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Echo aus Bologna
Umberto Ecos «Vier moralische Schriften»
Als in den zwanziger Jahren unseres geplagten Jahrhunderts der Philosoph Walter Benjamin eine später berühmt gewordene Schrift des französischen Essayisten Julien Benda rezensierte, gab sich der Kritiker vornehmlich ablehnend. In «La trahison des clercs» hatte Julien Benda, auch die Umtriebe der Action française vor Augen, das Ideal einer Gemeinschaft des Geistes beschworen, die von den Händeln des Tages sich fernhalten und des politischen Kommentars entraten sollte. Nichts anderes hätte der Verrat am Amt bewirkt als eine Verschwendung der Kräfte und die Trübung des Blicks. Walter Benjamin replizierte auf diese Polemik mit einer Gegenpolemik. Es sei durchaus Pflicht der Intellektuellen, die causa publica zu kommentieren, wenn nötig mit Zorn und Leidenschaft.
Uns aber zeigt sich am Ende des Säkulums, dass im Schrifttum der Zeit wenig so blüht wie der intellektuelle Kommentar. Oder in Abwandlung einer frühromantischen Direktive: die Welt muss kommentiert werden. Sogar will es zum Ritual geistiger Selbsterhaltung gehören, bald jedem Geschehnis unserer (Un-)Kultur eine Bedeutung, ja eine «Moral» abzupressen. Das wäre eine andere Hinterhältigkeit der Globalisierung im Masse des Wissens (des Ahnens?, des Vermutens?) müssen alle für alles zuständig sein. Dass es Dinge geben könnte, welchen der Verstand und die Kraft des Schweigens viel eher als Wort und (ästhetisches) Manifest entsprächen, sei bloss am Rand vermerkt.
Und wir zögern denn, Umberto Ecos neustes Buch «Vier moralische Schriften» nur zu rühmen. Hier zieht es den begnadeten Schriftsteller und Literaturtheoretiker, sozusagen: wie von selbst, auf das Feld der Ethik. Die Texte handeln erstens vom Krieg, zweitens vom Faschismus; drittens von der Nächstenliebe und viertens von der Toleranz. Übrigens eignet ihnen hohe Verständlichkeit; sie sind an ein breites Publikum adressiert. Fasste man sie unter einen Nenner was nicht gar so einfach ist, wie die Einleitung suggeriert: auch historische und theologische Probleme tauchen auf , so wäre ihr Anliegen das gute, aus humaner Vernunft geschöpfte Leben.
Wer wollte dagegen etwas einwenden? Keine vernünftige Seele. Ist also der Krieg, um den ersten Essay anzuspielen, in irgendeiner Weise noch zu rechtfertigen? Eco meint: nein. Und er begründet oder eher: er illustriert dieses Nein mit den folgenden Hinweisen. Einmal sei es die «Instant-Informationsgesellschaft», welche den Krieg «unmöglich und widersinnig» mache. Sodann gefährde heute jeder Krieg die Bewohnbarkeit des Planeten. Weiter verhinderte der moderne Informationsfluss die Überraschungsaktion. Auch könnten inzwischen keine «gerechten Kriege» mehr stattfinden. Ferner laufe der Krieg, wiederum: heute, quer durch die Fronten. Zuletzt schaffe die visuelle Evidenz des Tötens eine Hemmung gegen Gewaltanwendung.
Im Ineinander solcher Aperçus verschwindet freilich die Analytik. Und unwillkürlich beginnt man sich zu fragen, was wohl David Hume von diesen Erwägungen gedacht hätte. Denn zu unterscheiden zwischen Sein und Sollen, zwischen Wünschen und Realitäten, wäre das eine; das andere dann meinte, vor aller Unmöglichkeitstheorie, die Anerkennung der Tatsache kriegerischer Ereignisse: als Ausgangspunkt jedes denkbaren Friedenskonzepts. Dass mediale Präsenz allein Kriege zu verhindern vermöchte, ist eine abwegige These, wie die Beobachtung seltsam anmutet, dass schon ein Querverlauf von Fronten sie unterbinden könnte. Eco muss die Widersprüche selber ein wenig gespürt haben. Am Ende mündet die Betrachtung in ein gut europäisches Plädoyer für die Erziehung zum Frieden, besser: zur Friedfertigkeit.
Pädagogik ist das Stichwort. Sie fügt sich besser in einen Text, der eine Art von Phänomenologie des Faschismus versucht und ursprünglich als Vortrag an der Columbia University gehalten worden war. Eco erzählt zunächst von der eigenen Kindheit und Jugend unter dem Regime Mussolinis: wie ihm die Wucht der Worte «permanenter Krieg», «Bewegung», «heroisches Leben» aus den Lautsprechern entgegenschallte und nachklang; und wie er nach der Befreiung plötzlich merkte, dass die Redefreiheit auch ein Stück Freiheit von Rhetorik war. Eine «Wolke von dunklen Instinkten und unauslotbaren Trieben» sei der Faschismus. Anderseits könne seine italienische Fassung zumal im Konglomerat gegenläufiger Erscheinungen mit der germanischen Prägung des Nationalsozialismus nur mit Vorsicht verglichen werden. Während nämlich in Italien letztlich eine einzige politische und ideologische Verwirrung geherrscht habe, sei das Leben in Deutschland einheitlicher: also totalitärer organisiert worden.
Gewiss. (Es wäre uns auch schon zu Bewusstsein gekommen.) Gab es aber, wie Eco etwas schnell meint, «nur eine Nazi-Architektur und nur eine Nazi-Kunst»? Da unterläuft der Autor selbst das von ihm vorgeschlagene Deutungsprinzip, wonach ein Begriff im Sinne von Wittgensteins Sprachspiel im Zusammenhang seines (lebensweltlichen) Gebrauchs zu erläutern sei. Es nimmt dem Nationalsozialismus nichts von seinem Schrecken, wenn ein Historiker darauf hinwiese, dass weder Speer noch Arno Breker ihre Kunst nicht auch aus anderen Vorgaben zogen. Und wenn Umberto Eco zum Beschluss des Freskos eine Liste von Merkmalen des «Ur-Faschismus» entwirft, als ob er sich mittelalterlicher Scholastik befleissigen wollte, mag zwar vieles zutreffen, ohne dass doch die spezifisch geschichtlichen Konstellationen ihr Gewicht fänden.
Dem Lehrer und Redner kommt es hier auf Detailschärfe nicht so sehr an wobei just bei solchen Themen Krieg, Totalitarismus die Tücke gern im Detail steckt. Ecos interessantester Essay führt denn auch von den politischen Fragen und Konstellationen auf ein Gebiet, das dem Philosophen eher entspricht. Der Aufsatz ist ein Brief an den Kardinal Carlo Maria Martini, und er sucht Antworten auf die Herausforderungen einer strengen christlichen Ethik. Gibt es eine nichtmetaphysische Ethik? Eine Lehre des richtigen Tuns, die sich zwar keinem Glauben an ein Transzendentes verpflichtet weiss, gleichwohl aber wenn nicht das Höhere, so doch das Bessere sucht?
Eco bekennt, dass sein Agnostizismus (in ethischer Absicht) nach langer, sorgsam gepflegter Kirchentreue einer quälenden «inneren Wandlung» entsprungen sei. Weiter: auf der Suche nach semantischen Universalien nach Erfahrungsformen, welche allen Menschen in jedem Falle zukommen sollen entdeckt er die Erfahrung des Körpers im Raum. Schon der «tierische Adam» kennt «oben» und «unten», «hoch» und «tief», «links» und «rechts». Schon dem ersten Menschen ist mit Bewusstsein an seiner leiblichen Unversehrtheit gelegen. Im Anderen dann, im Gegenüber, findet er, mindestens insofern, seinesgleichen, und er lernt, dass er ohne den Blick und die Gegenrede dieses Anderen niemals begreifen kann, wer er ist. Wenn aber die Geschichte das Medium stellt, in welchem das Bedürfnis nach Anerkennung immer wieder enttäuscht und ins Gegenteil der Aggression verschoben wird, so obläge es dem Lernprozess ethischer Aufmerksamkeit, dem Universale vom Körper im Raum ja: schonend nachzugehen.
Und, wer weiss, vielleicht zählt es zur Not jeder humanen Vernunft, dass sie zwischen Sollen und Sein, zwischen dem, was in seinen Widersprüchen ist, und dem, was fürs geglückte, freie Leben zu verlangen wäre, nicht immer mit kaltem Blick zu unterscheiden weiss. Es mag dann auch der Krieg unmöglich sein oder werden: wenn in dem Wort «unmöglich» das andere der Doppeldeutigkeit aufscheint; die moralische Gewissheit, dass er im Prinzip das Falsche ist.
Martin Meyer -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .
Damit sind seine Moralischen Schriften Musterbeispiele für das Denken eines Schriftstellers und Intellektuellen, der sich nie damit begnügte, alte Rezepte wieder aufzuwärmen.
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Im ersten Aufsatz äußert sich Eco zum mit Waffen ausgetragenen Krieg zwischen Nationen. Er führt vielfältige Gründe dafür an, warum nach seiner Ansicht in der modernen Zeit mit ihren technischen Möglichkeiten solche Auseinandersetzungen unsinnig sind und warum letzten Endes niemand davon einen Vorteil hat. Der Faschismus wird im zweiten Aufsatz aus persönlichen Erfahrungen Ecos heraus beschrieben. Eco analysiert die diversen Ausprägungen des Faschismus in verschiedenen Ländern und zeigt hinter den vorhandenen Unterschieden die zugrundeliegenden Denkmuster und Gemeinsamkeiten auf. Ein Briefwechsel mit einem italienischen Kardinal zum Thema "Woran glaubt, wer nicht gläubig ist?" versucht, Wurzeln und Schnittpunkte für eine gemeinsame Ethik zu finden. Im letzten Teil des Büchleins schließlich faßt Eco zwei Vorträge und einen Zeitungsartikel zusammen, die "die Migration, die Toleranz und das Untolerierbare" an Beispielen behandeln. Mit diesen vier Schriften zu Themen, die wohl nicht so schnell ihre Aktualität verlieren werden, fordert Eco gewissermaßen zu einer intellektuellen Auseinandersetzung auf.
Durch die Lektüre wurde ich zum Nachzudenken über diese Themen angeregt und letztendlich dazu gebracht, bestehende Einstellungen zu überdenken und in manchen Punkten neu Stellung zu beziehen. Die Mühe der manchmal etwas anstrengenden Lektüre hat sich, finde ich, deshalb gelohnt.
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