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4.0 von 5 Sternen
Zwiespältig, 2. Januar 2011
Gestern habe ich mir nun endlich diese Dokumentation angeschaut und bin mit etwas zwiespältigen Gefühlen zurückgeblieben.
Hatte ich mehr erwartet? Vielleicht, aber mit ein bisschen Abstand wird einem klar, dass man in dieser Doku einen sehr tiefen Einblick in die Verbrecherwelt von Manchester erhalten hat. Viel näher geht wohl kaum. Wir sehen keine Verbrechen, aber wir lauschen den Erzählungen von Dominic Noonan und seinem Clan.
Die Doku dreht sich rundum Dominic Noonan. Er ist 39 Jahre alt, saß 24 Jahre davon im Gefängnis und gilt bei der Polizei als einer der gefährlichsten Verbrecher Englands. Raubüberfälle, Entführungen, Erpressungen, Gefängnisfluchten, das Anstiften von Gefängnisrevolten uvm. dafür wurde Dominic Noonan schon mehrmals verurteilt.
Wegen Mordes oder Verschwörung zum Mord hat man ihn nie verurteilen können. Dabei gilt sein Bruder Dessy als Auftragskiller - ihm werden 20-30 bis Morde zu Last gelegt. Dessy - der selbst in der Doku auftaucht - gibt relativ offen und feixend zu 25 Morde begangen zu haben.
Dominic Noonan hat mittlerweile eine eigene Sicherheitsfirma gegründet und plant einen eigenen Geldtransportdienst für Banken etc. pp. Der Mann 5-6 Mio ¤ mit Geldtransporterüberfällen verdient hat, will nun eigenen Geldtransporterdienst aufmachen...
Dominic Noonan der Kriminelle ist die eine Seite, dann ist er noch Vater von 2 Kindern und eine Art Sozialarbeiter in seinem Viertel.
Noonan lebt mit einem Teil seiner Gefolgschaft, seinen 2 Söhnen und zahlreichen Neffen in einem alten Haus in seinem alten Viertel. Da wurde er geboren, da lebt er und da will er auch sterben. Heruntergekommene Häuser, Hohe Arbeitslosigkeit, kaum Perspektiven... Die Leute in diesem Viertel Manchesters trauen nicht der Polizei oder einer sonstigen öffentlichen Einrichtung. Wenn es Probleme gibt, ruf man Noonan.
So klingelt ständig sein Telefon und Noonan lässt sich von einem Nachbarschaftsstreit zum nächsten kutschieren.
Es klingt absurd und wirkt auf einen verstörend, aber der Gangsterboss mimt den Sozialarbeiter löst die Probleme in seinem Viertel. Was man aus Hollywood-Filmen wie der Pate kennt, scheint in Manchester tatsächlich normal zu sein.
Ein Streit wegen zu lauter Musik? Noonan regelt das. Soll er wieder kommen? "Nein" meinen die Ruhestörer kleinlaut.
Jemand schuldet einem Drogendealer Geld und hat Angst um seinen Leben. Er versucht eine Bank auszurauben und wird dabei erwischt. Wer wird gerufen? Dominic Noonan. Noonan sitzt ruhig im heruntergekommen Wohnzimmer des Schuldners und hört sich seine Probleme an. Kann er sich darum kümmern? Er wird sehen, was sich machen lässt.
Eine verängigste Frau ruft ihn an. Ein Mann hat Ihren Ehemann mit einem Hammer vor der Haustür niedergeschlagen und droht das Haus samt den Kindern anzuzünden. Noonan kommt und hört sich alles an. Was er nun machen solle? "Weiß nicht" stottert die verängigste Frau und schaut scheu in die Kamera. Vielleicht mal mit dem Typen reden? Noonan willigt ein und bekommt zum Dank ein Frühstück spendiert. Später erfahren wir, dass Noonan die Sache geregelt hat.
So geht das immer weiter. Besorgte Großeltern nehmen Ihrer Tochter das Kind weg, weil Sie sie nicht fähig halten sich um das Kind zu kümmern. Noonan kommt und obwohl die Polizei ebenfalls anwesend ist, klärt letztendlich Noonan die Sache und nimmt das Kind mit zur Mutter.
Keiner widerspricht ihm und selbst die Behörden erkennen Noonan als eine Art Behörde an, die Probleme löst, vor denen die Sozialeinrichtungen und Polizei in Manchester schon längst kapituliert haben.
Natürlich sehen wir Noonan nie aktiv ein Verbrechen begehen, aber die Dreharbeiten müssen immer wieder unterbrochen werden, denn Noonan wird während der Dreharbeiten 2x verhaftet und 3x angeklagt.
Einmal wirft man ihm vor einen 500.000 Pfund Drogendeal abgewickelt zu haben, einmal mit anderen Gangstern einen Gangsterboss aus London entführt zu haben. Er soll geschlagen, gefoltert, mit heißem Wasser verkocht uvm. worden sein.
6 Leute werden angeklagt, darunter Noonan. Wie er sich fühle, wie denn sein Anwalt gewesen sei fragt der Interviewer MacIntyre. Sein Anwalt sei gut gewesen, so gut, dass er nun selber glaube nicht vor Ort gewesen zu sein. 5 von 6 werden verurteilt, Noonan kommt frei und feiert erst mal eine riesen Party.
Noonan erzählt von seiner Kindheit in Armut und wie er sexuell missbraucht wurde um direkt hinten anzufügen, dass er sich später an jedem einzelnen gerächt habe. Er erzählt, wie er sich um den Nachwuchs kümmert. Seinen 11-jährigen Sohn der Boxer werden will und ein Neffe, der Sänger werden will. Angesprochen auf den Job seines Onkels gibt es nur schulterzucken: "Jede Gangsterfamilie hat Ihren Sänger. Das bin ich. Sinatra hatte auch Gangster-Kontakte, hat ihm nicht geschadet. Wieso also mir?"
Auch seine Söhne emfpinden alles als ganz normal, Ihr Daddy sei nun mal so. Sie hoffen nur, dass keiner quatscht. Denn man sagt nicht, wenn man was gemacht hat und umbringen darf man einen nur, wenn es einen guten Grund gibt. Seine Schulden nicht zu zahlen, sei ein guter Grund. Dann sei ein Mord gerechtfertigt. Das erzählt uns ein 11-jähriger und meint das Ernst.
Die Doku zeigt uns darüber hinaus pompöse Beerdigungen von Unterweltgrößen die während der Dreharbeiten Unfälle erleiden oder direkt offen erstochen werden. Die halbe Stadt steht dann still. Die Schulen schließen und die Polizei sichert mit hunderten von Polizisten die Trauerfeier ab.
Wir sehen Jugendliche von 17-21 Jahren, immer in Anzug immer im Schlepptau von Dominic Noonan. Warum? Weil er auf Sie aufpassen würde. Sind Sie Gangster? Nein, Geschäftsmänner. Die Anzüge? Man werde ja schließlich ständig von der Polizei beobachtet, da will man doch gut aussehen und wenn man verhaftet und dem Haftrichter vorgeführt wird, sieht man direkt gut aus. Noonan & Co. lachen wenn Sie das erzählen, aber Sie meinen es ernst.
Was auch immer Sie darunter verstehen. Andere geben offen zu mit Drogen zu dealen und sich als Nr. 1 etablieren zu wollen.
Fazit: Man hat das Gefühl das alles schon mal gesehen zu haben. Hat man auch, in GoodFellas, Der Pate, Casino & Co. Nur hier ist es echt. Wir erhalten Einblick in eine real existierende Parallelgesellschaft in England, die nach eigenen Regeln und Gesetzen funktioniert und einen teilweise glauben lässt: Sind doch alles nette Leute, doch hin und wieder bröckelt die Fassade und wir sehen Noonan schreien und drohen, weil jemand während einer seiner Interviews dazwischen quatscht. Noonan erinnert dann einen unweigerlich an Tony Soprano: Ein Leben als fürsorglicher Vater und Gangsterboss zur gleichen Zeit.
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3.0 von 5 Sternen
Hässlich, 9. April 2011
...ohne Frage , ein kontroverser Film, der sich moralischen Bewertungen völlig enthält.
Nicht ohne Grund, man will ja schließlich nicht den Richter spielen ( Und keinen Ärger bekommen ).
Im Grunde wurde fast alles wichtige schon weiter oben beschrieben. Wie man selbst diesen Film einordnet, bleibt der eigenen Intelligenz überlassen. Ich persönlich finde das Habitat, in dem sich der "Held" des Films betätigt und seinen Lebensunterhalt "verdient" abstossend und hässlich. Die Arroganz mit der dieser Verbrecher sich doch nur zunutze macht, was ein unfähiger Staat offensichtlich aufgegeben hat, ist ekelhaft. Sicher - was kann man über ein System, oder eine Gesellschaft sagen, die sowetwas möglich macht? Dennoch finde ich, sollte man selbst herausfinden können, was eigentlich hinter dem "Sozialarbeiter" Noonan steht. Vielleicht doch nicht mehr als ein homosexueller Schwerverbrecher, der sich , was in Schwulenszene nicht allzu ungewöhnlich ist, mit einer Menge junger Kerle umgibt,
sich die Armut in den immer noch vorhandenen Unterschichtghettos zunutze macht, sich trotz seiner Machenschaften als
netten Kerl aufspielt, wo doch schon beim Anblick seiner "Leibgardisten" , seien sie noch so jung, klar wird, dass mit diesem Abschaum nicht zu spaßen ist. Verzeihung - der Film ist ohne Frage interessant - dennoch gibt es keinen Grund die Akteure nicht als das zu betrachten, was sie sind.
Nachtrag: Der "Mord" an Desmond Noonan ( Der höchstwahrscheinlich von einem frustrierten Drogendealer erstochen wurde) zeigt auch nur , was man sowiso schon vermutet hat: Das Leben eines Gangster ist genauso beschissen, wie das eines langweiligen Kleinbürgers.
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