Am Ende seines Buches ,Versteckte Wirklichkeit`, vor dem Epilog, geht Lothar Schäfer u.a. auf den Philosophen Immanuel Kant ein. Ich möchte Kant zum Anlass meiner Besprechung des Buches von Schäfer heranziehen.
Kant hat am Ende seiner ,Kritik der praktischen Vernunft` im ,Beschluss` quasi ein Vermächtnis seiner ganzen Philosophie vorgestellt, das mit folgenden Worten beginnt: Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmenden Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir. Beide darf ich nicht als in Dunkelheiten verhüllt...außer meinem Gesichtskreise, suchen und bloß vermuten; ich sehe sie vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz. Das erste fängt von dem Platze an, den ich in der äußern Sinnenwelt einnehme... Das zweite fängt von meinem unsichtbaren Selbst, meiner Persönlichkeit, an, und stellt mich in einer Welt dar, die wahre Unendlichkeit hat, aber nur dem Verstande spürbar ist..." Kant spricht hier von zwei konträren Aspekten des Menschen, die über das Bewusstsein miteinander verbunden sind. Zum einen der wahrnehmende Mensch in der ,bewusstlosen Außenwelt des Universums` und zum anderen zugleich als der Vernunftmensch eingebunden in der ,unendlichen Innenwelt des bewussten Universums`. Kurz, der Mensch als irdisches und geistiges Wesen, in einer Welt die irdisch und geistig zugleich ist. Der amerikanische Philosoph Ralph Waldo Emerson, ein großer Bewunderer von Kant, formuliert in seinem Buch ,Nature`: Nature is Spirit! Das war und ist die Philosophie der Gnosis. Sie wurde vom Christentum bekämpft. Doch das Christentum bekämpfte auch einmal die These, dass die Erde rund sei. Wir wissen, dass Galileo Galilei dafür büßen mußte. Seit Newton trennt die klassische Physik radikal den sinnlich wahrnehmenden Menschen von Religion und von einer bewusstlosen Natur. Seine eigene Natur mit Bewusstsein war seitdem für diese klassische Physik völlig irrelevant. Das änderte sich erst wieder radikal mit der Quantenphysik. Hier erschien plötzlich wieder der bewusste Beobachter als Teil einer ,bewussten Natur`, mit der sich schon Kant über das ,moralische Gesetz` unendlich verbunden erkannte. Dies wird, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aber bis heute von der Mehrheit der Naturwissenschaftler ignoriert bis geleugnet. Lothar Schäfer tut das nicht, mehr noch, er erinnert uns an das kantische Vermächtnis. In seinem Buch setzt er genau damit an, dass der klassische Beobachter in der Außenwelt, indem er unendlich viele virtuelle quantische Zustände voraussetzen muss, diese durch seine Beobachtung reduziert. Als Beobachter mit Bewusstsein und Teil der bewussten Natur weiß aber dieser Beobachter, dass sich nur ein Zustand, dazu noch ein probabilistischer, aus der unendlichen Mannigfaltigkeit virtueller Quantenzustände des Universums substantiviert hat. Damit ist aber der Bewusstseinszustand der quantischen Natur und des quantischen Beobachters nicht zusammengebrochen. Die unendliche Vielfalt virtueller Zustände ist darüber hinaus keine chaotische Gemengelage, sondern entsprechend den Gesetzen der Quantentheorie wohlgeordnet. Im Laufe der Evolution hat sich diese präbewußte virtuelle Quantenordnung ,aszendent` im ,bewussten Menschen` herausgebildet, wobei der Gradient dieser Herausbildung jedoch ,deszendent` aus der universalen bewussten virtuellen quantischen Ordnung zu verstehen ist. Wie Kant verortet Lother Schäfer diese ,aszendente Deszendenz` in einem ,moralischen Gesetz`, d.h. in einer universalen Ethik, die den bekannten kantschen ,kategorischen Imperativ` impliziert.
Das Grandiose an dem Werk von Lothar Schäfer ist, dass er diese Zusammenhänge überzeugend mit den Erkenntnissen der moderne Naturwissenschaften Physik, Chemie und Biologie verbindet. Hierbei gewinnen diese an den Universitäten recht ,geistlos` vermittelten Wissenschaften wieder ,Geist`! Vor dem Epilog formuliert der Autor: In den Quantenphänomenen wird Geist zu Materie", und als sein Vermächtnis, im Sinnen von Kant: Zwei Dinge erfüllen mein Gemüt mit immer größerer Bewunderung und Ehrfurcht, je länger ich sie betrachte: das Wunder meines eigenen Bewusstseins und sein Bund mit dem bewusstseinsartigen Hintergrund der Wirklichkeit."
Ich kann dieses Buch nur jedem aufgeschlossenen Menschen empfehlen, der Natur und Geist angemessen verstehen möchte, besonders aber den Naturwissenshaftlern, die den Geist und das Bewusstsein aus der Natur und letztlich auch aus dem Menschen - und damit aus sich selbst -vertrieben haben. Darüber hinaus kann jeder Leser von diesem Werk nur profitieren. Geradezu tröstlich ist folgende Einsicht des Autors: In gewissem Sinne ist jeder von uns die Aktualisierung eines komplizierten Quantenzustands, der schon vor unserer Geburt virtuell in den Quantenstrukturen des Universums existierte, der noch lange nach unserem Tod als virtueller Zustand weiterexistieren wird und dessen Verwirklichung durch uns möglich, aber nicht notwendig war." (102)
Zu dieser Einsicht und Vergewisserung ist nun auch die Quantenphilosophie von Lothar Schäfer in der Lage. Wir benötigen deshalb nicht länger einen ,Kreationismus` oder das ,Intelligent Design`, und noch weniger einen Dawkins`schen besinnungslosen ,Eigennutz der Gene`, und schon gar nicht die Soziobiologie, selbst wenn sie quantisch daherkäme.