12 von 13 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Spannend und aufschlussreich, 4. Januar 2004
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Vesper, Ensslins, Baader: Urszenen des deutschen Terrorismus (Gebundene Ausgabe)
Für jemanden wie mich, der dem Alter nach zu den "68ern" zählt, diese Periode also miterlebt hat, aufgrund einer eher konservativen Sozialisation aber in manchmal recht einseitiger Sichtweise, war dieses Buch förmlich eine Erleuchtung . Hauptfigur ist der mir bisher nicht bekannte Bernward Vesper, aus dessen Lebensgeschichre unter Heranziehung seiner umfänglich hinterlassenen schriftlichen Äusserungen Gerd Koenen den Wandel zahlreicher Söhne und Töchter "aus gutem Hause" zu Revolutionären und letztlich Killern entwickelt.Die völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten von Baader, Ensslin und (geringer) auch Meinhof werden verständlich.Man merkt, dass der Autor der Denkweise einiger der Akteure dieser Epoche zeitweise nahe gestanden hat - aber doch nicht so nah, als dass er sich heute noch dafür noch rechtfertigen müsste oder dass dies ihn an kritischer Reflexion hinderte.Letztere wirkt darum heute umso glaubwürdiger und authentischer .Für mich hat sich manche neue Sichtweise eröffnet. Dieses Buch sei jedem empfohlen , der sich mit dieser inzwischen als historisch anzusehenden Periode der deutschen Geschichte beschäftigen will; handelt es sich doch auch hier um Geschichte , aus der man lernen kann.
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17 von 19 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
3.0 von 5 Sternen
Psychogramm mit Tiefgang, 14. Februar 2004
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Vesper, Ensslins, Baader: Urszenen des deutschen Terrorismus (Gebundene Ausgabe)
Als ich in den 70-ern die ersten Jahre ins Gymnasium ging galten die RAF als die Verbrecher und Mörder schlechthin. Alle Ängste der Eltern, Lehrer und eines grossen Teils der Presse konzentrierten sich auf die 'Baader-Meinhof-Bande'. Für alle Zeitzeugen deshalb ein spannendes Thema, fast ein Pflichtstudium. Koenen trägt hier einen grossen Teil bei, das Geschehen besser zu verstehen. Aber aufgepasst: er ist kein leichtverdaulicher Autor. Fremdworte über Fremdworte ("lunatisch" ist wohl eines der einfacheren Beispiele), abenteuerliche Satzkonstruktionen und eine Vielzahl von Zitaten erschweren das Verständnis. Man wünscht sich, Koenen würde ein bisschen freier formulieren und weniger seiner Eitelkeit frönen, mindestens ebenso brilliant zu sein wie die beschriebenen Personen gefährlich. Als Ergänzung zu bereits gelesener Lektüre zum Thema ist Gerd Koenens Psychogramm aber sicher zu empfehlen.
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22 von 25 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
vesper, ensslin, baader - urszenen des deutschen terrorismus, 24. November 2003
Von Ein Kunde
Rezension bezieht sich auf: Vesper, Ensslins, Baader: Urszenen des deutschen Terrorismus (Gebundene Ausgabe)
Verfasst von einem Zeitzeugen, Gerd Koenen erlebte die Umbruchsituation und die damit verbundene Radikalisierung der 60er Revolte selbst mit, spiegelt dieses Buch authentisch die damals gegebene Situation wieder, vor allem in Bezugnahme auf die Prozesse, die sich in den psychischen Entwicklungen der Hauptakteure abspielten, wieder.
Ausgehend von dem autobiografischen Romanessay Bernward Vespers „Die Reise", welcher als bedeutendstes Werk dieser Zeit betrachtet wird, da es stellvertretend für viele junge Menschen dieser Zeit spricht, steigt Koenen in das Thema ein. Er schildert am Beispiel Vespers gekonnt die psychische Kontroverse, welche in den Köpfen der Menschen aus der unverarbeiteten NS- Zeit und den gesellschaftlichen Veränderungen, geprägt durch den Anschluss an den Westen, bestand und die vielen problematischen Faktoren, wie Krieg, Ungerechtigkeit auf der Welt, Ärger über die Politik und der Wunsch nach einer sozialistischen Ordnung, die auf die Studenten einwirkten. Mit Zitaten und anschließender Analyse einiger Textstellen aus „Der Reise" macht Koenen vor allem die Authentizität und die Glaubwürdigkeit dem Leser deutlich, ja er fühlt sich in die Situation hineinversetzt und beginnt zu verstehen...
Die Anfänge des Paares Vesper Ensslin, die starke Dominanz Vespers Nazi- Vaters und die Ereignisse dieser kritischen Zeit werden näher beleuchtet. Und ebenfalls der Kontrast der ehemaligen Verleger von Nazi- Schriftgut und späterer reaktionärer, besser radikaler, Linker wird gut herausgearbeitet. Am Ende der Analyse Bernward Vespers gelingt der nahtlose Übergang zu Gudrun Ensslin, die ja zuvor schon durch mehrere Verflechtungen ins Spiel gebracht wurde, perfekt. Der Autor beginnt nun wieder, was übrigens hervorragend und besonders einfühlsam gelingt, die Kindheit im Hinblick auf die spätere Wirkensweise zu deuten und zu charakterisieren. Er schildert von der frommen, jedoch weltoffenen Pfarrersfamilie und der merkbar fehlenden konsequenten Durchsetzungskraft der Eltern Ensslin. Schließlich wird die persönliche Entwicklung wunderbar herausgearbeitet und besonderes Augenmerk auf die Anpassung Gudrun Ensslins an ihre jeweiligen Lebensgefährten, was teilweise bis zu Selbstaufgabe hin reichte, geworfen. Und genau an diesem Punkt kommt jetzt der spätere Top- Terrorist ins Spiel, Andreas Baader. Im Hinblick auf die, aus der beginnenden Beziehung Gudruns mit Andreas, resultierenden Abnabelungsprozesse von Bernward und dem gemeinsamen Sohn Felix werden nun die erstarkenden Radikalisierungsprozesse und die historisch wichtigen Gründungsdaten der RAF beleuchtet, ohne den Gefängnisaufenthalt Gudruns, auf grund der Kaufhaus- Brandstiftung mit Andreas, unberücksichtigt zu lassen, welchem auch große Bedeutung zufällt bei der späteren Entwicklung Gudrun Ensslins und der damit einhergehenden, immer stärker werdenden Bindung zu Andreas Baader. Auch dessen familiäre Entwicklung und die möglicherweise darin zu suchenden Gründe für die spätere Ausbildung des Kopfes der RAF werden von Koenen mit einbezogen.
Doch darf aus dies allem nicht geschlossen werden Gerd Koenen stelle nur diese Charaktere in den Vordergrund, nein, er setzt sich auch intensiv mit den gesellschaftlichen Strömungen und den politischen Hintergründen auseinander und arbeitete dafür mit bisher unveröffentlichtem Archivmaterial.
Ein Buch, das mehr als bloße Fakten vermittelt, sondern vielmehr Gefühle und beteiligte Emotionen beschreibt, um in den persönlichen Strukturen der einzelnen Erklärungen zu finden, Klarheit zu schaffen und vor allem bestehende Vorurteile und Falschinformationen aus dem Weg zu räumen.
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