Neue Zürcher Zeitung
Spinnweben, taunass am Ginster - Die Fotoarbeiten des Dichters Arno Schmidt Uwe Stolzmann Porträts aus seiner Zeit in der Lüneburger Heide zeigen den Dichter einsam, wie hineingestellt in die karge nördliche Landschaft, mit diesem Zug Missmut oder Verbitterung im Gesicht und häufig mit Fotoapparat: Arno Schmidt, Jahrgang 1914, liebte seine Yashica 44 (einen kleinen Nachbau der Rolleiflex), er nutzte die Kamera auf ausgedehnten Spaziergängen als Notizbuch. In der Ablichtung flüchtiger Wahrheiten sah der Erzähler einen «Protest gegen die Vergänglichkeit». Am Schreibtisch, daheim, hat er das Flüchtige im Wort fixiert. Schmidts Prosa lebt von kontrastreichen Bildern; den Prozess des Erinnerns beschrieb er gern mit dem Vokabular des Fotografen: «Immer erscheinen zunächst zeitrafferisch einzelne, sehr helle, Momentaufnahmen (= Bilder) . . .» Mehr als 2500 der Schmidt'schen Farbdias im seltenen Format vier mal vier sind erhalten. Ein Teil ist nun erstmals publiziert worden. Herausgeber Janos Frecot hat vor allem Landschaftsbilder ausgewählt, Aufnahmen, die Schmidt als Beobachter und Chronisten des Alltäglichen zeigen: Sandwege durch die Ödnis, Vieh auf der Koppel («Kühe in Halbtrauer»!) und Sturm in den Büschen am Rain, man meint das herbstnasse Laub zu riechen. Es gibt dramatische Effekte, Abendglühen und Gewitterhimmel. Es gibt viel unauffällige Schönheit, rostroten Farn, Wälle blühender Hecken, Spiegelbilder im See. Es gibt, bisweilen, ein Leuchten über der Landschaft, aber keine Menschen. Das Land ist leer so wie der Spaziergänger, der Einzelgänger es sich erträumte. «Das Verlässlichste», schrieb er, «sind Naturschönheiten.» Schmidt zeigt sein Heim: das Holzhaus, klein und grau, eine Klause zwischen Obstbäumen und Sträuchern. Er zeigt uns den Blick hinab aus dem Arbeitszimmer, den Garten an einem verhangenen Morgen, Spinnweben, taunass am Ginster. Und er zeigt Bargfeld, immer wieder, Refugium seit 1958 bis zum Tod des Dichters 1979 eine Scheune, eine Mühle am Fluss, die verlassene Dorfstrasse. Bargfeld, zerbrechliches Idyll; hinterm Zaun dröhnt der Mähdrescher. Man findet erstaunliche Studien: zwei Katzen im Liegestuhl in einem Fest aus Licht-und-Schatten-Streifen; das Bildnis einer Sackkarre mit Charakter; Porträts geschundener Bäume. Schmidt hatte einen Blick für das Besondere im Banalen. Ein «Knipser» sei er keineswegs gewesen, schreibt Herausgeber Frecot, vielmehr auf dem Weg zum Autorenfotografen. «Die Leute, die mich besuchen kommen, wundern sich manchmal, dass die Gegend hier öde wäre», sagte Arno Schmidt 1969. «Wenn sie nämlich mit einem meiner Bücher in der Hand dann einen beschriebenen Weg entlanggehen und sie sehen nichts.» So mag es auch dem Passanten ergehen, der sich nur zufällig in die Bilderwelten des Arno Schmidt verirrte. Die Freunde des Dichters aber sehen hinter allem seine präzise gestaltende Hand, im besten Fall sogar den Autor selbst: Schmidts Schatten über der Landschaft, wie eine Signatur.
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Buchnotiz zu : Frankfurter Rundschau, 05.11.2003
Für Ulf Erdmann Ziegler besteht kein Zweifel: Arno Schmidt hatte "ein fotografisches Projekt am Laufen". Dies ist der erste von zwei geplanten Bänden mit fotografischen Arbeiten Schmidts, die ein ganz unbekanntes Nebenwerk enthüllen. Hans Wollschläger soll Schmidt zum fünfzigsten Geburtstag die Yashica-Kamera geschenkt haben, die mit ihrem 4 x 4-Format Pate für den Titel des Buches stand, berichtet Ziegler. Es sei dem Kurator Janos Frecot zu danken, dass er die Suggestivität dieses Formats begriffen und ohne Mätzchen mit 18 mal 18 Zentimeter auch auf Papier übernommen habe, lobt der Rezensent. Wohltuend sei auch, dass Frecot gegen literarische Parallelstellen entschieden habe, so dass die beeindruckenden Aufnahmen der Heidelandschaft bei Bargfelde für sich sprechen können. Das Sensationelle an den Fotografien ist für Ziegler die Farbe. Mal sieht die Landschaft aus wie in der Toskana, mal wie auf Island oder in Thüringen, staunt Ziegler. Schmidt war den Natur-Phänomenen auf der Spur, erklärt er, Wind, Schatten, Morgentau, Wolken; die Landschaft als Gesamtbild habe ihn nicht interessiert, gängige Einstellungen von Vorder- und Hintergrund wurden von Schmidt ignoriert.
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Buchnotiz zu : Die Tageszeitung, 03.01.2004
Zunehmend fasziniert zeigt sich Jan Süselbeck von den "erstaunlichen, teils an Gemälde erinnernden Arbeitsproben des fotografischen Beobachters Arno Schmidt", die Janos Frecot, Archivar der Arno-Schmidt-Stiftung, aus Tausenden von im Archiv lagernden Farbdias ausgewählt hat. Süselbeck würdigt Schmidts Sinn für "dämonische Wetterlagen" und "fast schon unwirkliche Naturfarbspiele und geometrische Landschaftsformen". Er sieht Parallelen zu Schmidts literarischen Arbeiten: eine düstere Zypresse im nebelverhangenen Wald etwa wirke wie eine dunkle Erinnerung an romantische Erzählungen Friedrich de la Motte-Fouques, jenes literarischen Ahnherren, den der junge Schmidt so abgöttisch verehrt habe. Süselbeck hebt hervor, dass die Natur, die Schmidt beobachtet und manchmal "geradezu mikroskopisch genau" auf seine Filme gebannt habe, meist menschenleer ist. Schmidts Blick auf sie nennt er "gnostisch", womit gemeint ist, dass Schmidt die Zerstörung und die Grausamkeit als ihr bestimmendes Moment sieht. Ein Lob zollt Süselbeck auch Frecot für seine "nüchterne Präsentation" der Motive, die es dem Betrachter ermögliche, sich selbst "ein Bild" zu machen.
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