Es smashed einem "Am I here yet" mit "You sexy thing" von Hot Chocolate nur so entgegen. Es schreit förmlich: „Komm' schon, lass alles stehen und liegen und folge mir für die nächste Stunde!"...holla, die Waldfee, was für ein Opener!
„Should I call you Jesus?" kommt mit seinen gregorianischen Gesängen und seiner Titelfrage zum weltpolitischen Zusammenhang genau richtig („...Jesus, come over here, have a beer!"), haut er doch wieder richtig rein, als wüsste Billie, dass es kein Morgen gibt.
Einer der Gründe, warum man danach mit dem Titellied „Vertigo" erstmal in ein tiefes Loch fällt. Keineswegs musikalisch. Aber emotional kann einen dieser Song nicht kalt lassen, denn Billie kotzt sich hier in einer klassischen Herzschmerz-Power-Rocknummer richtig aus. Schlägt sie dem Angebeteten die Vorwürfe nur so um die Ohre, dass man sich vorstellen kann, wie ihre Halsschlagadern vortreten, der Kopf knallrot wird und der Herr doof aus der Wäsche guckt.
„Without my consent" hält in der poetischen Fassung im Booklet noch einige Überraschungen parat, ist als Song etwas zu viel Bryan Adams für meinen Geschmack (nix gegen Bryan Adams!)...
In die Ballade „A room full of view" könnte ich mich reinsetzten, in die ganzen sechs Minuten und neununddreißig Sekunden. Der Text ist so was von brillant bildlich, treibender Rhythmus, säuselnde Akustikgitarren, Cello und ein Einstieg in einen hymnisches Meisterwerk von Refrain. Hierzu wieder ein poetisches Kleinod an Gedicht im Booklet.
Mit „Flexible" widmet sich Billie ihrem Alterego „Jane Bond", die einen leichten Hang zum Exhibitionismus hat. Auszug gefällig? „...I'll be your father, your mother, or teacher, a lover,
From sinner, confesser, a naked cross-dresser who looks like the preacher, Barbie in leather.
I'll even be your three speed vibrator..." Das Lied zieht einen mit schrägen Bläsersetzen und stampfendem Beat in einen Strudel von Bann, unglaublich!
„Where Romeo never dies" (Rockiger Uptemposong!) mit wieder einem kleinen Auszug: „'Love is selfless' wrote a hapless romantic Romeo, ‚Love is selfish' wrote a truth telling poet" Was übrig bleibt ist die Frage: „What's the point?" Billie versucht dies mit diesem Song zu klären und sie scheint zu mindest für sich selbst eine Lösung gefunden zu haben.
Was passiert, wenn man im falschen Moment am falschen Ort ist? Man fühlt sich nicht nur deplaziert sondern auch noch missverstanden...Trotzdem, Kopf hoch, „Never let them see you cry"...Schmerz ist endlich!
Musikalisch hat das Ganze was von „Hey Jude", man hat den Hang „nanananana..." (ihr wisst schon!) am Schluss zu singen...
„Roll over Beethoven" ist eine gelungene samba-mäßige Minisatire (Schreit mal jemand „Conga-Reihe!"), wobei der Titel wohl eher Billies nette Variante ist „Leck mich am A..." zu sagen. „Mann, du bist vielleicht ein oberflächlicher Fatzke, womit hab ich dich denn verdient? Zieh mal ganz schnell Leine!" Genialer Text mit extrem spaßiger Musik!
Nach einer Art Interlude zu Beginn, öffnet sich mit „Afraid of spiders" die Tür zu einer anderen Balladenperle. Vermittelt wird das Gefühl, wie es sein muss in einer Beziehung ausgesaugt zu werden. Nicht bildlich gesprochen, aber wenn man das Bild der Spinne beibehält, die da still verharrend wartet bis du ihr ins Netz gehst, durchaus passend. Gegenüber den anderen Songs ist Billie das erste Mal richtig Opfer, was man an ihrer verzweifelten Stimme merkt, die extrem tief ins Fleisch schneidet...
„Bitter fruit" ist wohl an den Titel „Strange fruit" ihrer Namensgefährten Billy Holiday angelehnt. Leider muss man zugeben, dass das Thema Rassenhass immer noch nicht aus der Welt ist. Billie Myers kann zwar nicht so viel Gänsehaut verbreiten, wie Ms Holiday zu ihrer Zeit, trotzdem verdient der Song Respekt, da er sehr ehrlich und authentisch mit afrikanischen Gesängen im Hintergrund (großartiger Backgroundchor) rüber kommt.
Was für ein furioses Album!!! Mich macht es immer wieder emotional komplett fertig, wenn ich dieses Album höre. Noch nie stand Lyric so im Vordergrund wie bei dieser Sängerin.
Oder besser Poetin?