Vor ca. fünf Stunden habe ich den Roman von D.S.Baltenstein beendet und nun lese ich im Internet und im Spiegel 52/2002, dass hinter dem Pseudonym ein Autorenkollektiv, bestehend aus einem Berliner Deutschlehrer und vier seiner ehemaligen Schülerinnen (mittlerweile Studentinnen) steht. 60 Verlage haben das Manuskript abgeleht (Zitat Michael Schmid), endlich hat es der Eichborn Verlag akzeptiert, unter der Voraussetzung, dass eine fiktive Autorin erfunden wird und nicht etwa "Lehrer mit seinen Schülern" steht. Das hätte das Buch bei einer breiten Masse wohl unverkäuflich gemacht... (oder ?!?).
Ich auf jeden Fall bin von dem Schmöker hellauf begeistert. Der Schreibstil ist relativ altmodisch, die Sprache manchmal etwas blumig. Verschiedene eingestreute lateinische Zitate heben den hohen Anspruch des Werks hervor. Es handelt sich dabei demzufolge nicht um eine leicht geniessbare Bettlektüre. Wer sich allerdings auf dieses Abenteuer einlässt, davon bin ich überzeugt, wird wie ich begeistert sein.
Die ersten 125 Seiten ziehen sich etwas schleppend dahin. Das alte Schloss im Schottischen Hochmoor nahe des ebenfalls legendenumwobenen Sees "Loch Ness" wird bis in alle Details mit akribischer - fast schon naturwissenschaftlicher - Genauigkeit beschrieben: vier Türme, einer davon eingestürzt, geheimnisvoller Brunnen, verschlungenen Geheimgänge, Weinkeller, Folterkammer und eine Kirche im Ostflügel... alles eben, was zu einem klassischen Schauerroman gehört. Und viele dieser Räumlichkeiten werden im weiteren Verlaufe der Geschichte auch eine wesentliche Rolle spielen...
Ab ca. Seite 130 überschlagen sich dann die Ereignisse. Aus der vermeintlichen Idylle zweier Handvoll Literaten entwickelt sich eine Tragödie sondergleichen. Ein Teilnehmer des Symposiums nach dem anderen wird gemeuchelt.
Die Spannung steigert sich von Seite zu Seite, die anfängliche Langatmigkeit ist wie verflogen. Zwischen zwei der Teilnehmer entwickelt sich zudem eine zarte Liebesbande, die durch die schrecklichen Ereignisse auf eine harte Zerreissprobe gestellt wird.
Und was haben die Märchen der Gebrüder Grimm, namentlich "Der Froschkönig" und die "Frau Holle" mit den Vorkommnissen zu tun? Auf der Suche nach dem literarischen Muster für die Ungeheuerlichkeiten öffnen sich dem Ich-Erzähler immer weitere Abgründe, immer weiter wird der verdächtigte Täter-Kreis gezogen.
Bis 20 Seiten vor Schluss war ich hin- und hergerissen, wer denn nun der hinterhältige Mörder sein möge...
Mein Urteil: Absolut empfehlenswert. Ein literarisches Meisterwerk. Spannung und Unterhaltung pur.