Er hatte nicht immer grüne Haare: Patrick Blanc, Pionier und maßgeblicher Entwickler der "Vertikalen Gärten", jener spektakulären Pflanzenwände, an deren Existenz man erst glaubt, wenn man sie gesehen hat. Die grünen Haare wurden erst sein Markenzeichen, als sich der Forscher in ihm mit dem Künstler verband. Jeder braucht sein Markenzeichen. Politikerinnen färben sich die Haare eben rot.
Bei aller Bewunderung für die lebendigen Dschungelwände ist es doch bei näherer Betrachtung erstaunlich, dass erst Patrick Blanc in den späten 70igern auf die Idee kam, sie zu verwirklichen. Sein Werdegang ist aber ein wunderbares Beispiel dafür, dass auch noch soviel Studium, noch so viel Lektüre nicht notwendigerweise einen guten Forscher ausmacht. Von Humboldt über Darwin bis (nun ja, eine Nummer kleiner dann vielleicht doch) Patrick Blanc: Ein guter Forscher muss vorurteilsfrei beobachten und gängige Lehrmeinungen hinterfragen. Bis Blanc bemerkte, dass es viele Pflanzengesellschaften gibt, die fast ausschließlich auf mineralischen Nährstoffen und Spurenelementen basieren, war man der Auffassung, dass Pflanzen ohne die "nährende Erde" nicht existieren können. Leben ist Kompost! Dabei sind die Tropen und selbst unsere Breiten voll von Gegenbeispielen. Von Wasser überspülte Felswände sind oft die üppigsten Naturgärten: Arm an organischer Materie aber ausreichend versorgt mit Mineralstoffen. Viele Pflanzen brauchen schlichtweg keine organischen Nährstoffe, sie holen sie sich aus der Luft, wenn die Mineralstoffversorgung und die Feuchtigkeit stimmt. Tillandsien wachsen auf mexikanischen Telefonleitungen, genauso wie Orchideen in den Baumkronen von Urwaldriesen und Moose in der Rieselzone von alpinen Schluchten. Ja, es ist erstaunlich, dass dieser Umstand tatsächlich erst in den 70igern von Patrick Blanc wissenschaftlich untersucht - und gartentechnisch umgesetzt wurde.
Im ersten Kapitel seines Buches beschreibt er spannend wie in einem Wissenschaftskrimi, welche Mühen und Fehlschläge seine ersten Anläufe zum Bau von vertikalen Gärten mit sich brachten. Was heute so einfach aussieht, erforderte jahrelange Versuche und Zufallsentdeckungen, um das System sowohl ökologisch als auch technisch stabil zu bekommen. Aber nicht nur die Geschichte ist faszinierend und hautnah erzählt, auch die Fotos von Blanc und seiner langjährigen Forscherkollegin Véronique Lalot begeistern jeden Pflanzenfreund. Die großformatigen, künstlerisch und technisch brillanten Aufnahmen nehmen den Leser mit in den tiefsten asiatischen Dschungel und zu Patrick Blancs meisterhaften Gartenkunstwerken. Manche Naturlandschaft ist dabei so atemberaubend schön fotografiert, dass es schon einen eigenen Bildband rechtfertigen würde. Der technische Aspekt der Vertikalgärten bleibt eher im Hintergrund (hierfür sehr zu empfehlen:
Grüne Wände selbst gestalten: Vertikale Gärten für Ihr Zuhause von Jean Michel Groult), Blanc legt mehr Wert auf die Darstellung der Zusammenhänge, die er immer wieder mit Fotos von Naturstandorten untermauert. Ich war von diesem Buch einfach gefesselt, von der ersten bis zur letzten Seite. Wunderschön, informativ und eine unerschöpfliche Quelle der Anregung - vom Meister höchstpersönlich. Und ob die grünen Haare jetzt Markenzeichen oder vielleicht doch das nächste kreative Projekt von Patrick Blanc sind - ich würde nicht drauf wetten...