"Unsere Vorstellung von der uns vertrauten Materie, von der soliden Substanz der Dinge, vom festen, festen Tisch, vom Stuhl, hat sich als Trugbild erwiesen. Wir haben die Substanz aus der einheitlichen Masse ins Atom verfolgt, aus dem Atom ins Elektron, und dort ist sie uns verloren gegangen mitten auf dem quantentheoretischen Wahrscheinlichkeitswellenkamm", konstatiert Ulla Berkewicz in dem vorliegenden, schon 2002 zuerst publizierten Buch, das nun für den von ihr selbst gegründeten Verlag der Weltreligionen innerhalb der Suhrkamp-Gruppe, deren Verlegerin sie ist, neu aufgelegt wurde.
Doch sie fragt: "Sind wir der Erklärung des Lebens denn um einen Schritt näher gekommen ? Ist das Geheimnis nicht geblieben ? Und die Gewissheit, dass eine vom Menschen unabhängige Weltordnung existiert, deren Wesen nicht vom Veratand erfasst werden kann ?"
Sie ist davon überzeugt, dass das Wesen des Menschen zur Debatte stehe, weil die Entzauberung der Welt gelungen sei. Indem sie von Reisen berichtet, die sie noch zusammen mit ihrem Mann Siegfried Unseld unternommen hat, reflektiert sie insbesondere bei ihrem Aufenthalt in Israel ihre eigenen jüdischen Wurzeln und denkt auch nach über den Konflikt zwischen Juden und Arabern:
"Viele Araber sehen in den Israelis die Nachfolger raffinierter europäischer Kolonisatoren und nicht wenige Israelis in den Arabern die Wiedergänger von Kosaken und Nazis. Die einen warten auf den Messias und die anderen auf den Mahdi, und auch die irdischen Entwürfe sind auf beiden Seiten dieselben: sowohl der Selbstmordbomber als auch die Siedlerbulldozer zielen darauf ab, jede Aussicht auf Frieden kaputt zu machen."
Das ist zum Verrücktwerden, denn die Kraft, die Gott heißt, " die dem Menschen den Menschen zum Bruder erklärt, hat das Zusammenwirken von Juden, Christen und Muslimen zu Zeiten möglich gemacht, hat zu Zeiten ein Feld monotheistischer Solidarität erzeugt, und so, als sei die Funktion dieses Feldes im Plan der Schöpfung vorgesehen, gerät der Plan ins Wanken, wenn das Feld nicht bestellt wird, wenn es verwildert."
Das vorliegende Buch ist der engagierte und stellenweise verzweifelte Versuch, dafür zu werben, das Feld wieder gemeinsam zu bestellen. Der Autorin hilft dabei die jüdische Vorstellung des "Zimsum", die Vorstellung eines göttlichen Dramas, des Exils Gottes, seiner Selbstverbannung. Die christlichen Theologen haben das aufgegriffen in der Vorstellung des deus absconditus.
Ulla Berkewicz möchte den verborgenen Gott wieder entdecken in der menschlichen Seele und zitiert am Ende Werner Heisenberg: "Es ist eine Illusion anzunehmen, dass es möglich sei, die Verwandlung der Welt von der Seele her zu vermeiden."
Ein spirituelles Buch, sehr persönlich und authentisch von einer bemerkenswerten Frau und Schriftstellerin.