Was einen gescheiten Unsinn ausmacht, das ist nicht der schnell mal so dahingeflachste Unsinn, sondern "konsequent, also regelmäßig verweigerter Sinn" -- erläutert uns kein Geringerer als Robert Gernhardt scharfsinnig und -züngig in seinem Nachwort, und wieder mal hat er recht. Freilich unterwirft sich so ein Dichter, der was auf sich hält, nicht aus Untertanengeist den landläufigen Regelsystemen, sondern aus schierer Freude am Spiel, mit nimmermüdem "das wollmer mal sehen, wer das Spiel gewinnt, die Regel oder ich". Gernhardt formuliert es treffender: "Ohne Regel kein Spiel, ohne Spiel kein Sieg".
So. Genug der Einleitung. Günter Nehm legt sich genüsslich mit dem Regelwerk "Reim, Reimschema und so weiter" an, und das Regelwerk bleibt zweiter Sieger, denn Nehm ist ein Pelé des Nonsensdichtens. Er dribbelt die Hohe Schule des Unsinns, dass es den Reimen und Wörtern schwindlig wird, lässt gleich eine ganze Regelwerk-Abwehrkette alt aussehen, reimt lyrische Bananenflanken, und jeder Reim, jedes Wortspiel trifft ins Schwarze. Wirklich jeder. Keiner Herausforderung weicht er aus: Hochseriöses wie Sonette und Balladen hat er allemal formvollendet zu bieten, vor allem aber virtuosen Unsinn: Schüttelreime, Akrosticha, Abecedarien, Pentavokalisches, Limericks, Palindrome, Anagramme, "Sammansatz mit...", Zwillings-, Doppel- und Wechselreime, rime équivoque und was noch alles... Nein, keine Sorge, man braucht all diese Fachbegriffe nicht zu kennen; es genügt vollkommen, Nehms Traumtore zu sehen, äh... zu lesen, in die er diese Steilvorlagen verwandelt.
Jetzt kommt's nämlich: Günter Nehm belässt's nicht mit e i n e r Herausforderung pro Gedicht, sondern er kombiniert mindestens deren zwei. Enden tun diese literarischen Strafraumdribblings nicht in lyrischer Elfmeterschinderei, sondern in umwerfender Komik, die auf der formalen Ebene ebenso wirkt wie auf der des Wortes und seiner Bedeutungen. Aus schierer Freude am Spiel baut Nehm sich noch zusätzliche Hürden ein, gönnt dem Regelwerk sozusagen noch einen weiteren Feldspieler. Aber auch das hilft dem Ordnungssystem nichts: Es wird souverän am Nasenring herumgeführt. Ein paar Beispiele gefällig? Aber gern; die verheißungsvollen Titel sollten genügen, denn sie versprechen, weiß Gott, nicht zu viel. Hier also eine kleine Auswahl:
Die "Geschüttelte Eierballade", das "Trinkersonett" (geschüttelt, nicht gerührt!), "Wallensteins Tod" mit dem Wort "Wallenstein" als Reim- respektive Torvorlage, das paradiesische Akrostichon-Gedicht "Adam und Eva", rabenschwarz gereimte Anagrammvariationen über "Elisabeth", Reim-Anagramm-Hommagen an Erich Kästner und Christian Morgenstern, und als Finale furioso Anleihen bei Ror Wolfs "Hans Waldmann", unter dem Titel "Reimund Prosa" -- auch dies selbstverständlich unter verschärften Bedingungen. Ich nenne nur ein Beispiel daraus: "R. Prosa als Stabreimdichter".
Merke:
Daddeldu, wir sterben.
Daddel, du wirst erben.
Das issn rime équivoque von Günter Nehm, mit dem Titel -- klar doch: "Anleihe bei Ringelnatz"