Aus der Amazon.de-Redaktion
Björk wollte Vespertine ursprünglich Domestika nennen. Der Titel hätte hier sehr gut gepasst (aber Vespertine bedeutet "abendlich" und passt ebenfalls ausgezeichnet). Seit dem vitalen und überschwänglichen Debut (1993) ist Björks Musik immer intimer, sanfter und privater geworden und beschäftigte sich zunehmend mit dem Thema der Abgeschiedenheit. Ganz typisch, dass die erste Single von Vespertine sich "Hidden Place" nennt. Die schöpferische Einsamkeit trägt ihre Früchte. Vespertine bewegt sich wie eine schwärmerische, wunderschöne Woge elektronischer Musik in gemäßigtem Tempo, mit den Streichern eines Sinfonieorchesters und mit Björks einzigartig, fremdartig, geisterhaft klingender Stimme. Fantastische Wunderwerke sind hier zu hören. "Cocoon" (ein weiteres Bild für den Rückzug aus der Welt) ist zart wie ein Atemzug, Björk klingt eigentlich zu zerbrechlich, um aus Fleisch und Blut bestehen zu können, wenn sie "A beauty this immense" anpreist. "Pagan Poetry" und "Aurora" schweben ebenfalls in einem verträumtem Zauber dahin. Wenn sie es will, kann sie umwerfende Melodien entstehen lassen: "It's Not Up To You" ist so schön wie Werke von Post. Aber oft scheint Björk, wie zum Beispiel bei Stücken wie dem sehnsuchtsvollen, nachdenklichen "Undo", ganz einfach nur laut nachzudenken und sich von dieser so überaus bestrickenden und sinnlichen Musik davontragen zu lassen. Sie setzt die allermodernste Elektronik, die nur allzu oft zur Spielwiese für Freaks und Techniker wird, für die Poeten und für den Ausdruck von Leidenschaft ein. Vespertine ist ein Meilenstein, eine Offenbarung und eine wirklich fantastische Leistung. --Ian Gittins
INTRO
Über dieses Album zu schreiben, fühlt sich mittlerweile fast schon unheimlich an. Nicht nur, dass ich es in den letzten Wochen rauf- und runtergehört habe - ein Umstand, der ja noch nicht wirklich mit Grusel korrespondiert -, nein, ich habe alles dazu gelesen - was nicht wenig war -, ein beliebtes Pärchen verbringt seinen Sommer-Urlaub beeinflusst von Björk in Island und nach der letzten Intro-Produktion habe ich das dort von ihr abgedruckte Foto mit nach hause geschmuggelt und auf das Dach meines Monitors geklebt. Björk is watching me, mit braunem Rolli, in trotziger Denker-Pose, den Kopf auf die Hände gestützt. Komische Szenerie. Vor allem, weil ich bei all der Präsenz dieser Songs, die damit einhergehen, natürlich dem Irrtum aufsitze, alles sei zu The Vespertine bereits gesagt, hunderte von Ideen dazu könnten als bekannt vorausgesetzt werden. Es gilt, sich darauf einzulassen, dass dem nicht so ist. Daher: Einen Moment wie die erste Begegnung nachstellen. Das erste Mal von allem. Dieser besondere, naive Moment. Und Björks Stimme flötet, ja, schwebt über die Kraterlandschaften der knisperigen Sounds. Natürlich mit all der ihr eigenen Stärke und Vehemenz. Gänsehaut-Szenarien, die auch an Selma's Songs erinnern. Genaueres Hinhören lässt aber schnell die zwei wesentlichen Unterschiede durchscheinen. So kreiert Björk ja nicht mehr die Perspektive der tragischen Kunstfigur Selma, sondern ist wieder sie selbst. Was zu merken ist, in eben der Abwesenheit jener Groß-Äugigkeit, die die naive Selma noch in ihrem Blick trug. Dadurch entsteht neben den immer noch vielen unglaublich nahen Momenten auch wieder Distanz. Die Stimme, die auftritt, gibt sich nicht schutzlos, sondern zu gleichen Teilen entsetzlich verletzlich und unantastbar stark. Mehr Spannung, als dadurch entsteht, möchte ich nicht ertragen müssen. Was zu der zweiten Differenz zu Selma's Songs führt. Die (teilweise) Produzententätigkeit von Acts wie Matmos (halfen ihr beim Abmischen des gesamten Albums) und Martin Gretschmann (mit dem sie ein Stück aus seinem Console-Repertoire aufnahm). In aller Ausführlichkeit ist deren Appear und Einfluss selbstverständlich nachzulesen in unserer diesmaligen Titelgeschichte von Thomas Venker. Hier sei nur gesagt, der orchestrale Moment in Björks Schaffen besteht immer noch, allerdings wurde er in seiner Realisation abgespeckt auf bescheidene, fast zarte, schräge Beats, flimmernde Keyboard-Sätze und 100 Spuren mit weiteren flüchtigen Geräuschen. Davor breitet sich Björk nun aus - und das wohl so schön und klar wie nie zuvor. An zwei Stellen lässt sie dieses intensive Nicht-Orchester dann ganz alleine stehen. Beim Opener Cocoon und auf Pagan Poetry, das mit Sicherheit den größten Augenblick in sich trägt. Wenn sie mit - ja, was ist es genau? - tränenerstickter Stimme, voller Trotz und in diesem doch putzigen englisch skandiert, I love him, I love him, I love him, I love him. Soviel Intensität muss man erstmal aufbringen und vor allem aushalten. Genug gesagt, letztendlich steht man doch sprachlos vor dieser Platte.
Linus Volkmann / Intro - Musik & so
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Produktbeschreibungen
VESPERTINE