Dieses Werk ist eine komplett illustrierte, aktualisierte Neuausgabe des Buchs "Verschwundene Arbeit. Ein Thesaurus der untergegangenen Berufe", das 1994 von Hans Magnus Enzensberger in "Die Andere Bibliothek" herausgegeben wurde. Sie finden in diesem erstklassig aufgemachten Lexikon einen Überblick über ca. 180 Berufe vergangener Zeiten - überwiegend aus dem 18. und 19. Jahrhundert.
Um einige Beispiele zu nennen: Sie haben sicher schon einmal die Begriffe "Büchsenmacher", "Drahtzieher" oder "Läufer" gehört. Mit "Büchsenmachern" sind hier nicht etwa die Männer gemeint, die nur Töchter zeugen, sondern die Meister des metallverarbeitenden Gewerbes, die Waffen zusammenbauten und überarbeiteten. Die Ausbildung zum Büchsenmacher gibt es sogar heute noch - er bedient mit seinen Erzeugnissen Jäger und Schieß-Sportler. Beim "Drahtzieher" denkt man an jemanden, der die Fäden in der Hand hat, und ein bisschen stimmt das sogar. Der Drahtzieher hat Metalldrähte hergestellt, aus denen eine ganze Reihe anderer Produkte gefertigt wurden: Nägel, Näh- und Stecknadeln, Ketten, Siebe, Ösen u.a.. Die "Läufer" sind nicht nur Figuren beim Schach, sondern waren Bedienstete, die vor den Wagen- oder Reitpferden vornehmer Herrschaften herliefen, um freie Bahn zu schaffen oder zu leuchten. Nach der Französischen Revolution starb dieser Beruf rasch aus.
Autor Rudi Palla hat die "verschwundenen" Berufe auf 260 Seiten alphabetisch aufgeführt, so dass man sie mit Hilfe des zweiseitigen Registers schnell finden kann. Es handelt sich bei den meisten um Männerberufe, aber es sind auch von Frauen ausgeführte Tätigkeiten genannt, überwiegend aus dem süddeutschen und dem Wiener Raum. Kleine Anekdoten und Zitate vervollständigen die Berufsporträts, wie ich am Beispiel des "Wäschermädels" oder "Waschweib" darlegen möchte: "Seit Beginn der Biedermeierzeit galt der Typ des Wiener Wäschermädels als Inbegriff von Natürlichkeit, Lebenslust und Schlagfertigkeit. In Wirklichkeit gehörten die Wäscherinnen einem der vielen aussterbenden Gewerbe an, die im wachsenden großstädtischen Getriebe nicht mehr konkurrenzfähig waren. Sie lebten und arbeiteten unter schwersten und elenden Bedingungen in den sogenannten Waschburgen".
Noch ein Wort zur wirklich gelungenen Illustration des Nachschlagewerks: man findet farbige Lithografien aus dem 18. und 19. Jahrhundert und Kupferstiche aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die die Berufsstände bildnerisch darstellen. Auch einzelne Photografien aus dem 19. und Beginn des 20. Jahrhundert geben Aufschluss über die verschiedenen Tätigkeiten. Ich halte sie für sehr gut ausgewählt und zusammengestellt. Ein wertvolles und übersichtliches Buch über die Veränderung der Arbeitswelt.