Um es gleich vorweg zu sagen: Ich mache mir nicht so viel aus Musicals und stehe Travestie-Komödien in der Regel recht skeptisch gegenüber. Blake Edward hat es geschafft in seinem Remake des Reinhold-Schünzel-Films "Viktor und Viktoria" (1933) alle Stereotypen beider Genres glänzend zu umschiffen und einen temporeichen, zeitlos-witzigen und herzerwärmenden Film zu schaffen.
Die vier Hauptfiguren treffen im Paris des Jahres 1934 aufeinander: Der alternde schwule Nachtclubsänger Toddy (Robert Preston) lernt die mittellose Sängerin Victoria Grant kennen und überredet sie, sich als polnischer Graf auszugeben, der als Damenimitator auftritt. Prekär wird die Situation, als sich der Gangster King Marchand ("Rockford" James Garner) in Victoria verliebt. Sein Verhältnis zu einem vermeintlichen Travestiekünstler lässt seine homophoben "Geschäftspartner" natürlich aufheulen. Seinen Testosteronüberschuss muss er auch schon mal bei einer von ihm provozierten Kneipenschlägerei abbauen. Selten hat ein verprügelter Mann so selig ausgesehen. Die einzige "Normale" ist Kings Geliebte Norma (Leslie Ann Warren), ein Jean-Harlow-Verschnitt und personifizierter Blondinenwitz, die sich nur für in jeder Hinsicht potente Männer interessiert. Besonders hübsch ist die Szene, in der sie hemmungslos mit Toddy flirtet. Komplettiert wird das Ensemble durch hervorragende Nebendarsteller: einen schwulen Leibwächter, der durch Kings "Coming out" beglückt wird, einen sarkastischen Kellner, einen notgeiler Vermieter, eine alternde Lady, die Prügeleien anzuziehen scheint, einen Privatdetektiv in bester Clouseau-Manier. Neben herrlich albernen Slapstick-Einlagen bleibt genügend Raum für tief greifende Gespräche über Geschlechterrollen, sehr sophisticated.
Die Musikeinlagen (Musik: Henry Mancini, Texte: Leslie Bricusse) wirken nie aufgesetzt, im Gegenteil sie transportieren die Handlung weiter. Fast jede der Hauptpersonen hat mindestens einen Song, der sie oder ihn genauer charakterisiert. Toddy besingt das "Gay Paree", Victoria sinniert über "The shady dame from Seville", Gangsterbraut Norma tritt mit "Chicago, Illinois" auf. Für die Eingängigkeit der Songs spricht vor allem, dass z.B. "Le Jazz Hot" einige Jahre später von Loriot in "Ödipussi" als "Meine Schwester heißt Polyester" persifliert wurde.
Trotz (oder gerade wegen) ihrer rollenbedingten Androgynität ist Julie Andrews so sexy wie nie zuvor. Ohnehin ist der Film eine einzige Liebeserklärung Edwards an seine Frau, die hier aus Verzweiflung "eine andere Art von Mann" darstellt. Wann ist ein Mann ein Mann? Vielleicht, wenn er es niemandem beweisen muss.
"The rest of the tale`s not a pretty one" - Von Wegen. Natürlich fügen sich alle Handlungsstränge nach ihrer Entwirrung zu einem formidablen Happy End. Wehmütig kann es einen allerdings machen, da diese Welt zumindest in Paris in wenigen Jahren untergegangen sein wird.
Die Musik wurde mit einem Oscar bedacht, Nominierungen gab es für die Kostüme, die Ausstattung, das Drehbuch (Edwards), sowie Andrews, Preston und Warren. Im selben Jahr entstand übrigens auch "Tootsie", in dem ein Mann als Frau Karriere macht.
Ein Film, der meinem Herzen besonders nah ist. Wunderbar!