Der viel beachtete Debütroman "Meine nachtblaue Hose" handelte von einer außergewöhnlichen Liebesgeschichte, die aus tausenden von Erinnerungswebfäden zusammengesetzt war. Jetzt hat David Wagner einen Roman geschrieben der nur einen Schauplatz hat, nämlich den Supermarkt. In diesem Buch erzählt er nicht mehr oder weniger als vom Besuch eines Supermarkts. Es gibt Bücher die entführen uns in weit entfernte exotische Welten und dann sind es andere Bücher die begeistern uns, weil sie sehr nah an unserem eigenen Alltag angesiedelt sind.
Es ist ein Roman über die traurige Schönheit der alltäglichen Dinge der in Anlehnung an die Proustsche Eigenart "Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen" mit dem Satz "Lange bin ich gar nicht gern in Supermärkte" gegangen beginnt. Ein schmales, leichtes
Buch, in dem der Autor auf nur 156 Seiten fein durchnummerierten Seiten, mit Blick auf die existenziellen Dinge des Lebens, unsere Wahrnehmungsweisen schärft und möglicherweise modifiziert.
Supermärkte sind die Museen der Moderne. Die Zeit der kleinen Tante Emma Läden ist endgültig vorbei. Der Ich-Erzähler, ein namenloser Mann, wandert irgendwo am Prenzlauer Berg durch einen Supermarkt. Er legt vier Äpfel auf die Waage und die wiegen zusammen genau 1000 Gramm. Er klebt das Etikett mit der Strichcodezeichnung auf die Tüte, schiebt den Einkaufswagen durch die Gänge einer von ihm bisher kaum wahrgenommenen Welt, wobei er darüber nachgrübelt, weshalb jeder Apfel genau 250 Gramm wiegt. Er lädt weitere Waren die er benötigt in den Einkaufswagen, und dann passiert das, was er im Moment als melancholischer Held am allerwenigsten gebrauchen kann. Ob Marmeladenglas, Nudelpackung, Pizza, Himbeeren, Fische oder Zahnpasta , alles führt bei dem Ich-Erzähler zu allerlei Assoziationen und philosophischen Gedankengängen, die ihn an L. erinnern, die Frau die ihn nach kurzer Ehe verlassen hat. Als Supermarktgespenst und Wiedergängerin" verfolgt sie ihn und lässt ihn auch hier nicht in Frieden. Man könnte vermuten, es ist vielleicht ein wenig prosaisch oder öde, das Gegenteil ist der Fall.
Leichtfüßig, mit erhellendem Humor erfährt man viel über die Produkte und so wird in einer gewagten Konstruktion das Konsumparadies zu einem hyperrealen Ort, eben zu einem Museum der Moderne und wie in einer Assoziationsmaschine schweifen die Gedanken des Ich-Erzählers auch immer wieder ab in die 70 er und 80 er Jahre, als man noch in kleineren Läden verführungsfrei andere Dinge kaufte und die Supermärkte noch in den Anfangsstadien waren. Wir verfolgen diesen Ich-Erzähler in seinem Gedankenstrom und diese ganze Warenwelt, der er sich gegenüber sieht, löst bei ihm immerzu die unterschiedlichsten Assoziationen, Verbindungen und Gedanken aus. Auf diese Weise lernen wir ihn mit seinen Marotten, Sehnsüchten, Erwartungen und natürlich auch Traurigkeiten kennen.
Nach der Lektüre dieses philosophisch unterlegten, teilweise nachdenklichen und deprimierenden Textes fragt man sich als aufmerksamer Leser, warum das Sujet "Supermarkt" in der Literatur bisher nicht vorkommt, ist es doch in unser heutigen Zeit eine Art Paralleluniversum in dem die Menschen und Produkte viel Reflexionsraum für die unterschiedlichsten Assoziationen liefern und ein idealer Ort an dem energisch Konsumkritik geübt werden könnte. "Vier Äpfel" erzählt von tieftraurigen Produkten, einer Liebe die nicht mehr Gegenwart, sondern Vergangenheit ist. Das alles ist sehr witzig und geistreich aufgeschrieben, wobei es eine Reihe ganz origineller Beispiele gibt, "Spinat zu Spinoza", "Warentrenner", "Himbeeren, die die Farbe von Küssen haben", "Weichspüler als Sozialindikator", "Verführerischer Duft am Bäckerstand" oder "Zahnpastatreue".
Schließlich wird in dem Buch so schön erzählt, wie Produkte aus der Warenwelt unsere Vorstellung von der Welt formen und dass wir als Konsumenten immer gern zu Produkten greifen, die schon immer Teil unserer eigenen Biografien gewesen sind. So fungieren die Produkte auch als Vehikel der Erinnerung, das heißt, wir haben es mit einem fortdauernden Marcel Proustschen "Madeleine Effekt" auf Warenebene zu tun. In diesem Kontext erzählt der Protagonist auch, wie er als Kind alles "Künstliche" viel besser fand als das "Natürliche".
Natürlich ist der Supermarkt darüber hinaus auch ein Ort der Begegnung und obwohl man weiß, dass man dort eigentlich noch nie einen Menschen kennengelernt hat, hegt man doch immer die vage Hoffnung dass es dort eines Tages zu einer entscheidenden Begegnung kommen könnte. Wichtig dabei, so Wagner, immer darauf achten welche Produkte wer im Einkaufswagen hat. Es ist die kapitalistische Warenwelt, von der der Autor letztendlich fasziniert ist.
Ich habe das atemlos durchgelesen, aber ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was treibt diesen Typ zu diesen kaleidoskopartigen Reflexionen?