Das Pasadena Roof Orchestra (PRO) gibt es bereits seit 1969. Die erste LP wurde 1974 veröffentlicht. Seit jenem Jahr erschienen bis heute ziemlich genau 21 Produktionen (nicht gerechnet Sampler und Soundtracks zu Filmen), die ersten neun davon als LP, die übrigen auf CD. Ein gewaltiges Oeuvre, das zu überschauen nicht ganz leicht ist. Detaillierte Informationen zu dieser durchaus einzigartigen Formation sind überraschend schwer zu finden - trotz der unendlichen Vielfalt des Internets. Aber leider wird dort sehr viel und ungeniert abgeschrieben. Die echten Quellen sind rar und eher in alten Magazinen, Tageszeitungen und Zeitschriften zu finden. Dazu kommt noch, daß das PRO kaum mehr spektakulär von sich reden macht, so wie Mitte der Siebziger, als dieser Sound klangtechnisch etwas vollständig Neues war - bislang konnte man diese herrlichen Arrangements nur im verrauschten und quäkigen Schellack-Sounddesign hören. Die Homepage des Orchesters ist recht oberflächlich und prosaisch gehalten. Über die Mitglieder der Truppe und ihre zeitliche Zugehörigkeit erfährt man zum Beispiel kaum etwas. Sehr hilfreich (wenn auch z.T. fehlerhaft) ist diesbezüglich der englische Wikipedia-Artikel: http://en.wikipedia.org/wiki/Pasadena_Roof_Orchestra
Historischer Überblick
Die Geschichte des PRO gliedert sich nach meinem Dafürhalten und rückblickend in mindestens drei große Abschnitte, wobei der längste und letzte gewiß weiter unterteilt werden müßte. Für unseren CD-Sampler ist er jedoch ohne Bedeutung.
(1) 1969 - 1980: Gründung des Ensembles und Festigung des Sounds, sporadische Auftritte, keine veröffentlichten Aufnahmen. Seit 1974 Beginn der Schallplattenproduktionen und kometenhafter Aufstieg innerhalb der gehobenen Unterhaltsmusik. Das Timbre und vornehme Vibrato des Sängers, John "Pazz" Parry (* ca. 1947), einem Freund des Gründers John Arthy (* ca. 1943), fügt sich wunderbar in den Orchesterklang ein, ergänzt und rundet ihn optimal ab. Die Stücke swingen und klingen gutgelaunt, leichtfüßig und motiviert. Der Sound aller Aufnahmen ist gegenüber denen der dritten Phase weicher, weniger mittenbetont und weniger direkt. Aber gerade das zeichnet ihn besonders aus.
(2) 1980 - 1989: Ausstieg des Sängers der ersten Stunde, John Parry. Nachfolger ist Robin Merrill (* 1953). Es wird merklich stiller um das Orchester. Für mich ist diese zweite Phase die mit Abstand unfruchtbarste Periode. Jeder mag das selbst beurteilen, aber die vokalen Qualitäten des näselnden Merrill sind höchstens durchschnittlich. Darunter leidet der gesamte Esprit, die Stücke klingen eher gequält denn spritzig. In dieser Formation sah ich die Truppe in den frühen 80er Jahren in Hannover (Theater am Aegi), ohne zu wissen, daß der Leadsänger gewechselt hatte. Der Gesamteindruck war wunderbar, Robert Merrill wirkte jedoch eher verhuscht und enttäuschte. Das sollte der Ersatz für Parry sein?
(3) ab 1989: Merrill heiratet 1990 in Berlin und steigt aus dem Ensemble aus. Seine Nachfolger heißen Duncan Galloway (1988-1994), John Langton (1996-2002) und ab 2002 wieder Duncan Galloway, heute Leiter und Leadsänger. 1997 zieht sich der Gründer des Ensembles, John Arthy, zurück. Etliche Konzerte, weit über zehn CDs und mehrere Filmmusikprojekte bestimmen diese Phase.
Einordnung dieser CD
Meine dreigliedrige Sichtweise orientiert sich stark am jeweiligen Leadsänger. Denn damit steht und fällt ein Ensemble dieses Zuschnitts. Man stelle sich etwa das "Palast Orchester" ohne Max Raabe vor! Die vorliegende Doppel-CD ist ein Sampler, d.h. sie versammelt 45 Stücke von verschiedenen Produktionszyklen. Auf dem Cover erkennt man John Arthy, den Begründer und langjährigen Leiter des PRO; seine erhobene linke Hand verdeckt leider den Kopf des Leadsängers John Parry - deswegen ein mißlungenes Foto! Da hat jemand in Archiven nach Bildmaterial gesucht, der keine Ahnung hat... Denn Parry hat m. E. den weltweiten Erfolg des Ensembles maßgeblich mitgeprägt. Und alle auf dieser Platte zu hörenden Stücke stammen aus eben dieser Parry-Ära. Darunter sind auch ein paar instrumentale Nummern.
Aus welchen Platten bedient sich dieser Sampler?
Insgesamt acht Langspielplatten wurden zwischen 1974 und 1979 veröffentlicht, jeweils mit John Parry als Leadsänger. In folgender Übersicht steht in Klammern: Gesamtzahl der LP-Tracks - davon auf diesem Sampler
(1) 1974: Pasadena Roof Orchestra (13 - 8)
(2) 1975: Good News (16 - 13)
(3) 1975: On Tour (13 - 1)
(4) 1976: Isn't It Romantic (12 - 12)
(5) 1977: The Show Must Go On (12 - 9)
(6) 1978: A Talking Picture (12 - 0)
(7) 1979: Night Out (12 - 0)
(8) 1979: Live in Hamburg, 1975 (12 - 1)
Das macht summa summarum 44 von insgesamt 90 Titeln. Das 45. Stück "Teddy Bears Picnic" findet sich auf keiner der o.g. Produktionen, dürfte also eine Erstveröffentlichung sein. Sänger ist aber auch hier: John Parry.
CD-Alternativen
Im April 2007 erschienen die ersten fünf Alben des PRO als Japan-CDs. Es gibt sie noch heute, allerdings zum Stückpreis von läppischen 50 Euro! Ich denke, diese Preiskategorie liegt jenseits von Gut und Böse. Ich jedenfalls kann mich damit nicht anfreunden. Aber es gibt noch einige Sampler der Parry-Ära des PRO, jeweils mit 20 bis 22 Stücken, die man gebraucht erwerben kann. Wie das mit Samplern immer so ist, erhält man reichlich Dubletten und nur wenige "neue" Stücke. Auf der "Collection" (Amazon-Suchbegriff "B0000245LZ") finden sich z. B. vier Tracks der "On Tour"-LP, die es auf keinem anderen Sampler gibt. Von den drei zuletzt erschienenen LPs dieser ersten Phase umfassen alle bislang erschienenen "Best-Of"-CDs so gut wie nichts. Da hilft einem denn auch Japan nicht weiter, sondern nur die originalen LPs.
Resümee
Die vorliegende Doppel-CD umfaßt die mit Abstand umfangreichste PRO-Sammlung der Parry-Ära und bietet einen knisterfreien und lupenreinen Digitalsound. Wenn Sie Tanz-, Schlager- und Swingmusik der 20er und 30er Jahre mögen, kommen sie kaum an diesem Ensemble und seinen frühen Aufnahmen vorbei. Max Raabe und sein Palast Orchester sind hier würdigste Vertreter deutscher Musiktradition, das Pasadena Roof Orchestra sucht und findet seine Wurzeln eher in Großbritannien und Amerika. Deswegen sind diese beiden Formationen keine Konkurrenten, sondern sie arbeiten unabhängig vorneinander an der Werterhaltung und Präsentation musikalischer Kunst und Raffinesse früher Tanzorchester.