Moos ist grün, das wissen wir alle. Wenn es einem Photographen gelingt, die verschiedenen Nuancen von Moosgrün in einem Bild festzuhalten, ist das wunderbar. Gelingt dies einem Photographen mit einem Schwarz-Weiß-Bild, ist es grandios.
Martin Blume, einer der renommiertesten deutschen Großbild-Macher, und Douglas Bush haben mit VESTIGES (Fährten, Spuren) einen Band mit Photographien vorgelegt, dessen Gegenstand mittelalterliche Burgruinen Mitteleuropas und Siedlungen der Anazazi im Südwesten der USA sind. Bei dieser Spurensuche gelingt den Photographen dreierlei.
Erstens zeigen sie eine Vielzahl verblüffender Ähnlichkeiten in der Bauweise dieser Bauwerke auf, die doch fast buchstäblich an verschiedenen Enden der Welt entstanden sind.
Zweitens befreien sie die photographische Repräsentation solcher Ruinen von den Fesseln, die ihr bislang angelegt waren. Es gab die lieblose illustrierende Schnappschußqualität in einschlägigen Fachbüchern auf der einen und eine schönfärberische, romantisierende, die Grenzen zum Kitsch nicht immer nur streifende Darstellung auf der anderen Seite.
Blume und Busch nun legen Großbildaufnahmen vor, angesichts deren Detailgenauigkeit Historiker und Architekturspezialisten Freudensprünge machen müßten. Es ist indes genau diese Überschärfe, die den Bildern darüber hinaus eine hyperrealistische, magische Qualität verleiht und den Betrachter dazu bringt, der plötzlichen Durchdringungskraft des eigenen Blicks nicht so recht zu trauen.
Drittens gewinnen viele Photographien durch die „gleichzeitige" Schärfe des Dargestellten eine malerische, nachgerade Eyckisch zu nennende Güte. Wie in van Eycks Rolin-Madonna die Landschaft, die Krone der Madonna und die Äderchen im Auge Rolins gleichermaßen haargenau gemalt sind, so sind, beispielsweise, in Blumes Wasigenstein der Wald, die Treppe UND das Moos UND all seine Nuancen minutiös dargestellt.
VESTIGES versammelt Bilder von hypnotischer Kraft. GROSSE PHOTOGRAPHIE!