Pressestimmen
»Von der verzweifelten Jungmama eines tobenden Wonneproppens bis hin zu Ressortchef des Justizministeriums - Thomashoff bietet aufschlussreiche und inspirierende Lektüre für Pazifisten.« (Business Bestseller )
"Das Buch bietet einen seriösen und überzeugungsfähigen philosophischen, neurobiologischen und nicht zuletzt psychoanalytischen Zugang zum Thema Aggression. Außerdem vielschichtige und provozierende Anregungen für den Weg in eine gewaltfreie persönliche und gesellschaftliche Zukunft." (Publik-Forum, Karl Düsseldorf )
"Das Buch bietet einen seriösen und überzeugungsfähigen philosophischen, neurobiologischen und nicht zuletzt psychoanalytischen Zugang zum Thema Aggression. Außerdem vielschichtige und provozierende Anregungen für den Weg in eine gewaltfreie persönliche und gesellschaftliche Zukunft." (Publik-Forum, Karl Düsseldorf )
Kurzbeschreibung
Sind wir wirklich böse?
Das Auge-um-Auge-Prinzip verändern
Wohin wir auch schauen: Das Böse und Zerstörerische hält die Menschheit seit jeher in Atem und scheint fortwährend neue Nahrung zu bekommen. Bleiben wir dieser Dynamik für immer ausgeliefert? »Nein«, sagt der Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff, und rüttelt mit diesem spektakulären Buch an unserem gewohnten Weltbild. Denn frappierende neue Denkansätze zeigen, wie wir der Aggressionsspirale entkommen können. Im Privaten ebenso wie in Gesellschaft und Politik. Ein provozierendes Plädoyer für eine gewaltfreiere Zukunft.
Das Auge-um-Auge-Prinzip verändern
Wohin wir auch schauen: Das Böse und Zerstörerische hält die Menschheit seit jeher in Atem und scheint fortwährend neue Nahrung zu bekommen. Bleiben wir dieser Dynamik für immer ausgeliefert? »Nein«, sagt der Psychoanalytiker Hans-Otto Thomashoff, und rüttelt mit diesem spektakulären Buch an unserem gewohnten Weltbild. Denn frappierende neue Denkansätze zeigen, wie wir der Aggressionsspirale entkommen können. Im Privaten ebenso wie in Gesellschaft und Politik. Ein provozierendes Plädoyer für eine gewaltfreiere Zukunft.
Klappentext
»Von der verzweifelten Jungmama eines tobenden Wonneproppens bis hin zu Ressortchef des Justizministeriums - Thomashoff bietet aufschlussreiche und inspirierende Lektüre für Pazifisten.« Business Bestseller
Über den Autor
Hans-Otto Thomashoff, Dr. phil., Dr. med., geb. 1964, ist Psychiater, Psychotherapeut und Psychoanalytiker in eigener Praxis sowie promovierter Kunsthistoriker; Ehrenmitglied der World Psychiatric Association und Präsident der dortigen Sektion für Kunst und Psychiatrie; Verfasser zahlreicher Publikationen, u.a. auch begeisterter Krimi-Autor. Er lebt in Wien.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich möchte Sie zu einer Reise einladen, einer Reise zu Bildern auf der dunklen Seite unserer Seele. Wir werden die unterschiedlichsten Orte besuchen, von Korallenriffen zu den Windungen unseres eigenen Gehirns schweifen, vom Bauch der werdenden Mutter in den Hochlanddschungel Papua Neuguineas und von dort hinein in die Versuchslabors der Neurobiologen und Neurobiochemiker, um am Schluss mehr zu wissen über uns selbst, über den Ursprung der Mächte, die unser Handeln bestimmen.
Doch wie kam es zu diesem Buch?
Anlass war eine Beobachtung: Als meine ältere Tochter etwa neun Monate alt war, begann ihr herzerfrischend gewinnendes Wesen eine eigenartige Wandlung zu durchlaufen. Wenn sie so dasaß mit ihrem blonden Haarschopf und mit ihren blauen Augen die Welt um sich herum aufsog, lief inmitten ihres lieblichen Lächelns, aus dem Nichts kommend, ein eigenartiger Schauer über ihr Gesicht, anfangs nur für Sekunden. Hätte ich mich damals bereits eingehender mit der Datierung der Aggressionsentwicklung in der Säuglingsforschung befasst gehabt, wäre mir ihre Wandlung vielleicht schon früher aufgefallen. Ein gutes Jahr später dann war aus dieser ersten Ahnung das geworden, was die Amerikaner so treffend die "Terrible Twos" nennen.
Ein typischer Samstagvormittag: Die Winternacht hat ein wenig Neuschnee gebracht, der die Straßen und Plätze der Stadt überzuckert. Die Wolken haben sich mittlerweile verzogen, und die Sonne strahlt vom kalten Himmel herab. Alles strebt hinaus, warm eingepackt. Der Hund steht bereits aufgeregt an der Tür, wedelt in freudiger Erwartung mit seinem Schwanz. Auch unsere kleine Madame freut sich schon auf den frischen Schnee. Doch dann geschieht es. Ich ziehe ihr gerade die Schuhe an, beginne den rechten zuzubinden, da verfallen die Züge ihres rosigen Gesichts. Als habe sie der Blitz getroffen, wird ein von lautem Geheul begleiteter, langanhaltender theatralischer Wutanfall losgetreten. Alle Beschwichtigungsversuche, Belohnungsangebote, selbst (und ganz besonders) Drohungen scheitern. Sie wirft sich auf den Boden, schlägt um sich und brüllt, was ihre Lungen hergeben. Erst im Abebben ihres Gefühlssturms, noch zitternd und bebend, ist ihr zu entlocken: Der linke Schuh hätte zuerst zugebunden gehört. Was tun?
Meine Frau und ich, wir gewöhnten uns an, sie vor dem Anziehen zu fragen, welcher Schuh es denn heute zuerst sein solle, und zur elterlichen Erleichterung ließ sich die Katastrophe vermeiden. Die Schuhe saßen. Doch halt, der linke Arm hätte zuerst in der Jacke sein sollen ...! Schon war es wieder geschehen.
Wozu das alles? Ergibt die Wut hier irgendeinen Sinn?
Szenenwechsel. Mir gegenüber sitzt ein depressiver Patient. Sein Blick ist starr auf mich gerichtet, wirkt matt. Er beschreibt seine quälende Freudlosigkeit, sein taubes Gefühl innerer Leere, die Hemmung jeglicher Aktivität, die ihm selbst die Bewältigung einfachster Alltagsanforderungen unmöglich macht. Einkaufen, Freunde treffen, ein Telefonanruf, nichts davon geht mehr. In seiner Phantasie, in seinen Träumen erscheint die Welt kahl, leergefegt, einer Mondlandschaft gleich. Und genau bei diesen Bildern gelingt es mir, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Das totale Zerstörungsszenario wird verstehbar und schließlich auch einfühlbar als Ausdruck einer bislang verborgenen, alles vernichten wollenden Wut. Hintergründe, mögliche Ursachen in seiner Biographie, finden sich, und langsam entfaltet sich eine bis dahin im Unbewussten verborgene Gefühlswelt in der Beziehung zwischen uns, wird bewusst und ein Stück weit gemeinsam erlebbar. Er beginnt sich wieder zu spüren, und aus seiner unerklärlichen Lähmung werden Kräfte freigesetzt, die er nie für möglich gehalten hätte. Sie waren als schlummernde Aggression in seiner Depression gebunden gewesen.
Je mehr das Thema Besitz von mir ergriff, umso klarer traten mir Bilder aus meiner eigenen Vergangenheit vor Augen: Kriege und Katastrophen, Bombenattentate und Entführungen, Naher Osten, Balkan, Hungersnöte in Afrika, ETA, IRA, RAF, Schleyer, Moro ... Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen, ist wohl allen meiner Generation vertraut. Über das Fernsehen wurden wir Zeugen, erlebten wir mit. Und an der Spitze allen Horrors standen die in Schwarz-Weiß gefilmten Leichenberge des Holocaust, statische, leicht verwackelte Einstellungen gebannten Grauens, jedes Vorstellungsvermögen übersteigend. Das Unbegreifliche, Unfassbare wurde uns ins Gehirn eingebrannt - eine wirklich plausible Erklärung dafür blieb man uns schuldig. Ich erinnere mich noch an einen meiner Geschichtslehrer im Gymnasium. Er stand kurz vor der Pensionierung und verharrte im Unterrichtsstoff wochenlang bei den Ereignissen des Jahres 1871. Als Hausaufgabe mussten wir immer wieder dieselben Seiten lesen. So gewann er Zeit, um sich bis zum Ende des Schuljahres nur ja nicht weiter als bis zu den Ereignissen von 1914 vorwagen zu müssen. Man munkelte, er habe seine Gründe dafür gehabt.
Als hätte ich unbewusst schon früh die Mosaiksteine für dieses Buch zu sammeln begonnen, erscheint mir rückblickend mein beruflicher Werdegang. Seit meiner Schulzeit verbrachte ich viel Zeit in der Natur. Ihre Gesetze schienen sinnlose Aggression nicht zu kennen. Ich beobachtete, fotografierte, reiste um die Welt. Den Grundlagen des Seins hoffte ich durch ein Biochemiestudium auf die Spur zu kommen. Ich trug weiße Kittel und untersuchte Amöben, sezierte mich über Flusskrebs und Frosch hinauf bis zur Ratte. Die meiste Zeit jedoch war erfüllt von Tropfenzählen im Labor, in der Hoffnung darauf, dass sich die klare Flüssigkeit im Reagenzglas trüben oder verfärben möge. Manchmal tat sie es. Auch waren die chemischen Formeln ästhetisch schön. Doch einer Klärung von Fragen brachte mich all das nicht näher. Ich behielt den Kittel an -vorläufig noch - und wechselte zur Medizin. Das Studium des menschlichen Körpers verband ich mit dem der Kunstgeschichte. Bot nicht die Kunst eine Gegenwelt zur Realität aus Krankheit, Siechtum und Sterben? Beinahe wie von selbst strebten die beiden Studien aufeinander zu, vereinten sich in einer Medizin des Geistes, in Psychiatrie und Psychoanalyse. Die Frage nach dem Warum unseres Denkens, Fühlens und Handelns wurde zum Kristallisationspunkt meiner Arbeit.
Ein letzter Schritt noch ging diesem Buch voraus: Ich begann Kriminalromane zu schreiben, Facetten des Bösen in der Phantasie durchzuspielen, mich spielerisch auf das Thema einzustimmen.
Zahlreiche, oft widersprüchliche Denkansätze zum Verständnis der menschlichen Aggression sind im Laufe der Zeit entwickelt worden. Ich werde unterschiedlichste von ihnen vorstellen, sie an den Schauplätzen ihrer Entstehung lebendig werden lassen und zu einem Gesamtkonzept integrieren.
Doch wie kam es zu diesem Buch?
Anlass war eine Beobachtung: Als meine ältere Tochter etwa neun Monate alt war, begann ihr herzerfrischend gewinnendes Wesen eine eigenartige Wandlung zu durchlaufen. Wenn sie so dasaß mit ihrem blonden Haarschopf und mit ihren blauen Augen die Welt um sich herum aufsog, lief inmitten ihres lieblichen Lächelns, aus dem Nichts kommend, ein eigenartiger Schauer über ihr Gesicht, anfangs nur für Sekunden. Hätte ich mich damals bereits eingehender mit der Datierung der Aggressionsentwicklung in der Säuglingsforschung befasst gehabt, wäre mir ihre Wandlung vielleicht schon früher aufgefallen. Ein gutes Jahr später dann war aus dieser ersten Ahnung das geworden, was die Amerikaner so treffend die "Terrible Twos" nennen.
Ein typischer Samstagvormittag: Die Winternacht hat ein wenig Neuschnee gebracht, der die Straßen und Plätze der Stadt überzuckert. Die Wolken haben sich mittlerweile verzogen, und die Sonne strahlt vom kalten Himmel herab. Alles strebt hinaus, warm eingepackt. Der Hund steht bereits aufgeregt an der Tür, wedelt in freudiger Erwartung mit seinem Schwanz. Auch unsere kleine Madame freut sich schon auf den frischen Schnee. Doch dann geschieht es. Ich ziehe ihr gerade die Schuhe an, beginne den rechten zuzubinden, da verfallen die Züge ihres rosigen Gesichts. Als habe sie der Blitz getroffen, wird ein von lautem Geheul begleiteter, langanhaltender theatralischer Wutanfall losgetreten. Alle Beschwichtigungsversuche, Belohnungsangebote, selbst (und ganz besonders) Drohungen scheitern. Sie wirft sich auf den Boden, schlägt um sich und brüllt, was ihre Lungen hergeben. Erst im Abebben ihres Gefühlssturms, noch zitternd und bebend, ist ihr zu entlocken: Der linke Schuh hätte zuerst zugebunden gehört. Was tun?
Meine Frau und ich, wir gewöhnten uns an, sie vor dem Anziehen zu fragen, welcher Schuh es denn heute zuerst sein solle, und zur elterlichen Erleichterung ließ sich die Katastrophe vermeiden. Die Schuhe saßen. Doch halt, der linke Arm hätte zuerst in der Jacke sein sollen ...! Schon war es wieder geschehen.
Wozu das alles? Ergibt die Wut hier irgendeinen Sinn?
Szenenwechsel. Mir gegenüber sitzt ein depressiver Patient. Sein Blick ist starr auf mich gerichtet, wirkt matt. Er beschreibt seine quälende Freudlosigkeit, sein taubes Gefühl innerer Leere, die Hemmung jeglicher Aktivität, die ihm selbst die Bewältigung einfachster Alltagsanforderungen unmöglich macht. Einkaufen, Freunde treffen, ein Telefonanruf, nichts davon geht mehr. In seiner Phantasie, in seinen Träumen erscheint die Welt kahl, leergefegt, einer Mondlandschaft gleich. Und genau bei diesen Bildern gelingt es mir, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Das totale Zerstörungsszenario wird verstehbar und schließlich auch einfühlbar als Ausdruck einer bislang verborgenen, alles vernichten wollenden Wut. Hintergründe, mögliche Ursachen in seiner Biographie, finden sich, und langsam entfaltet sich eine bis dahin im Unbewussten verborgene Gefühlswelt in der Beziehung zwischen uns, wird bewusst und ein Stück weit gemeinsam erlebbar. Er beginnt sich wieder zu spüren, und aus seiner unerklärlichen Lähmung werden Kräfte freigesetzt, die er nie für möglich gehalten hätte. Sie waren als schlummernde Aggression in seiner Depression gebunden gewesen.
Je mehr das Thema Besitz von mir ergriff, umso klarer traten mir Bilder aus meiner eigenen Vergangenheit vor Augen: Kriege und Katastrophen, Bombenattentate und Entführungen, Naher Osten, Balkan, Hungersnöte in Afrika, ETA, IRA, RAF, Schleyer, Moro ... Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen, ist wohl allen meiner Generation vertraut. Über das Fernsehen wurden wir Zeugen, erlebten wir mit. Und an der Spitze allen Horrors standen die in Schwarz-Weiß gefilmten Leichenberge des Holocaust, statische, leicht verwackelte Einstellungen gebannten Grauens, jedes Vorstellungsvermögen übersteigend. Das Unbegreifliche, Unfassbare wurde uns ins Gehirn eingebrannt - eine wirklich plausible Erklärung dafür blieb man uns schuldig. Ich erinnere mich noch an einen meiner Geschichtslehrer im Gymnasium. Er stand kurz vor der Pensionierung und verharrte im Unterrichtsstoff wochenlang bei den Ereignissen des Jahres 1871. Als Hausaufgabe mussten wir immer wieder dieselben Seiten lesen. So gewann er Zeit, um sich bis zum Ende des Schuljahres nur ja nicht weiter als bis zu den Ereignissen von 1914 vorwagen zu müssen. Man munkelte, er habe seine Gründe dafür gehabt.
Als hätte ich unbewusst schon früh die Mosaiksteine für dieses Buch zu sammeln begonnen, erscheint mir rückblickend mein beruflicher Werdegang. Seit meiner Schulzeit verbrachte ich viel Zeit in der Natur. Ihre Gesetze schienen sinnlose Aggression nicht zu kennen. Ich beobachtete, fotografierte, reiste um die Welt. Den Grundlagen des Seins hoffte ich durch ein Biochemiestudium auf die Spur zu kommen. Ich trug weiße Kittel und untersuchte Amöben, sezierte mich über Flusskrebs und Frosch hinauf bis zur Ratte. Die meiste Zeit jedoch war erfüllt von Tropfenzählen im Labor, in der Hoffnung darauf, dass sich die klare Flüssigkeit im Reagenzglas trüben oder verfärben möge. Manchmal tat sie es. Auch waren die chemischen Formeln ästhetisch schön. Doch einer Klärung von Fragen brachte mich all das nicht näher. Ich behielt den Kittel an -vorläufig noch - und wechselte zur Medizin. Das Studium des menschlichen Körpers verband ich mit dem der Kunstgeschichte. Bot nicht die Kunst eine Gegenwelt zur Realität aus Krankheit, Siechtum und Sterben? Beinahe wie von selbst strebten die beiden Studien aufeinander zu, vereinten sich in einer Medizin des Geistes, in Psychiatrie und Psychoanalyse. Die Frage nach dem Warum unseres Denkens, Fühlens und Handelns wurde zum Kristallisationspunkt meiner Arbeit.
Ein letzter Schritt noch ging diesem Buch voraus: Ich begann Kriminalromane zu schreiben, Facetten des Bösen in der Phantasie durchzuspielen, mich spielerisch auf das Thema einzustimmen.
Zahlreiche, oft widersprüchliche Denkansätze zum Verständnis der menschlichen Aggression sind im Laufe der Zeit entwickelt worden. Ich werde unterschiedlichste von ihnen vorstellen, sie an den Schauplätzen ihrer Entstehung lebendig werden lassen und zu einem Gesamtkonzept integrieren.
Prolog. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich möchte Sie zu einer Reise einladen, einer Reise zu Bildern auf der dunklen Seite unserer Seele. Wir werden die unterschiedlichsten Orte besuchen, von Korallenriffen zu den Windungen unseres eigenen Gehirns schweifen, vom Bauch der werdenden Mutter in den Hochlanddschungel Papua Neuguineas und von dort hinein in die Versuchslabors der Neurobiologen und Neurobiochemiker, um am Schluss mehr zu wissen über uns selbst, über den Ursprung der Mächte, die unser Handeln bestimmen.Doch wie kam es zu diesem Buch?Anlass war eine Beobachtung: Als meine ältere Tochter etwa neun Monate alt war, begann ihr herzerfrischend gewinnendes Wesen eine eigenartige Wandlung zu durchlaufen. Wenn sie so dasaß mit ihrem blonden Haarschopf und mit ihren blauen Augen die Welt um sich herum aufsog, lief inmitten ihres lieblichen Lächelns, aus dem Nichts kommend, ein eigenartiger Schauer über ihr Gesicht, anfangs nur für Sekunden. Hätte ich mich damals bereits eingehender mit der Datierung der Aggressionsentwicklung in der Säuglingsforschung befasst gehabt, wäre mir ihre Wandlung vielleicht schon früher aufgefallen. Ein gutes Jahr später dann war aus dieser ersten Ahnung das geworden, was die Amerikaner so treffend die "Terrible Twos" nennen.Ein typischer Samstagvormittag: Die Winternacht hat ein wenig Neuschnee gebracht, der die Straßen und Plätze der Stadt überzuckert. Die Wolken haben sich mittlerweile verzogen, und die Sonne strahlt vom kalten Himmel herab. Alles strebt hinaus, warm eingepackt. Der Hund steht bereits aufgeregt an der Tür, wedelt in freudiger Erwartung mit seinem Schwanz. Auch unsere kleine Madame freut sich schon auf den frischen Schnee. Doch dann geschieht es. Ich ziehe ihr gerade die Schuhe an, beginne den rechten zuzubinden, da verfallen die Züge ihres rosigen Gesichts. Als habe sie der Blitz getroffen, wird ein von lautem Geheul begleiteter, langanhaltender theatralischer Wutanfall losgetreten. Alle Beschwichtigungsversuche, Belohnungsangebote, selbst (und ganz besonders) Drohungen scheitern. Sie wirft sich auf den Boden, schlägt um sich und brüllt, was ihre Lungen hergeben. Erst im Abebben ihres Gefühlssturms, noch zitternd und bebend, ist ihr zu entlocken: Der linke Schuh hätte zuerst zugebunden gehört. Was tun?Meine Frau und ich, wir gewöhnten uns an, sie vor dem Anziehen zu fragen, welcher Schuh es denn heute zuerst sein solle, und zur elterlichen Erleichterung ließ sich die Katastrophe vermeiden. Die Schuhe saßen. Doch halt, der linke Arm hätte zuerst in der Jacke sein sollen ...! Schon war es wieder geschehen.Wozu das alles? Ergibt die Wut hier irgendeinen Sinn?Szenenwechsel. Mir gegenüber sitzt ein depressiver Patient. Sein Blick ist starr auf mich gerichtet, wirkt matt. Er beschreibt seine quälende Freudlosigkeit, sein taubes Gefühl innerer Leere, die Hemmung jeglicher Aktivität, die ihm selbst die Bewältigung einfachster Alltagsanforderungen unmöglich macht. Einkaufen, Freunde treffen, ein Telefonanruf, nichts davon geht mehr. In seiner Phantasie, in seinen Träumen erscheint die Welt kahl, leergefegt, einer Mondlandschaft gleich. Und genau bei diesen Bildern gelingt es mir, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Das totale Zerstörungsszenario wird verstehbar und schließlich auch einfühlbar als Ausdruck einer bislang verborgenen, alles vernichten wollenden Wut. Hintergründe, mögliche Ursachen in seiner Biographie, finden sich, und langsam entfaltet sich eine bis dahin im Unbewussten verborgene Gefühlswelt in der Beziehung zwischen uns, wird bewusst und ein Stück weit gemeinsam erlebbar. Er beginnt sich wieder zu spüren, und aus seiner unerklärlichen Lähmung werden Kräfte freigesetzt, die er nie für möglich gehalten hätte. Sie waren als schlummernde Aggression in seiner Depression gebunden gewesen.Je mehr das Thema Besitz von mir ergriff, umso klarer traten mir Bilder aus meiner eigenen Vergangenheit vor Augen: Kriege und Katastrophen, Bombenattentate und Entführungen, Naher Osten, Balkan, Hungersnöte in Afrika, ETA, IRA, RAF, Schleyer, Moro ... Die Liste ließe sich beliebig lang fortsetzen, ist wohl allen meiner Generation vertraut. Über das Fernsehen wurden wir Zeugen, erlebten wir mit. Und an der Spitze allen Horrors standen die in Schwarz-Weiß gefilmten Leichenberge des Holocaust, statische, leicht verwackelte Einstellungen gebannten Grauens, jedes Vorstellungsvermögen übersteigend. Das Unbegreifliche, Unfassbare wurde uns ins Gehirn eingebrannt - eine wirklich plausible Erklärung dafür blieb man uns schuldig. Ich erinnere mich noch an einen meiner Geschichtslehrer im Gymnasium. Er stand kurz vor der Pensionierung und verharrte im Unterrichtsstoff wochenlang bei den Ereignissen des Jahres 1871. Als Hausaufgabe mussten wir immer wieder dieselben Seiten lesen. So gewann er Zeit, um sich bis zum Ende des Schuljahres nur ja nicht weiter als bis zu den Ereignissen von 1914 vorwagen zu müssen. Man munkelte, er habe seine Gründe dafür gehabt.Als hätte ich unbewusst schon früh die Mosaiksteine für dieses Buch zu sammeln begonnen, erscheint mir rückblickend mein beruflicher Werdegang. Seit meiner Schulzeit verbrachte ich viel Zeit in der Natur. Ihre Gesetze schienen sinnlose Aggression nicht zu kennen. Ich beobachtete, fotografierte, reiste um die Welt. Den Grundlagen des Seins hoffte ich durch ein Biochemiestudium auf die Spur zu kommen. Ich trug weiße Kittel und untersuchte Amöben, sezierte mich über Flusskrebs und Frosch hinauf bis zur Ratte. Die meiste Zeit jedoch war erfüllt von Tropfenzählen im Labor, in der Hoffnung darauf, dass sich die klare Flüssigkeit im Reagenzglas trüben oder verfärben möge. Manchmal tat sie es. Auch waren die chemischen Formeln ästhetisch schön. Doch einer Klärung von Fragen brachte mich all das nicht näher. Ich behielt den Kittel an -vorläufig noch - und wechselte zur Medizin. Das Studium des menschlichen Körpers verband ich mit dem der Kunstgeschichte. Bot nicht die Kunst eine Gegenwelt zur Realität aus Krankheit, Siechtum und Sterben? Beinahe wie von selbst strebten die beiden Studien aufeinander zu, vereinten sich in einer Medizin des Geistes, in Psychiatrie und Psychoanalyse. Die Frage nach dem Warum unseres Denkens, Fühlens und Handelns wurde zum Kristallisationspunkt meiner Arbeit.Ein letzter Schritt noch ging diesem Buch voraus: Ich begann Kriminalromane zu schreiben, Facetten des Bösen in der Phantasie durchzuspielen, mich spielerisch auf das Thema einzustimmen.Zahlreiche, oft widersprüchliche Denkansätze zum Verständnis der menschlichen Aggression sind im Laufe der Zeit entwickelt worden. Ich werde unterschiedlichste von ihnen vorstellen, sie an den Schauplätzen ihrer Entstehung lebendig werden lassen und zu einem Gesamtkonzept integrieren.