorgewarnt. Von „starken Frauen“ ist da die Rede. Da müssten die „Vorsicht-Brigitte-Literaturtipp-Warnglocken“ schon schrillen. Aber können nicht einfach -wie in (meiner) Wirklichkeit auch- Frauen und Männer gleichermaßen stark und/oder schwach sein?
Grundsätzlich ist dieser Roman ein schönes und stimmungsvolles Bild der Osloer Gesellschaft (und der Gesamteuropäischen), die Erzählidee ist großartig aber die „Colorierung“ der Personen ist etwas zu seicht.
Deshalb nur drei Sterne (zweieinhalb wäre mir lieber, ist aber nicht möglich)!