Viele sein- Ein Handbuch Michaela Huber
Vor einigen Tagen war wieder eine solche Nachricht zu hören, dass ein etwa 70 jähriger Mann seine eigenen Kinder im Haus gefangen gehalten und über Jahre als Sexsklaven benutz t hat.
Es sind solche Opfer, solche die in Oslo, Erfurt und Amsdetten überlebt haben, denen Michaela Huber ihr Lebenswerk gewidmet hat und mit deren Verletzungen sich die Autorin seit über 30 Jahren beschäftigt. Man fragt sich ja bei manchem, was Menschen ihren eigenen Kindern antun , wie kann man das überhaupt überleben, gibt es nach 'dem Keller', über den Jan Phillipp Reemtsma geschrieben hat, überhaupt noch ein Überleben?
Die Dissoziation ist ein kluger, gnädiger und intelligenter Mechanismus, der dafür sorgt dass man überleben kann, dass man die Grausamkeit und Unerbittlichkeit der eigenen Eltern, religiöser oder sonstiger organisierter Ausbeuter, die es leider gibt, überlebt.
Michaela Huber hat neben Luise Reddemann und Ulrich Sachsse, das geschaffen, was heute in Deutschland landauf und landab in Kliniken und Praxen als 'Traumatherapie' praktiziert wird.
Als Laie stellt man sich vor, das sei eine bestimmte Technik. Man hat sich durch die 'Traumalandschaften' von Jochen Peichl schon einen Überblick verschafft, was überhaupt ein Trauma ist, wie der Mechanismus der Dissoziation funktioniert. Niejenhuis, van der Hart und Steele haben ein geniales Konzept der strukturellen Dissoziation dargestellt mit anscheinend normalen Persönlichkeitsanteilen und emotional abgespaltenen Teilen, die mehr oder weniger ein Eigenleben führen. Nein Dissoziative Identität, das heißt nicht 'verrückt', sondern das ist ein sinnvoller Überlebensmechanismus, der hilft das endlose und überwältigende Grauen zu überleben.
Man fragt sich, vielleicht auch als Betroffene, was hilft denn eigentlich?
Ego-State Therapie nach Watkins und Watkins, Frederick und Phillips? Ist es die Borderline- Therapie nach Marsha Linehan, oder vielleicht das Eye Movment nach Francine Shapiro, ist es Achtsamkeit, das Imaginieren eines sicheren Ortes für das verletzte Kind, die verletzten Anteile?
Für mich am überzeugendsten ist die Antwort einer Betroffenen, 'die einmal viele war'. Die wirkliche und die beste Medizin ist der Mensch. Einer der diesen anderen erst einmal so sieht wie sie ist. Der geduldig zuhört, der Vertrauen schafft und Bindung ermöglicht. Der das Geschehene bezeugt .Denn manches Opfer denkt über sich selbst, das kann, das darf es doch nicht gegeben haben.
Wir hätten es vielleicht so gern, dass es eine Technik wäre 'Skills-Training' oder so etwas. Wir, oder zumindest die Kostenträger hätten es gern, dass es auch schneller ginge, so etwa in 5-50 Stunden. Für einen solchermaßen verletzten Menschen kann diese Zeit, vielleicht das Minimum sein, das Gegenüber zu ertragen. Stück für Stück, jede Facette dieser Persönlichkeit, diese verletzten Anteile auch nur zu zeigen. Die Patientin antwortet der Therapeutin mit einer Liebeserklärung. Früher nannte man das Übertragung und hat es entwertet. Heilung aber heißt, selbst lieben zu lernen, das ist vielleicht die allerschwerste Lebensaufgabe. Dieses geschundene, verhungerte, verlassene , geschlagene Kind zu sehen; es anzunehmen, seine Wunden zu verbinden, ihm etwas zu essen zu geben es in den Arm zu nehmen und an einen sicheren Ort zu bringen. Wenn es sein muss, den oder die Täter in ein imaginiertes, oder falls das noch geht, in ein reales Gefängnis bringen zu lassen.
Traumatherapie ist harte Arbeit. Wahrscheinlich dauert es mindestens so viele Jahre wie die verletzende Situation bestand, bis Heilung auch nur denkbar erscheint.
Wenn Spekulanten Termingeschäfte mit Grundnahrungsmitteln betreiben und Menschen in Afrika verhungern während wir hier gebannt Börsenkurse verfolgen. Wenn in einem der reichsten Länder der Welt 2 Millionen Kinder unter Armutsbedingungen leben, frage ich mich: Ist das Trauma nicht etwas das wir auch billigend in Kauf nehmen? Die Autorin verzeihe mir die Frage. Das ist für mich die Brutstätte für Gewalt und Dissoziation. Und zwar hier bei denen die das nicht wahrhaben wollen und dort bei denen, die später einmal behaupten werden 'ich habe doch eine schöne Kindheit gehabt'.
Für mich ist dieses Buch Michaela Hubers die 'summa' ihrer Berufs- und Lebenserfahrung
Ich bin dem Junfermann Verlag sehr dankbar, dass man mittlerweile fast das Gesamtwerk dieser herausragenden Therapeutin und Autorin hier finden kann.