Die Pet Shop Boys schafften es 1993 mit VERY, allen Skeptikern zu zeigen, was eine Harke ist. In der gnadenlos leeren Wüste der damaligen Dance- und Popmusik wirkte diese Platte wie eine akustische Fata Morgana, die sich beim Näherkommen als wirklich existierende Oase erwies.
Leute, die einen so wunderbaren Song wie "Dreaming Of The Queen" komponieren und ihn dann auch noch auf so Herz zerreißende Art interpretieren wie Neil Tennant und Chris Lowe, können einfach keine schlechten Menschen sein. Die Reduzierung der britischen 'Royal Family' auf ihre Wehmut und Trauer über zerstörte Liebe und menschliche Unzulänglichkeiten musste selbst Eisblöcke zu Tränen rühren.
Den überschäumend optimistischen Evergreen "Go West" der schwulen Kult-Kombo Village People aus dem Jahr 1979 in die Neunziger zu transferieren, sorgte im ersten Augenblick für scheinbar berechtigte Verwirrung. Doch die geniale, zwischen nostalgischer Verklärung und trotziger 'Jetzt-erst-recht'-Attitüde schwebende Version der Pet Shop Boys war nach ihrer phantastischen Version der klebrigen Elvis-Schnulze "Always On My Mind" das zweite Beispiel für ihre fast unglaubliche Fähigkeit, angestaubte Oldies aus der Grabbelkiste ins grelle Spotlight der internationalen Charts zu befördern. "Go West" geriet mit seiner hinreißenden Dramatik, den bombastischen Männerchören und der trotzdem so gefühlvollen Interpretation zu einem Monument des Mutes und der Zuversicht für die Generation der Kinder des Aids-Zeitalters.
'Tanz dich tot mit Depeche Mode', dieses auf eine Schulwand gekritzelte Motto könnte so ähnlich auch für die Pet Shop Boys gelten, denn seit ihrem ersten Hit "West End Girls" waren die meisten Singles und Maxis des Duos absolute Tanzbodenfüller in den Discos von Wanne-Eickel bis New York. Schon das quietsch-orange Plastik-Cover gab einen Hinweis darauf, dass die Grundstimmung von VERY insgesamt optimistischer sein würde, als auf dem Vorgänger BEHAVIOUR. Anders gesagt: Es wurde eine Menge Tanzstoff geboten – mal hübsch ("Yesterday, When I Was Mad", "One In A Million"), mal ziemlich beliebig ("I Wouldn't Normally Do This Kind Of Thing", "A Different Point Of View", "One And One Make Five").
Die große Stärke der beiden stillen Nachdenklichen blieben jedoch die mit großer Geste inszenierten Mini-Dramen. Ein Beispiel dafür war "The Theatre", das atmosphärisch ein wenig das 'Phantom der Oper' zu beschwören schien, während "To Speak Is A Sin" mit feiner Beobachtungsgabe die coolen Rituale in den Schwulenbars schilderte. Hier sorgte ein (am Computer generiertes?) Saxophon für wohlige Gänsehaut. "Can You Forgive Her?" verband Eingängigkeit mit einer Story über Beziehungs-Trouble, und "Young Offender" beschrieb die wohl vergebliche Zuneigung eines Mannes zu einem Jüngling. "Liberation" hätte eine beeindruckende Ballade werden können, kam aber letztlich nicht richtig zum Höhepunkt.
Und dann gab's da ganz am Ende noch ein sehr kurzes Stückchen, das als Titel gar nicht aufgeführt war. Hier schien sich Tastendrücker Chris Lowe erstmals als Sänger zu versuchen. Diese für die Pet Shop Boys völlig untypisch arrangierte Nummer erinnerte in ihrer schlichten Erhabenheit an diverse Stücke der in den 70ern recht erfolgreichen und bis heute existierenden Gruppe Camel, und zwar auch deswegen, weil Lowes Stimme große Ähnlichkeit mit der von Camel-Sänger Andy Latimer besitzt. Eine echte Überraschung also zum guten Schluss.
Als Gesamtleistung war VERY ein weiterer Höhepunkt in der Geschichte der Pet Shop Boys und machte mir das exzellente Popduo noch ein Stück sympathischer, als sie es immer schon gewesen waren.