Fast 2 Jahre liegt Björks Album "Vespertine" mittlerweile vor. Anfangs waren die Kritiken nicht immer überschwänglich. Manche Rezensenten fühlten sich beim ersten Hören kaum angesprochen, andere hörten zuviel Bekanntes wie etwa Kate Bush oder irgendwelche Meditationsmusik heraus.
Mittlerweile gewinnt aber "Vespertine" mehr und mehr an Wertschätzung. Die Musik verlangt ein genaues Zuhören und Sich-Öffnen. Dann erst entfaltet sie sich. Das hat manche Parallelen zur klassischen Musik, die man auch nicht als "Hintergrund-Lalala" gebrauchen kann.
Aber keine Angst - "Vespertine" ist keineswegs schwierig. Läßt man sich auf dieses Meisterwerk ein, wird man mit einer zauberhaften, fein durcharrangierten Musik belohnt.
Man kann das Album gut wie eine alte LP in zwei Teilen hören, zunächst die ersten fünf Stücke: "Hidden Place", eine wunderbare, allseits bekannte Einleitung, dann das unglaublich feine "Cocoon", das bodenständige "It`s Not Up To You", das ruhige "Undo" und schließlich "Pagan Poetry", dieses unglaublich intensive, nuancierte Stück über wahre Empfindung von Liebe. Hier sei noch eine Lanze vor allem für "Cocoon" gebrochen: auch von Björk-Fans oft "spröde" oder "langweilig" genannt, ist es in Wirklichkeit doch ein Stück mit so ungehörten Gestus, wirklich fein gesponnen - und alles paßt zusammen, Björks Gesang, die Begleitung, das Rhythmusmuster - ich glaube, Björks Stolz auf dieses Stück ist voll gerechtfertigt!
Ich mache nach "Pagan Poetry" gerne eine Pause. Der zweite Teil, eingeleitet mit den kristallenen Klängen der "Frosti"-Musikspielbox, kommt mit "Aurora" zum ersten Höhepunkt. Ein Stück, das wieder Björks einmalige Fähigkeit widerspiegelt, abseits ausgetretener Pfade Stimmungen und Bilder widerzugeben: man fühlt geradezu die isländische Landschaft, ihr exotisches Ambiente mit Nordlichtern über schneebedeckter Landschaft versetzt. Man bleibt in einer sehr intensiven, feierlichen Stimmung zurück. Jetzt ist Zurückhaltung geboten, um diese Stimmung weiterzutragen. Die beiden nächsten, ruhigen Stücke "An Echo, A Stain" und "Sun In My Mouth" leisten genau das - selten genug werden Songs auf Alben aufeinander abgestimmt, sondern bloß aneinandergereiht.
Erst "Heirloom" bringt dann den Kontrapunkt. Eine wunderbare, humorvoll warme Petitesse, minimalelektronisch instrumentiert und mit einem Tritonus garniert - einfach genial. Wer außer Björk kommt schon auf die Idee, "Heiserkeit" in einen Song aufzunehmen?
Die beiden letzten Stücke, "Harm Of Will" und "Unison", bilden dann den grandiosen Abschluß. Für meinen Geschmack zwar etwas zu üppig orchestriert, bleiben sie doch meisterhafte Musik, wobei die Ballade "Harm Of Will" sich schon fast einem klassischen Musikstück annähert. "Unison" ist mit eingängem Rhythmus und Melodik versehen - und ein echter Ohrwurm, der einen stundenlang im Gedächtnis bleibt und für ein positives Grundgefühl sorgt.
Björk mußte schon zu Zeiten der Sugarcubes durch einen Kritiker, dessen Namen mir entfallen ist, für einen Vergleich herhalten, der damals etwas weit hergeholt schien: "mit ihrer quirligen, fiepsenden Simme" (...) "erinnert sie an die künstliche Pop-Elfe Kate Bush" (...) "aber doch aggressiver - wie ihre kleine, aber vitalere Schwester". In Nachhinein betrachtet - wie wahr! Björk hat in "Vespertine" vielleicht auch etwas vom Gefühl der 80er Jahre aufgenommen, Dinge, die der musikalische Zeitgeist der 90er, den gerade auch Björk mitgeprägt hat, nicht wollte. Aber es ist keine abgekupferte Reminiszenz, sondern weiterverarbeitet, und weist nach vorne. Und daher ist und bleibt "Vespertine" als ein Meisterwerk empfehlenswert für alle Freunde der kunstvollen Popmusik