und das Wort "Glück" würde seine Bedeutung verlieren, hätte es nicht seinen Widerpart in der Traurigkeit. (Carl Gustav Jung)
Jürgen Lotz spürt in seinem sehr erhellenden Text dem Leben der Königin Victoria (1819-1901) nach. Ihre Regentschaft bezog sich auf die Länder Großbritannien, Irland und von Indien. Geboren wurde sie in der Zeit der gepuderten Perücken. Sie verkörpert das England von Dickens und Kipling, aber sie hatte auch Oscar Wilde zu ihrem Untertanen. Nach ihrem Namen wurde ihre Zeit bezeichnet: die Victorianische Ära.
Ohne selbst alle Macht zu besitzen, verkörperte sie die Macht.Ihr Leben erinnert zugleich an Romane, an bürgerliche Dramen und an Epen. Sie ist die Tochter des Herzogs von Kent und der Fürstin von Sachsen-Saalfeld-Coburg, gehört also zur alten germanischen Welfenfamilie, die später Braunschweig-Lüneburg heißt.
Ihre Rechte auf den Thron stammen von ihrem Großvater, George III. Als sie mit 11 Jahren versteht, dass sie König werden soll, schreibt sie : "Ich werde brav sein".
Mit 18 folgt sie ihrem Onkel Wilhelm IV und schreibt in ihr Tagebuch, dass sie "Gerechtes und Gutes" will. Sie wird in Westminster gekrönt und genießt eine gewisse Popularität, die weniger ihrer eigenen Person, als dem Zufall der Erfolge gilt. Die Engländer wollen nämlich nicht ihren Onkel, den Herzog von Cumberland zu König haben und freuen sich , dass er den Thron von Hannover besteigt, der auf Frauen nicht übertragbar ist. Der Bruch der persönlichen Bindung zwischen den beiden Ländern, die seit Georg I. bestand, beginnt mit Victorias Herrschaft.
Die junge Königin wird aber dieses Königreich - das übrigens kurz nach dem deutsch-dänischen Krieg von Preußen annektiert wird- nicht vermissen.
Am Anfang ist Victoria etwas launisch und leichtsinnig, denn sie ist nicht vorbereitet über ein Volk zu herrschen, das von seinen Herrschern eher repräsentiert als regiert werden will.
Sie zeigt ihre Unabhängigkeit, indem sie gegen den Wunsch ihrer Mutter ihren Vetter Albert von Sachsen-Coburg-Gotha heiratet, der vorher naturalisiert wird und den sie später zum Prinzgemahl macht. Dieser gebildete, zugleich entschlossen diskrete Mann wird einen sehr starken Einfluss ausüben. In der glücklichen Ehe werden neun Kinder, darunter Eduard VII und Kaiserin Victoria Augusta geboren. Nach Alberts Tod wird die Königin sich in ihrer Trauer verkapseln.
In den 64 Jahren ihrer Herrschaft über England wird es in Frankreich zwölf Staatschefs, zwei Dynastien und drei Revolutionen geben, in Preußen fünf Monarchen, in Spanien vier Herrscher, zwei Dynastien und manchen Staatsstreich.
In der Innenpolitik wird die Victorianische Ära von der Entwicklung zum allgemeinen Wahlrecht gekennzeichnet, von der heftigen irländischen Krise, vom Übergang der Schutzpolitik zum Freihandel, von der Entwicklung der Gewerkschaftsbewegung, von der Bereicherung der Nation und der langsamen, aber merklichen Verbesserung der Lebensverhältnisse der Proletarier.
Die Kolonialepoche charakterisiert die Außenpolitik dieser Zeit. Während die frühen Kolonien Kanada, Neuseeland und Australien ihre Eigenständigkeit erlangen, treten Ägypten, Sudan, Südafrika, Rhodesien und ein großer Teil von Schwarzafrika in die britische Gemeinschaft ein.
Indien geht von der Ostindischen Kompanie in den Besitz der Krone und bildet nun ein Vizekönigtum. Disraeli sanktioniert diese Politik, indem er seine Königin zur Kaiserin von Indien ausruft.
Die Verhältnisse der Königin zu ihren Ministern soll stets höflich, aber nicht immer vertrauensvoll gewesen sein.
In der Innenpolitik beschränkt sie sich auf ihre verfassungsmäßige Rolle, will dafür aber in der Außenpolitik ihre Ansichten durchsetzen, auch wenn sie sich mit Palmerstons kriegerischer Gesinnung oder Gladstones abwartender Haltung schlecht vertragen.
Sie schätzt andererseits Melbourne, der sie in die Politik einweiht, unterstützt sowohl Peel als dessen Gegner, Disraeli, der zum Lord Baconsfield wird.
Sie ist eine treue Anhängerin der parlamentarischen Demokratie und ihrer angelsächsischen Form, dem Zwei-Parteien-System, versteht es aber sich "drei grundlegende Rechte" zu behalten: "Zu Rat gezogen zu werden, zu ermutigen, zu warnen...."
Übrigens verfügte sie über eine außerordentliche psychologische Begabung. Diese wird im Buch deutlich beschrieben.
Zum Diamantjubiläum , das 1897 veranstaltet wird, um die 60 Jahre Herrschaft Victorias zu feiern, kamen zahllose Vertreter der ganzen Welt, von der "Großmutter der Königshöfe Europas " angelockt.
Das Buch lässt klar erkennen, dass Victoria zwar kein Genie, aber genug gesunden Menschenverstand besaß, um ein stabiles, tugendhaftes England zu symbolisieren, das zwar imperialistisch war, aber weniger heuchlerisch, als manche es hingestellt haben.