Ein Gedanke aus diesem Buch fasziniert mich besonders: Wenn eine Führungskraft kein Vertrauen bei ihren Mitarbeitern genießt, steht vor jedem Satz, den sie spricht, ein Minus in der Klammer. Mitarbeiter hören nicht zuerst auf die Sachbotschaft, sie stellen sich vorher die Frage: Kann ich dem Vorgesetzten trauen? Mangelndes Vertrauen führt zu der grotesken Situation, dass sogar eine positive Handlung negativ bewertet wird. Wenn eine Führungskraft zum Beispiel mit dem Mitarbeiter seine Arbeit durchgeht, ist das bei einem Vertrauensverhältnis ein Signal der Wertschätzung und Unterstützung – während es bei mangelndem Vertrauen als Schnüffelei und Misstrauen empfunden wird.
Reinhard K. Sprenger legt überzeugend dar: Vertrauen ist der einzige Boden, auf dem eine produktive Zusammenarbeit zwischen Führungskräften und ihren Mitarbeitern wachsen kann. Dabei ist dieser Weg gar nicht so leicht zu beschreiten. Gründe fürs Misstrauen finden sich immer leichter als solche fürs Vertrauen, denn über Vertrauen spricht man vor allem dann, wenn es schon fehlt. Unsere Firmen fördern diese "Verdachtskultur". Ob Arbeitszeit oder Arbeitsstand, ob Spesenabrechnung oder Internetnutzung: Man schaut den Mitarbeitern auf die Finger.
Das fatale: Wer auf "Nummer sicher" geht (ein Begriff aus dem Strafvollzug, wie Sprenger anmerkt), wer seine Mitarbeiter wie Unmündige behandelt, der macht sie auch dazu. Das ist der Grund, warum misstrauische Führungskräfte schon nach kürzester Zeit von Mitarbeitern umgeben sind, die sich nicht mehr vertrauenswürdig verhalten. Umgekehrt wird ein Schuh daraus: Wer seinen Mitarbeitern vertraut, wer sich ihnen gegenüber verletzbar macht, wer immer wieder offen bekennt, dass er sie für seinen eigenen Erfolg braucht - der bekommt ein Team, das hinter ihm steht. In guten wie in schlechten Zeiten..
Der einzige Gedanke, den ich aus meiner Führungspraxis nicht sofort unterschreiben kann, ist die Idee des "Sofortvertrauens". Nach meiner Erfahrung braucht es eine gewisse Zeit, um eine solche Basis zu den Mitarbeitern aufzubauen. Aber vielleicht hat es pädagogische Gründe, dass R.K. Sprenger diesen Gedanken propagiert: So macht er auch Führungskräften Mut, denen der konventionelle Weg zum Vertrauen zu steinig erschiene.
Ein Buch, das jede Führungskraft lesen sollte – und das übrigens auch, wie ich aus meiner Zeit in London weiß, im englischen Sprachraum viele begeisterte Leser gefunden hat.