Das Leben, hat Kierkegaard gesagt, kann man nur rückwärts verstehen. Genau das versucht die Autorin in diesem Buch und sie gibt sich redlich Mühe damit - und dennoch scheitert sie in gewisser Weise, so habe ich es jedenfalls empfunden. Dieser Lebensbericht beginnt sehr gut, besonders die Schilderung der Jugendjahre der Autorin hat mir sehr gefallen. Dann aber nimmt das Buch an Tempo auf und die Autorin beginnt zu stolpern. Gerade die Schilderung der Zeit in Deutschland, von der sie berichtet, weist zahlreiche Brüche auf, was besonders deutlich wird, wenn sie ihr Verhältnis zu ihren Kindern und zu ihrem Mann beschreibt. Meiner Meinung nach hat das damit zu tun, dass sie im Nachhinein versucht, zu rekonstruieren, welche Gefühle sie z.B. bewegt haben, so lange bei diesem Scheusal von Mann auszuharren. Dabei bestimmt die Gegenwart den Blick auf die Vergangenheit so stark, dass kein stimmiges Bild mehr entsteht. Ich billige der Autorin absolut zu, so redlich wie möglich vorgegangen zu sein, ich möchte mich keinesfalls über sie erheben, ich glaube ihr jedes Erlebnis. Aber ich habe dennoch nicht wirklich verstehen können, warum sie diesen Mann, der sogar ihre Tochter missbraucht hat, nicht früher verlassen hat, ich habe dennoch nicht verstehen können, warum sie die Töchter sogar zu eben diesem Vater zurückließ, warum sie letztlich, wie sie selbst an einer Stelle sagt, so versessen darauf war, Ärztin zu werden, dass sie dafür selbst die Beziehung zu ihren Kindern vernachlässigte. Sie betont z.B., dass es zahllose klare und eindeutige Hinweise für die Untreue ihres Mannes gegeben habe (z.B. die Anrufe der Geliebten), sie geht aber darüber hinweg und lebt noch jahrelang mit ihm zusammen. Später lässt sie es zu, dass die Töchter zurück zu den vorher als grausam beschriebenen Großeltern in den Gaza-Streifen geschickt werden, um anschließend wieder bei dem Vater zu leben, der eine der Töchter missbraucht hat. Wie sie das zulassen konnte, auch wenn sie sonst vielleicht keine Ärztin geworden wäre, ist mir absolut schleierhaft. Und dennoch ist dieses Buch spannend und es liest sich leicht und flüssig, daher hätte ich vielleicht auch drei oder vier Sterne geben können, denn niemand wird sich langweilen, der es liest. Es gibt aber noch zwei Dinge, die mich wirklich stören. Zum einen weist das Buch einige üble Fehler auf, z.B. die völlig falsche Angabe, dass 1914 1200 Juden in Palästina gelebt hätten (die tatsächliche Zahl war bedeutend höher) oder dass Israel 1956 die Sinai-Halbinsel besetzt habe (tatsächlich 1967, nach dem Sechstagekrieg) oder die falsche Darstellung rund um die Staatsgründung Israels (z.B. Unterschlagung des UN-Teilungsplans). Aber auch innerhalb des Erzählstranges gibt es Fehler. Als z.B. berichtet wird, dass die Töchter der Autorin (als diese verunglückt war) sich nicht um den kranken Bruder kümmern konnten, weil sie "bei ihrem Vater bleiben würden", sind diese eigentlich längst verheiratet, wie wenig später eingeräumt wird!? Und schließlich glaube ich, dass die Autorin genau das, was sie selbst mehrfach bitter beklagt, nämlich das stark vereinfachte und oft extrem negative Bild, was die Deutschen von "dem Islam" hätten, dass sie also genau dieses zu stark vereinfachte Bild verfestigt, indem sie es zulässt, dass dieses Buch mit einem Klappentext erscheint, indem es reißerisch und pathetisch überhöht heißt, sie habe einen hohen Preis für ihre Freiheit zu zahlen gehabt, denn sie "verlor ihre Heimat, ihre Familie und zuletzt ihren Sohn". Der Verlust des todkranken Sohnes hat aber mit ihrem Kampf um Freiheit überhaupt nichts zu tun. Weiter heißt es: "Wieder muss sie erleben, was es heißt, Muslimin zu sein." Sie muss erleben, was es heißt, wenn man mit einem üblen und offensichtlich perversen Menschen verheiratet ist, der seine Religion dafür missbraucht, seine Untaten zu rechtfertigen bzw. seine eigene Stellung zu begründen. Muslimin sein heißt aber nicht grundsätzlich, dass einem so etwas widerfährt, wie die Autorin es erleben musste. Jetzt werde ich mir wahrscheinlich böse Kommentare einhandeln, weil ich es wage, auf die Islamphobie von großen Teilen der deutschen Leserschaft hinzuweisen, aber in meinen Augen bergen diese Bücher nach dem Vorbild von "Nicht ohne meine Tochter" die deutliche Gefahr, die Realität zu stark einzuengen, die schlimmsten Auswüchse als Norm erscheinen zu lassen und eine ganze Bevölkerungsgruppe zu vereinnahmen. All das, was in diesen Büchern geschrieben steht, ist geschehen, geschieht noch und ist schlimm und verurteilenswert ohne jeden Abzug - aber es spiegelt eben nicht das Leben der Mehrheit der Muslime in Deutschland. Ich habe den Eindruck bekommen, dass Frau Alaiyan ein sehr reflektierter Mensch ist und dass sie diese Zusammenhänge auch sehr gut kennt. Auch deshalb finde ich, dass ihre Darstellung weniger plakativ hätte ausfallen müssen.