Der Beginn des Debütromans "Vienna" von Eva Menasse ist einfach großartig. "Mein Vater war eine Sturzgeburt. Er und ein Pelzmantel wurden Opfer der Bridgeleidenschaft meiner Großmutter, die obwohl die Wehen einsetzten, unbedingt noch die Partie fertigspielen mußte." Und nicht nur der Beginn. Denn die Geburt des Großvaters ist nur der Anfang einer Fülle von Anekdoten und Pointen, die die wortgewaltige und wunderbar erzählende Enkelin in dieser fulminaten Familiengeschichte zum Besten gibt. Eine höchst schicksalträchtige Familie zudem, denn der Großvater ist ein Wiener Jude und die Großmutter einer mährische Katholikin. Weiter gab es in dieser Familie Nazis und Kommunisten. Eine Mischung also, die (es) zu (be-)denken gibt.
Allerdings ist "Vienna" kein Schlüsselroman, so Eva Menasse, die 1970 in Wien geborene, gelernte Journalistin und Autorin ("Der Holocaust vor Gericht") hat sich mit diesem Debüt nicht nur in die Herzen der Leser, sondern auch in die Bestellerlisten geschrieben. Ein Ruhm also, der nichts damit zu tun hat, dass der Vater österreichischer Fußballnationalspieler war und der große Bruder Robert ein berühmter Schriftsteller ist. Beide finden im Roman übrigens ihren angemessenen Platz.
Das 20. Jahrhundert mit seiner schicksalhaften Geschichte bildet den Hintergrund dieses Romans, der nicht weniger schicksalhaft Ereignisse aufzuweisen hat. Die drei Kinder werden auf der Flucht vor den Nazis in die Welt verschlagen, die Jungen nach England, das Mädchen nach Kanada, wo es sich still aus der Geschichte verabschiedet. Einer der Jungen wird wie schon erwähnt Fußballer, der andere zieht auf englischer Seite in den Dschungel von Burma. Nach dem Krieg kehren beide, jetzt nur noch Vater und Onkel genannt, nach Wien zurück. Sie sind wie die gesamte Familie ausführlicher Gesprächsstoff, vor allem aber Tante Gustl mit dem Kreuz auf dem Busen und der angetraute katholische Bankdirektor Adolf Könisgberger, genannt Dolly Königsbee. Er ist Lieferant prägnanter Versprecher und unvergesslicher Anekdoten. Und manche sind einfach lebensrettend.
Sie alle und viele andere herrliche Figuren reden permanent miteinander und gegeneinander und vor allem durcheinander. Und jede Geschichte gebiert eine neue - meist tragisch-komische, einschließlich der großen und kleinen Katastrophen des Lebens. Dieser Geschichtenfundus zerrinnt dieser Familie zwischen den Fingern, als die Enkelgeneration beginnt, verschiedene Fragen zu stellen. Denn "eines Tages erschien mein Bruder mit sensationsheischendem Gesichtsausdruck und verkündete, daß wir gar keine Juden seien". Denn Jude ist nur, dessen Mutter Jüdin ist. Damit stehen plötzlich alle Sicherheiten und die Identität auf dem Spiel. Die "verminten" Familiengeschichten bewegen sich jetzt auf sehr dünnem Eis. Es hilft nur noch das Sich-Erinnern, das Erzählen als Vergewisserung. Denn von der Vergangenheit bleibt nur, was erzählt wird.
Dieses Sich-Erinnern aus der Distanz, die die Enkelgeneration hat, macht Eva Menasses Roman - "ich habe versucht, meine Familie neu zu erfinden" - so aufregend und spannend. Sie entwirft mit dieser Geschichte nicht nur ein herrliches Panoramabild einer Wiener Familie mit jüdischen Wurzeln. Sie zeigt sich zugleich als hervorragende Chronistin einer Epoche. Und sie macht dies auf faszinierende Art.