Ich lese seit über zwei Jahren und fast täglich in Klemperers Tagebüchern und dem Curriculum, aus Zeitgründen meist leider immer nur etwa zehn Seiten am Stück. Bis auf die Einträge aus den Jahren 1921 bis 1932 bin ich jetzt einmal durch. Und ich habe auch Peter Jacobs' Klemperer-Biographie schon sehr lange im Regal stehen und hin und wieder mal darin geblättert und gelesen. Leider hat mich seine Fleißarbeit wenig angesprochen. Vielmehr wurde ich stets aufs Neue motiviert, alsbald zu den Original-Tagebüchern zurückzukehren. Denn jenes gewaltige Werk lebt gerade nicht von rückschauenden Betrachtungen stattgefundener Ereignisse, Erlebnisse oder Zustandsbeschreibungen, sondern im Besonderen durch zeitnahes Festhalten von subjektiven Eindrücken, naturgemäß ein Charakteristikum von unverfälschten Tagebüchern. Klemperer litt jedoch zusätzlich unter wahrer Schreibwut, der wir dieses Eldorado unverfälschter Details aus seinem Alltagsleben verdanken.
Aus diesem sehr umfangreichen Material hat Autor Peter Jacobs (Jg. 1938) hauptsächlich geschöpft, um seine Biographie zusammenzustellen. Sie gliedert sich in 25 Kapitel, die überwiegend chronologisch angeordnet sind. Einige davon stehen allerdings unter einem thematischen Aspekt und schlagen einen zeitlichen Bogen von der Jugend bis zum Ende, so z.B. "Zerfall einer Familie". Auf gerade mal neun Seiten wird dort die Heterogenität der Klemperers im Schnelldurchlauf abgehandelt. Für mich hätte dies ein zentraler Aspekt innerhalb einer Klemperer-Biographie sein müssen. Aber dafür reichte wahrscheinlich der beschränkte Raum nicht und letztlich wohl auch nicht der Vorrat an Zeit und Muße, die eine tiefgehende Biographie erfordert hätte.
Die originalen Tagebücher sind sehr umfangreich, zitierenswerte Textstellen findet man auf Schritt und Tritt. Um daraus eine Art Biographie zu stricken, gibt es mehrere Möglichkeiten. Die schnellste davon ist, den ganzen Klemperer durchzuackern, spektakuläre Äußerungen zu sammeln und diese dann geschickt miteinander zu verbinden. Ich vermute, genau so ist Jacobs vorgegangen. Diese seine Konzeption mündet letztlich in einem gewaltigen Zitatenschatz, der durch teilweise Umformungen zu indirekter Rede etwas aufgelockert erscheint.
Alles das, was man als begeisterter Leser des Originalwerkes gerne wissen möchte, erfährt man hier nicht bzw. zumeist nur in kurzen Andeutungen, die irgendwo im umfangreichen Text (366 Seiten) verborgen sein mögen. Zudem verhindert die Gliederung und Strukturierung des Textes das leichte Auffinden von weiterführenden Hintergrundinformationen, die durchaus stellenweise vorhanden sind. Es gibt nicht einmal ein Personenregister, das einem hier weiterhelfen könnte. Lediglich eine Zeittafel, wie man sie aber bereits fast identisch in einigen Tagebuch-Anhängen und in der Bildbiographie "Klemperer - Ein Leben in Bildern" (ebenfalls vom Aufbau-Verlag) finden kann, täuscht Recherche-Fleiß des Autors vor. Gewünscht hätte ich mir - z. B. als Anhang - ein schlichtes Verzeichnis aller wesentlichen Personen, die mit Klemperer langfristig in Kontakt gestanden haben, ihre Geburts- und Sterbedaten (falls ermittelbar) und ihre Beziehung zum Literaten - kurz und knapp. Schön wäre auch ein Stammbaum der Familie Klemperer gewesen, der bislang leider nur in einem Halbband der Tagebücher (nämlich "1925 bis 1932") enthalten ist.
An wen richtet sich nun also Jabobs' Buch? Welches ist seine Zielgruppe? Darauf finde ich keine befriedigende Antwort. Für den Allgemein-Historiker kann es nicht gedacht sein - dazu fehlen jegliche Anmerkungen und Quellennachweise. Für Literaturwissenschaftler und Romanisten ist es weitgehend nutzlos, denn Klemperers Bedeutung als "Literarhistoriker" wird eigentlich gar nicht beleuchtet. Aber auch für den "interessierten Laien" ist das Werk nicht zwingend geeignet, denn es liest sich weder besonders spannend oder einfühlsam, sondern erscheint eher gedrungen und stark verdichtet, noch ist es sprachlich leichte Kost. Und auch die Leser der umfangreichen Klemperer-Tagebücher kommen hier, wie gesagt, nicht auf ihre Kosten.
Ich vermute deswegen, daß der Aufbau-Verlag - aus marktpolitischen Erwägungen - einen zuverlässigen Autor und Journalisten beauftragt hat, eine Klemperer-Biographie zu Papier zu bringen. Seinerzeit hieß der Untertitel noch bescheiden "Eine Biographie". In der 3. Auflage (2000) wird dann überraschend "Die Biographie" postuliert, so als hätte sich dieses Buch zum Standardwerk gemausert. Davon kann jedoch inhaltlich keine Rede sein. Dieser erste Gesamtüberblick zu Klemperers Leben und Wirken ist aus meiner Sicht nicht wirklich gelungen und wäre längst aus dem allgemeinen Blickfeld verschwunden, hätten endlich profundere Autoren ihr Wissen und Können verklemperert.
So bin ich sehr dankbar, daß mittlerweile, im Januar 2011, die Dissertation von Denise Rüttinger über Klemperers Tagebücher als Buch erschienen ist! Schon auf den ersten Blick ist es dem hier besprochenen Sammelsurium haushoch überlegen. Dabei nimmt es für sich nicht einmal in Anspruch, eine Biographie zu sein, sondern "nur" eine sorgfältige Betrachtung und Analyse der Tagebücher des Romanisten.
Resümee:
Wenn Sie an Klemperer interessiert sind, sollten in jedem Falle zu seinen originalen Tagebüchern greifen. Diese sind durch keine Sekundärdarstellung ersetzbar, schon gar nicht durch das vorliegende Werk. Hier bekommen Sie mehr oder weniger wahllos herausgegriffene Exzerpte und Zitate, stringent hintereinandergehängt und geradlinig kommentiert, dort ein eindringliches, unfreiwilliges und tiefgehendes Dokument einer menschlichen Existenz im stetigen Auf und Ab des Lebens. Ergo: Sie müssen dieses Buch nicht lesen.