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23 von 32 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Als Thriller getarntes Liebesdrama, 24. Juni 2008
1957/1958 verfilmte Hitchcock den Roman "Aus dem Reich der Toten" von Pierre Boileau und Thomas Narcejac. Es ist sicherlich müßig "Vertigo" mit anderen Filmen Hitchcocks zu vergleichen, da es sich um keinen reinen Suspense-Thriller handelt und auch Humor nur sehr sparsam eingesetzt ist. Gleichzeitig ist es aber auch keine reine Literaturverfilmung, da Hitchcock nur Motive des Romans extrahiert hat, die seiner Vorstellung einer tragischen Liebesgeschichte am nächsten kamen. Während Hitchcock seinem Drehbuchautor, dem Dramatiker Samuel Taylor, seine Vorstellung des Filmes beschrieb, schrieb dieser ihm die dazugehörenden Dialoge. Sicherlich hätte sich Hitchcock nie als "Autorenfilmer" verstanden, aber seine deutliche Mitarbeit am Drehbuch ist besonders in diesem Film belegt.
Kurz zur Handlung: Während eines Polizeieinsatzes merkt John "Scottie" Ferguson (James Stewart), dass er unter Höhenangst (Vertigo bzw. Akrophobie) leidet. Er fühlt sich schuldig am Tod eines Kollegen, den er aus diesem Grund nicht retten konnte. Kurz darauf engagiert ihn sein alter Freund Gavin Elster (Tom Helmore) seine Frau Madeleine (Kim Novak) zu beschatten, da er fürchte, dass diese -angeblich vom Geist einer Vorfahrin besessen- vielleicht Selbstmord begehen könnte. Während dieses Auftrags verliebt Scottie sich in Madeleine, ohne allerdings ihren Selbstmord (Sturz von einem Turm!), verhindern zu können. Nur langsam von einem Nervenzusammenbruch genesend (auch seine Vertraute und frühere Verlobte Migde Wood [Barbara Bel Geddes] kann ihn kaum aufbauen) gelangt er ins Leben zurück und trifft auf die Verkäuferin Judy, die Madeleine verblüffend ähnlich sieht (aufmerksame Zuschauer werden die Treppe im Haus als späteres Set in "Psycho" wiedererkennen). Der Zuschauer erfährt, was Scottie erst sehr viel später herausfindet, dass "Madeleine" und Judy ein und dieselbe Person sind. Besessen von seiner verlorenen Liebe, beginnt Scottie Judy in Madeleine umzuwandeln.
Die Höhenangst Scotties könnte man durchaus als seine Angst vor engen Beziehungen oder vor Sexualität deuten. Die zerbrochene Beziehung zu Midge lässt solche Schlüsse durchaus zu. Die Erschaffung einer idealen Frau (die Verwandlung Judys in Madeleine) lässt wiederum den Pygmalion-Mythos anklingen. Mit einem großen Unterschied allerdings. Aus Mitleid mit Pygmalion erwecken die Götter die von ihm geschaffene Figur, in die er sich verliebt hat, zum Leben. Scottie muss für seinen Frevel, eine lebende Frau einer vermeinlich Verstorbenen nachgebildet zu haben, fürchterlich büßen. Denn auch wenn er liebt, so tut er Judy Gewalt an, da er keinen Zweifel daran lässt, dass ihre Verwandlung dazu dient, der vermeintlich Toten nahe zu sein. Eine besonders originelle Variation des Themas Nekrophilie.
Typisch Hitchcock ist allerdings die Dreiecksbeziehung "Mann zwischen zwei Frauen", die eine mütterlich/schwesterlich, die andere für den Helden sexuell attraktiv, aber durchaus auch bedrohlich (vgl. "The Paradine Case", "The Birds", "Marnie"). Hitchcocks wenig galante Nörgelei an Novaks Darstellung kann man getrost unter "auch Meister können irren" abhaken. Seine bevorzugte Darstellerin Vera Miles (in den Hitchcock-Filmen "The Wrong Man" und "Psycho") hatte aufgrund ihrer Schwangerschaft abgesagt und Kim Novak wurde besetzt, die gerade weil sie noch nicht der ausgebuffte Profi war, eine ihrer berührendsten Darstellungen gab. Sie ist zwar Teil eines Mordkomplotts, aber eben auch die unschuldig Liebende, die von ihren Gefühlen mitgerissen wird. Für Stewart war es die vierte (und letzte) Zusammenarbeit mit Hitchcock. Sicherlich die ungewöhlichste, da er große Teile des Films sehr passiv ist. Erst als ihm bewusst wird, dass er Teil eines Mordplans war, wird er aktiv und löst damit letztlich die Tragödie aus. Beachtenswert ist auch die Rolle Gavin Elsters (Helmore). In kaum einem Film kommt dem Bösewicht eine derart untergeordnete Rolle zu, er bringt die Handlung in Gang, ist aber für den weiteren Verlauf unerheblich. Die moralische Entrüstung, dass das Verbrechen im Film nicht gesühnt wird, führte zu Nachdrehs, die aber glücklicherweise wieder entfernt wurden, da sie nichts mit dem Thema des Film, der Unmöglichkeit einer großen romantischen Liebe, zu tun haben. Auch Barbara Bel Geddes spielt grandios, schade dass viele sie nur noch als "Miss Ellie" in der TV-Serie "Dallas" kennen.
Aber wirklich alles an diesem Film ist einzigartig: Die Filmmusik Bernard Hermanns ist einer der schönsten Scores überhaupt, die Zartheit erinnert manchmal an das Liebesthema aus Wagners "Tristan und Isolde", ist aber immer eigenständig.
Die Kamera fotografiert ein geradezu überirdisch schönes San Francisco, den ideale Ort für diese Liebe über den Tod hinaus. Die Rettung Madeleines aus dem Wasser ist natürlich eine typische Männerphantasie: Mann rettet schöner Frau das Leben. Die Tatsache, dass "Madeleine" nicht einmal einen Schuh dabei verliert, betont das absolut Traumhafte der Szene. Auch sonst hat der Film eine hohe Dichte klassischer Szenen, die zum Besten gehören, was im amerikanischen Kino zu sehen ist:
Die Szene in Muir Woods veranschaulicht anhand der uralten Bäume die Vergänglichkeit des Lebens. Die geniale Glockenturm-Szene, in der bei einer Rückwärtsfahrt der Kamera nach vorne gezoomt wird, verdeutlicht eindrücklich Scotties Schwindelgefühle. Mein persönlicher Liebling ist die Kussszene zwischen Scottie und Judy (nach deren vollkommener Verwandlung in Madeleine), in der die Kamera um sie herum kreist und im Hintergrund Vergangenheit und Gegenwart eins zu werden scheinen.
Ein meisterlicher und zeitloser Film, der unendlich viele Deutungsmöglichkeiten zulässt. Ein seltenes Zusammenspiel vieler großartiger Einzelleistungen. Dass nur Ausstattung und Ton oscarnominiert wurden, zeigt wie weit der Film seiner Zeit voraus war.
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3 von 4 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Geniales Vexierspiel aus Liebe, Obsession und Farbmagie, 19. Oktober 2008
Dieser Hitchcock-Thriller ist ein einziges Vexierspiel. Für den Zuseher ändert sich die Perspektive auf die Geschichte des Öfteren. Dabei können zwar - je genauer man hinsieht - immer mehr Details gelüftet werden, der Blick auf das ganze Handlungsbild wird allerdings erst in den allerletzten Minuten des Films freigeben.
James Stewart spielt den aufgrund seiner Höhenangst (= Vertigo) frühzeitig in Ruhestand getretenen Polizei-Detektiv Scottie Ferguson. Ein Freund aus College-Zeiten, mittlerweile wohlhabender Werftbesitzer, bittet Scottie um einen Gefallen: er soll seine Frau Madeleine (Kim Novak) beschatten. Die Dame scheint in einem wirren Geisteszustand zu sein und hält sich für das lebendige Abbild des Gemäldes von Carlotta Valdes, einer unglücklichen Frau, die vor langer Zeit Selbstmord begangen hatte. Scottie heftet sich an die Fersen der schönen Madeleine und wird immer mehr in einen Strudel aus Liebe und Obsession hineingezogen.
Alfred Hitchcock spielt in "Vertigo" sehr gekonnt mit dem Unterbewussten. Er zeigt prächtige Bilder der Golden Gate Bridge, führt zu den majestätischen Sequoiabäumen und setzt geschickt Farben ein. Die geheimnisvolle Madeleine hat wasserstoffblondes, hochgestecktes Haar, ihre Augenbrauen sind dunkel nachgezeichnet, über dem weißen Oberteil trägt sie einen schwarzen Schal. Hitchcock spielt hier optisch mit den innerlichen Gegensätzen, der Zerrissenheit, seiner weiblichen Hauptfigur. Das graue Kostüm der Dame versucht diese Bipolaritäten zu vereinen. Und immer wenn es gespenstisch wird, trägt Madeleine grün bzw. wird in grünes, anderweltliches Licht getaucht.
Legendär ist die Kameraführung, bei der Scotties Höhenangst vor Augen geführt wird, als er die Treppen eines Glockenturms hochzusteigen versucht. Indem einerseits der Kamerawagen herangezogen und andererseits mit dem Objektiv weggezoomt worden ist, entsteht ein "In-die-Tiefe-zieh"-Effekt, der den Zuseher für Sekundenbruchteile wie ein Sog packt.
Als "Vertigo" 1958 raus kam, floppte der Film. "The London Observer" spottete: "Das einzige Geheimnis ist, wen das Ganze interessieren soll." Mittlerweile hat sich der Blickwinkel geändert. Vertigo zählt - zurecht! - als Meisterwerk, als einer der besten Kinofilme überhaupt. Es wird so viel, ohne dass ein einziges erklärendes Wort gesprochen werden müsste, zwischen den Zeilen ausgesagt. Darin liegt die Genialität von "Vertigo".
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16 von 27 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich:
5.0 von 5 Sternen
Meilenstein und Wegbereiter, 13. November 2006
Dieses absolute Meisterwerk von Alfred Hitchcock, bekommt von mir uneingeschränkt 5 Sterne. Die Story ist perfekt, verwirrend und unglaublich spannend. Der Film ist meisterlich fotografiert und lieferte sogleich eine von Hitchcocks größten Kameratricks, den Vertigo-Effekt, der heute noch verwendet wird um den Zuschauer subtil eine Art Schwindelgefühl und Unwohlsein zu vermitteln. James Stewart spielt den gehandicapten Detective absolut perfekt. Ein weiterer Geniestreich des Master of Suspense.
Fazit: Ein nervenaufreibendes Meisterwerk, daß man unbedingt gesehen haben muss.
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