Verfasst von einem Zeitzeugen, Gerd Koenen erlebte die Umbruchsituation und die damit verbundene Radikalisierung der 60er Revolte selbst mit, spiegelt dieses Buch authentisch die damals gegebene Situation wieder, vor allem in Bezugnahme auf die Prozesse, die sich in den psychischen Entwicklungen der Hauptakteure abspielten, wieder.
Ausgehend von dem autobiografischen Romanessay Bernward Vespers „Die Reise", welcher als bedeutendstes Werk dieser Zeit betrachtet wird, da es stellvertretend für viele junge Menschen dieser Zeit spricht, steigt Koenen in das Thema ein. Er schildert am Beispiel Vespers gekonnt die psychische Kontroverse, welche in den Köpfen der Menschen aus der unverarbeiteten NS- Zeit und den gesellschaftlichen Veränderungen, geprägt durch den Anschluss an den Westen, bestand und die vielen problematischen Faktoren, wie Krieg, Ungerechtigkeit auf der Welt, Ärger über die Politik und der Wunsch nach einer sozialistischen Ordnung, die auf die Studenten einwirkten. Mit Zitaten und anschließender Analyse einiger Textstellen aus „Der Reise" macht Koenen vor allem die Authentizität und die Glaubwürdigkeit dem Leser deutlich, ja er fühlt sich in die Situation hineinversetzt und beginnt zu verstehen...
Die Anfänge des Paares Vesper Ensslin, die starke Dominanz Vespers Nazi- Vaters und die Ereignisse dieser kritischen Zeit werden näher beleuchtet. Und ebenfalls der Kontrast der ehemaligen Verleger von Nazi- Schriftgut und späterer reaktionärer, besser radikaler, Linker wird gut herausgearbeitet. Am Ende der Analyse Bernward Vespers gelingt der nahtlose Übergang zu Gudrun Ensslin, die ja zuvor schon durch mehrere Verflechtungen ins Spiel gebracht wurde, perfekt. Der Autor beginnt nun wieder, was übrigens hervorragend und besonders einfühlsam gelingt, die Kindheit im Hinblick auf die spätere Wirkensweise zu deuten und zu charakterisieren. Er schildert von der frommen, jedoch weltoffenen Pfarrersfamilie und der merkbar fehlenden konsequenten Durchsetzungskraft der Eltern Ensslin. Schließlich wird die persönliche Entwicklung wunderbar herausgearbeitet und besonderes Augenmerk auf die Anpassung Gudrun Ensslins an ihre jeweiligen Lebensgefährten, was teilweise bis zu Selbstaufgabe hin reichte, geworfen. Und genau an diesem Punkt kommt jetzt der spätere Top- Terrorist ins Spiel, Andreas Baader. Im Hinblick auf die, aus der beginnenden Beziehung Gudruns mit Andreas, resultierenden Abnabelungsprozesse von Bernward und dem gemeinsamen Sohn Felix werden nun die erstarkenden Radikalisierungsprozesse und die historisch wichtigen Gründungsdaten der RAF beleuchtet, ohne den Gefängnisaufenthalt Gudruns, auf grund der Kaufhaus- Brandstiftung mit Andreas, unberücksichtigt zu lassen, welchem auch große Bedeutung zufällt bei der späteren Entwicklung Gudrun Ensslins und der damit einhergehenden, immer stärker werdenden Bindung zu Andreas Baader. Auch dessen familiäre Entwicklung und die möglicherweise darin zu suchenden Gründe für die spätere Ausbildung des Kopfes der RAF werden von Koenen mit einbezogen.
Doch darf aus dies allem nicht geschlossen werden Gerd Koenen stelle nur diese Charaktere in den Vordergrund, nein, er setzt sich auch intensiv mit den gesellschaftlichen Strömungen und den politischen Hintergründen auseinander und arbeitete dafür mit bisher unveröffentlichtem Archivmaterial.
Ein Buch, das mehr als bloße Fakten vermittelt, sondern vielmehr Gefühle und beteiligte Emotionen beschreibt, um in den persönlichen Strukturen der einzelnen Erklärungen zu finden, Klarheit zu schaffen und vor allem bestehende Vorurteile und Falschinformationen aus dem Weg zu räumen.