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Historiker, Sozialwissenschaftler und Philosophen stellen sich fast schon ein Jahrhundert lang die schwierige Frage, wo liegt die Ursache dafür, dass der Islam und der Vordere Orient, der im großen und ganzen Teil der Islamischen Kultur ist, sich so gravierend von der Entwicklung unterscheidet, wie sie beispielsweise im westlichen Europa vor sich gegangen ist. Im sechzehnten, siebzehnten Jahrhundert wurden durch die Renaissance, die Reformation und vor allem durch den Buchdruck eine Dynamik entwickelt, die ganz weit entfernt von der war, die in der Lebensweise des Islam steckt. Das heißt, insbesondere der gewaltige Schub, der durch die Erfindung des Buchdrucks ausgelöst wurde, nämlich die Möglichkeit umfassender Wissensverbreitung, führte dazu das der Vordere Orient, der in seinen Lebenswelten, in seinem Codex, islamisch geprägt ist, nicht mehr Teil dieser Entwicklung sein konnte. Der Buchdruck wurde im islamischen Orient erst dreihundert Jahre später eingeführt.
Durch den Autor wird sicherlich die Neugier des Lesers geweckt, warum das so war. Und darauf gibt er sehr differenzierte Antworten, denn es waren verschiedene Gründe ausschlaggebend, sicher nicht allein die Religion.
Dan Diner bezeichnet das „Sakrale“ als Hauptursache. Damit meint er etwas, was wir in unserer westlichen psychoanalytischen und anthropologischen Kultursprache als „Tabu“ bezeichnen würden, das heißt, gewisse Dinge dürfen nicht getan werden, etwa die „Berührung“ der Heiligen Schrift, hier dies des Korans, mit den metallischen Lettern des Buchdrucks. Das würde zu einer Entweihung führen und dadurch würde die als heilig angesehene Schrift etwas ganz Wichtiges in ihrer Aura verlieren. So erklärt sich warum eine bestimmte Kultur, wie die des Islam im Vorderen Orient, eine gewisse Reaktion der Abwehr gegenüber dieses Neuerungen entwickelte, die letztendlich das „Sakrale“ im Herz verletzten würden. Im westlichen Europa ist dahingegen unsere Kultur, durch jene Entwicklung die mit der frühen Neuzeit beginnt, säkularisiert und profaniert worden.
In einem anderen Kapitel untersucht der Autor auch die Blütezeit die bis ins 17. Jahrhundert hineinreicht. Neben den militärischen Gründen waren es weitere profunde ideologische Ursachen, die diese Entwicklung möglich machten. So waren die orientalischen Lebenswelten nur lebensfähig, weil es einen zentralen Staat gab, der alles regulierte. Handwerker und Kaufleute konnten kein größeres Maß an Eigenständigkeit entwickeln, weil der Staat die Preise festsetzte und die Qualität der Waren einer ständigen Kontrolle unterwarf, anders wie in Europa, wo wir es mit einer „Zerklüftung von Gewalten“ zu tun hatten.
Ein weiteres zentrales Thema des Buches: In den Jahren von 1950 bis 1990 war der Kalte Krieg ein großer Neutralisator im Verhältnis der arabischen Welt zu Amerika. Und die Unterschiede, die kultureller Art sind, treten seit dem Wegbruch dieser Neutralisierung immer stärker in den Vordergrund. Der sakrale Hintergrund ist der Indikator für die Selbstmordattentäter jüngster Zeit. Ausgelöst wurde alles durch den 11. September 2001.Der Autor nennt es die „sakrale Zeit“, die Menschen handeln über die eigene biologische Lebensdauer hinaus. Das ist ein Phänomen, welches in den nächsten Jahrzehnten noch eine außerordentliche Herausforderung für uns alle darstellen wird.
Das Buch ist derart packend und atmosphärisch dicht geschrieben, dass man keine Seite davon missen möchte. Meisterhaft recherchiert auf unterschiedlichen Reflexionsebenen.
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