"The Vicar of Dibley" ist eine Comedy-Serie rund um eine Pfarrerin in dem imagininären britischen Landkaff. Vicar Geraldine Granger ist dick, hat einen großen Busen, eine ebensolche Klappe, ein ebensolches Herz, erzählt gerne dreckige Witze, liebt es zu lachen und ist voll ansteckender Energie. Neben aller Hingabe an den Prieserberuf träumt sie aber auch von der großen Liebe.
Sie wird nun Pfarrerin in einem kleinen Nest, wo zunächst ob Ihres Frau-Seins kurzfristige Verwunderung, teilweise Ablehnung besteht (man muss wissen, dass Frauen als Pfarrer in der angklikanischen Kirche immer noch eine kritische Sache sind). Sie trifft dort auf ein Häufchen sehr skurriler Gestalten, die im "Town Council", dem sie auch angehört, das Dorf leiten. Der steinreiche und konservative Hugo, sein etwas vertrottelter Sohn Hugo, der von einer Zeitung als "vermutlich langweiligste Mann Englands" bezeichnete Frank, Mister No-No-No-No-No-Yes Jim (ein Rentner mit offen dargestellten Hang zu allem erotischen) und der Farmer Owen, der beachtenswerte gewalttätige und sodomistische Tendenzen hat. (Nur in der ersten Staffel gesellt sich die schlechteste Köchin der Welt Letty dazu). Weitere wichtige Figur in the Vicar's Universe ist die Kirchendienerin Alice, die als naiv und zwar ungenemein liebenswert, aber eigentlich strohdumm zu beschreiben noch ein Euphemismus wäre.
Die Geschichten, die erzählt werden, sind durchgehend so ironisch überhöht, dass sie schon fast skurril sind. Es ist keine Comedyserie, wo die Geschichten noch einen realistischen Kern haben (wie bei den amerikanischen Familienserien). Das ist schon britische Skurrilität, wobei es jetzt nicht ganz so abgefahren ist wie z.B. Monthy Python. Es geht z.B. um einen Gottesdienst für Tiere, die geplante Überschwemmung des Dorfes durch ein Wasserunternehmen der Industrie oder den in Dibley aktiven Osterhasen. Daneben spielt auch das Liebesleben des Vicars eine Rolle (die die diversen Heiratsanträge aus dem Town Council bekommt, aber auch externe Verehrer hat).
Die Box enthält wohl (bis auf eine Minifolge) alles je ausgestrahlte. Wobei es hier wenig Kontinuität in der Art gibt. Es gibt zwei "echte" Staffel mit 6 Folgen je ca. 30 Minuten. Die sog. dritte "Staffel" sind eigentlich vier längere Spezials zu den vier Jahreszeiten. Ansonsten gibt es noch ein Oster-Special, drei Christmas-Special und Specials zu besonderenen Anlässen (z.B. Red Nose Day). Die Ausstrahlung ist wohl über 10 Jahre sehr unregelmäßig erfolgt.
Zur technischen Qualität muss man sagen, dass das Bild für eine so neue Produktion wirklich nicht gut ist. Vom ersten Anschein her würde man die Serie in den späten Siebzigern / frühen Achtzigern vermuten. In der ersten Staffel ist auch der Ton etwas schwankend. Da aber auch die ganzen Geschichten und Figuren einen etwas ältlichen Charme atmen, könnte das durchaus Absicht gewesen sein.
Nun aber zur inhaltlichen Qualität - und die ist ü-ber-ra-gend! Ich kenne viele Comedy-Serien und selbst die, die ich gern mag, bringen mich meist nur zum angenehmen Schmunzeln. Hier aber muss man immer wieder spontan und lauthals draufloslachen, so komisch ist es (wobei die erste Staffel noch etwas schwer in die Gänge kommt, aber ab dem ersten Christmas-Special wird Gas gegeben). Das liegt nun nur zum Teil an den Geschichten (die sind guter Standard) oder an den Dialogen/Wortwitzen (die teilweise genial sind, aber oft auch 'nur' guter Standard; Hauptautor ist übrigens Star-Drehbuchautor Richard Curtis von "Four Weddings and a Funeral" und "Notting Hill"). Hauptsächlich kommt es durch die absolut grandiosen schauspielerischen Leistungen. Gary Waldhon als David, James Fleet als Hugo, John Bluthal als Jim sind einfach 'nur' sehr gut, noch nicht herausragend, aber sehr gute Komödianten, die ihre Figuren glaubhaft verkörpern. Dawn Franch als Vicar, Roger Pack als gewaltinteressierter-sodomistischer und immer leicht riechender Owen und Treavor Peacock als Jim sind schon mal eine Klasse besser. Wobei Dawn French gar nicht die witzigste in der Serie ist (wie sie selber im Making-of sagt), aber durch ihre herausragende Präsenz der Serie ein überzeugende emotionale und dramaturgische Mitte gibt. Pack und Peacock sind ihrer genialen Verkörperung höchst skurriler Land-Gestalten irrsinnig komisch. Der heimliche Star der Serie ist aber Emma Chambers als naiv-dumme Alice (das ist Hugh Grants ebenso naive Schwester aus "Notting Hill"). Ihre Gesichtsausdrücke, der naive Tonfall, das Abwechslungsreichtum ihres Mienenspiels, das Augenblitzen - das ist Komödiantentum sehr nahe an der Perfektion. So wie sie spielt, ist es fast egal, was sie sagt, sie IST einfach witzig und komisch und liebenswert und einfach alles....
Im ganzen zelebriert die Serie Komödiantentum klassischer Art auf höchstem Niveau. Vom Stil her ein bisschen wie großes Theater. Man muss das also mögen (wer rein von modernen Comedy-Serien kommt, hat vielleicht nicht ganz den Zugang). Wie die Schauspieler betonen, artikulieren, gestikuliren, ihre Körpersprache, ihre Mimik - man möchte dem Theater gott danken, dass er solche Schauspieler auf Erden geschickt hat. Neben den Einzelleistungen besticht v.a. die Harmonie unter dem Ensemble. Das Timing ist unglaublich gut und die Reaktion aufeinander das miteinander spielen ist ganz große Klasse.
Die Box hat zwar bis auf zwei Folgen keinerlei Untertitel (nicht mal englische), aber die Aussprache ist so gut, dass man fast alles versteht. Nur gelegentlich gibt es Slang-Ausdrücke, Wortspiele oder auch Referenzen auf hier unbekannte, britische Celebrities, wo man Schwierigkeiten hat. Der berühmte Witz pro Episode, die der Vicar Alice erzählt kommt übrigens erst nach dem Abspann. Nicht verpassen. Und in Abwandlung der Einleitung des Abspanns könnte ich enden mit "God bless you for reading..."