Nicht ganz leicht, aus vier Alben eine Best of zusammen zu stellen, dachte ich mir erst, und war dann umso überraschter, dass Mick Jaggers Soloalben bei der Titelauswahl für vorliegende Platte gar nicht so stark berücksichtigt, sondern zusätzliche Titel ausgewählt wurden. Die Songauswahl ist dementsprechend durchwachsen: es tauchen einige Hits auf und dann, um den Kaufanreiz zu erhöhen, einige Raritäten - nur von denen etliche wiederum leider nicht!
Zeitlich vorne angefangen: Memo from Turner (vom "Performance"-Soundtrack) ist der älteste und für mich beste Song hier, aufgenommen ca. '68 in der Blütezeit der Rolling Stones, deren Geist er hörbar atmet, selbst wenn andere Musiker daran beteiligt waren.
Was für ein Bruch dagegen die beiden Singles aus seinem lausig zeitgeistig produzierten '85er Album "She's the Boss", Just another Night und Lucky in Love (hier in einem mir bisher unbekannten Edit vorliegend.) Hard Woman wurde sträflich übergangen - wie wär's mit der peppigeren Single-Version gewesen? Von der viel besseren "Primitive cool" ('87) erscheint nur die Yuppie-Hymne Let's work - wo sind Throwaway, meinetwegen Say you will, und Party Doll?
Dann wiederum sein Spitzenalbum "Wandering Spirit" ('93): Sweet Thing, klar, Don't tear me up, Evening Gown, klasse - aber warum Put me in the Trash und nicht die Single Out of Focus - und wo ist Wired all Night (einer der besten Rocker, den die Stones nie aufnahmen)?
"Goddess in the Doorway" ('01) war eh ein schwieriges Album: God gave me everything muss wohl sein, Joy ist okay, Don't call me up schön - und wo ist Visions of Paradise? Mit etwas mehr Mut hätte man den Maxi-CD-Track Blue hier drauf packen können.
Kommen wir zu den "Schmankerln": Don't look back (ein '78er Peter Tosh-Duett mit Mick Jagger) erscheint hier in einer raren Fassung: länger als auf dem Album, kürzer als auf der Maxi-Single. Die '85er Single-Version von Dancing in the Street mit David Bowie (zum Live Aid-Konzert) darf natürlich nicht fehlen. Aber wo ist das seltene Ruthless People ('86) (und vielleicht gleich noch die rare B-Seite I'm ringing)?
Checkin' up on my Baby, ein flotter Blues aus '92er Sessions mit den Red Devils ist eine erfrischende Ergänzung - mehr davon! Charmed Life, ein '92er Outtake (mit Tochter Karis gesungen) ist ganz nett. Old Habits die hard war ein Grund, mir den "Alfie"-Soundtrack ('04) zu kaufen. Und letztendlich der Knüller, auch für die Beatles-Fraktion (geschickter Schachzug!): Too many Cooks, ein solider Rocker, aufgenommen '73 mit namhaften Begleitmusikern und John Lennon als Produzent.
Wer hat das Album denn nun zusammen gestellt? Mick hat in Interviews gerne damit kokettiert, er wisse selber nicht genau, was auf dem Album drauf sei. Fazit: Für Sammler unerlässlich, aber unvollständig; für Neueinsteiger leidlich repräsentativ, und für den ungetrübten durchgehenden Hörgenuss nicht sehr geschickt programmiert.
Die Bonus-DVD bringt acht Videos, und im 36minütigen Interviewteil gibt Jagger freimütig zu, dass die Ästhetik seiner Videos eher den jeweiligen Trends folgte als neue zu setzen; er nimmt's mit Humor. Zusätzlich sieht man, wie Bono in einem Kölner Hotelzimmer den Gesang für Joy aufnimmt und draußen mit Jagger frühstückt; eine wirkliche Rarität ist das Liveduett Don't look back mit Peter Tosh, aufgenommen '78 bei "Saturday Night Live".
Weiter plaudert Jagger über die Songauswahl der CD und die Zusammenarbeit mit anderen Komponisten, Musikern und den jeweiligen Produzenten. Dass beim Interview auf jegliche (!) Untertitel verzichtet wurde, unterstreicht den Eindruck einer etwas lieblosen Angelegenheit.