Aus der Amazon.de-Redaktion
Schon bald stellt sich heraus, dass Lindbergh andere Zukunftspläne schmiedet. Seine Begeisterung für Hitlers Machtpolitik wird jedoch nicht nur den amerikanischen Juden, sondern ebenso ihm selbst zum Verhängnis. Rückblickend beschreibt Philip aus der Perspektive eines Kindes, wie das geregelte Leben der Juden zerbricht, wie das beklemmende Gefühl der Schutzlosigkeit sie dazu zwingt Dinge zu tun, die ihnen einst zuwider gewesen wären.
Was wäre, wenn ...? Philip Roth spielt in dem autobiografisch gefärbten Roman Verschwörung gegen Amerika eine andere Variante des zweiten Weltkrieges und seiner Kindheit durch. Fasziniert von der Tatsache, dass die amerikanischen Juden -- folglich auch die eigene Familie -- der großen Katastrophe entronnen sind, fingiert Roth ein antisemitisches Amerika unter der Präsidentschaft Lindberghs. Sein Jonglieren mit historischen Fakten und historischer Fiktion ist schlichtweg verblüffend. Um so realistisch wie möglich zu schreiben, wich Roth von seinen bisherigen Romanen ab: Die Opferrolle der Juden im Zentrum, das ist neu. Sein Ziel hat Roth auf jeden Fall erreicht, lässt er seine Leser doch fast vergessen, dass die Realität im Hinblick auf die Präsidentschaft Lindberghs eine ganz andere war. --Fenja Wambold
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Kurzbeschreibung
Über den Autor
Auszug aus Verschwörung gegen Amerika von Philip Roth, Werner Schmitz. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
ich zu Bett gingen, war der Parteitag immer noch gespalten zwischen Dewey, Wilkie und zwei mächtigen republikanischen Senatoren, Vandenberg aus Michigan und Taft aus Ohio, und es sah nicht danach aus, als könnten Parteibonzen wie der ehemalige Präsident Hoover, den Roosevelts überwältigender Sieg 1932 aus dem Amt gefegt hatte, oder Gouverneur Alf Landon, den Roosevelt vier Jahre später beim größten Erdrutschsieg der Geschichte gar noch schmählicher geschlagen hatte, in absehbarer Zeit eine Lösung im Hinterzimmer ausklüngeln.
Es war der erste schwüle Abend in diesem Sommer, die Fenster in allen Zimmern standen offen, und Sandy und ich konnten, ob wir wollten oder nicht, auch noch im Bett die Übertragung weiterverfolgen, und zwar sowohl aus dem Radio in unserem eigenen Wohnzimmer als auch aus dem Radio in der Wohnung unter uns und da die Häuser lediglich durch enge Gassen, kaum breit genug für ein Auto, voneinander getrennt waren den Radios unserer Nachbarn zur Linken und zur Rechten und gegenüber. Das war lange vor der Zeit, als Fenster-Klimaanlagen in tropischen Nächten die Geräusche der Nachbarschaft übertönten, und so bekam der ganze Block von Keer bis Chancellor die Sendung mit ein Block, in dem kein einziger Republikaner lebte, weder in den gut dreißig Zweieinhalbfamilienhäusern noch in dem neuen kleinen Mietshaus an der Kreuzung Chancellor Avenue. In Straßen wie der unseren wählten die Juden stramm demokratisch, solange FDR die Kandidatenliste anführte.
Aber wir waren noch Kinder und schliefen trotzdem ein, und wahrscheinlich wären wir erst am Morgen wieder aufgewacht, wäre nicht um 3.18 Uhr in der Nacht die Republikaner hatten auch
im zwanzigsten Wahlgang noch keine Entscheidung herbeiführen können ganz und gar unerwartet Lindbergh in den Saal gekommen. Der schlanke, große, gutaussehende Held, ein geschmeidiger, athletischer Mann von nicht einmal vierzig Jahren, trat, erst wenige Minuten zuvor mit seinem Privatflugzeug in Philadelphia gelandet, noch in seiner Fliegermontur vor die Versammlung, und sein Anblick wirkte auf die erschöpften Delegierten wie eine Erlösung und versetzte sie in solche Begeisterung, daß sie von den Sitzen sprangen und volle dreißig Minuten lang »Lindy! Lindy! Lindy!« skandierten, ohne daß der Vorsitzende sie auch nur einmal zur Ordnung rief. Die erfolgreiche Aufführung dieses spontanen pseudoreligiösen Schauspiels ging auf die Machenschaften des Senators Gerald P. Nye aus North Dakota zurück, eines rechtsradikalen Isolationisten, der nun Charles A. Lindbergh aus Little Falls, Minnesota, als Kandidaten vorschlug, worauf zwei der reaktionärsten Kongreßabgeordneten Thorkelson aus Montana und Mundt aus South Dakota die Nominierung unterstützten, und exakt um vier Uhr morgens, am Freitag, dem 28. Juni, kürte der republikanische Parteitag per Akklamation jenen Eiferer zum Präsidentschaftskandidaten, der in einer landesweit ausgestrahlten Rundfunkansprache die Juden als »andere Völker« angeprangert hatte, die sich ihren enormen »Einfluß« zunutze machten, um »unser Land in die Vernichtung zu führen«, statt uns wahrheitsgemäß als kleine Minderheit von Bürgern darzustellen, die den christlichen Landsleuten zahlenmäßig weit unterlegen waren,
im großen und ganzen durch religiöse Vorurteile vom Streben nach Macht abgehalten wurden und den Grundsätzen der amerikanischen Demokratie ganz gewiß nicht weniger treu waren als ein Bewunderer Adolf Hitlers.
»Nein!« war das Wort, das uns weckte, »Nein!« brüllte aus jedem Haus im Block eine Männerstimme. Das kann nicht sein. Nein. Nicht zum Präsidenten der Vereinigten Staaten.
Binnen Sekunden saßen mein Bruder und ich wieder im Kreis der Familie am Radio, und keinem fiel es ein, uns ins Bett zurückzuschicken. So heiß es war, hatte meine sittsame Mutter einen Morgenmantel über ihr dünnes Nachthemd gezogen auch sie hatte geschlafen und war von dem Lärm geweckt worden , und jetzt saß sie neben meinem Vater auf dem Sofa und hielt sich die Finger vor den Mund, als müßte sie sich gleich erbrechen. Unterdessen schritt mein Vetter Alvin, den es nicht mehr auf seinem Platz gehalten hatte, in dem sechs mal vier Meter großen Zimmer auf und ab mit der Entschlossenheit eines Rächers, der die ganze Stadt absucht, um seinen schlimmsten Feind zu erledigen.
Der Zorn jener Nacht war ein echtes Schmiedefeuer, ein Hochofen, der einen aufnimmt und verbiegt wie Stahl. Und er legte sich nicht nicht, solange Lindbergh schweigend auf dem Podium in Philadelphia stand und sich wieder einmal als Erlöser der Nation feiern ließ, und auch nicht, als er mit seiner Rede die Nominierung durch die Partei und damit den Auftrag annahm, Amerika aus dem europäischen Krieg herauszuhalten. Mit Entsetzen warteten wir nur noch darauf, daß er seine boshafte Verleumdung der Juden vor dem Parteitag wiederholte, aber daß er das nicht tat, änderte nichts an der Stimmung, die gegen fünf Uhr morgens jede einzelne Familie aus unserem Block auf die Straße jagte. Ganze Familien, die man bis dahin nur in Straßenkleidung gekannt hatte, ließen sich in Pyjamas und Nachthemden unter ihren Bademänteln blicken und liefen in Pantoffeln durch die Morgendämmerung, als hätte ein Erdbeben sie aus ihren Häusern getrieben. Aber der größte Schock für ein Kind war der Zorn, der Zorn von Männern, die ich als unbeschwerte Kiebitzer oder wortkarge, pflichtbewußte Brotverdiener kannte, die den ganzen Tag Abflußrohre reinigten oder Heizkessel warteten oder pfundweise Äpfel verkauften und abends in die Zeitung schauten und Radio hörten und im Wohnzimmer auf dem Sessel einschliefen, einfache Leute, bei denen es sich zufällig um Juden handelte und die jetzt unter Mißachtung aller Anstandsregeln lauthals fluchend auf der Straße herumrannten: mit einem Schlag wieder in den elenden Kampf geworfen, von dem sie ihre Familien durch die vom Schicksal glücklich gefügte Auswanderung der Generation davor endgültig befreit glaubten.
Ich hätte darin, daß Lindbergh die Juden in seiner Dankesrede nicht erwähnte, ein gutes Omen gesehen, einen Hinweis darauf,
daß ihn der Aufschrei, der ihn zum Verzicht auf seinen Dienst bei
der Luftwaffe bewegt hatte, zur Mäßigung gebracht hatte, oder daß er seit Des Moines zu einer anderen Meinung gelangt war, oder daß er uns schon vergessen hatte, oder daß er insgeheim ganz genau wußte, wie unverbrüchlich wir Amerika verpflichtet waren daß wir, da mochte Irland den Iren und Polen den Polen und Italien den Italienern noch immer viel bedeuten, keinerlei Verpflichtung, weder gefühlsmäßig noch sonstwie, gegenüber den Ländern der Alten Welt empfanden, in denen wir niemals willkommen gewesen waren und in die zurückzukehren wir nicht die geringste Absicht hatten. Hätte ich damals die Bedeutung dieses Augenblicks in Worte fassen können, dann wäre etwa dies dabei herausgekommen. Aber die Männer auf der Straße sahen das anders. Daß Lindbergh die Juden nicht erwähnt hatte, war für sie ein Trick und sonst gar nichts, der Beginn eines Wahlkampfs voller Täuschungsmanöver, die uns zum Schweigen bringen und hinters Licht führen sollten. »Hitler in Amerika!« riefen die Nachbarn. »Faschismus in Amerika! SA in Amerika!« Nachdem sie die ganze Nacht nicht geschlafen hatten, hielten diese fassungslosen älteren Leute jetzt alles für möglich und sprachen auch alles aus, bevor sie dann wieder in ihre Häuser gingen (wo überall noch die Radios plärrten), die Männer, weil sie sich rasieren und anziehen, eine Tasse Kaffee trinken und zur Arbeit gehen mußten, die Frauen, weil sie die Kinder ankleiden, ihnen das Essen richten und sie für den Tag zurechtmachen mußten.
[...]
Mein Bruder war in der ganzen Nachbarschaft dafür bekannt, daß er »alles« zeichnen konnte ein Fahrrad, einen Baum, einen Hund, einen Stuhl, eine Comicfigur wie Lil Abner , aber in letzter Zeit galt sein Interesse echten Gesichtern. Ständig versammelten sich Kinder um ihn herum, wenn er nach der Schule mit seinem großen Spiralblock und seinem Druckbleistift irgendwo Aufstellung nahm, um Leute auf der Straße zu zeichnen. Und jedesmal ging das Geschrei der Zuschauer los: »Mal den, mal die, mal mich«, und Sandy folgte dieser Aufforderung, wenn auch nur, damit sie ihm nicht weiter in die Ohren schrien. Und während seine Hand vor sich hin arbeitete, wanderte sein Blick auf und ab, auf und ab und siehe da, plötzlich begann der Betreffende auf dem Papier zu leben. Wie geht der Trick, fragten sie ihn, wie hast du das gemacht als hätte er tatsächlich getrickst oder durchgepaust oder gar Zauberkräfte walten lassen. Sandys Antwort auf solche lästigen Fragen war ein Achselzucken, ein Lächeln: der Trick dabei war, daß er der stille, ernste, zurückhaltende Junge war, der er war. Daß er überall Aufmerksamkeit auf sich zog, indem er jedes gewünschte Porträt anfertigte, hatte scheinbar keine Auswirkung auf das sachliche Wesen, das seine Stärke ausmachte, die angeborene Bescheidenheit, die ihm zu seiner Zähigkeit verhalf und von der er später zu seinem eigenen Schaden Abstand nahm.
Zu Hause kopierte er nicht mehr Illustrationen aus Colliers oder Fotos aus Look, sondern fertigte Studien nach einem Anatomielehrbuch für Künstler an. Das Buch hatte er bei einem Plakatwettbewerb für Schüler zum Arbor Day, zum Tag des Baumes, gewonnen; dazu gab es eine von der Parkverwaltung initiierte Baumpflanzungsaktion im ganzen Stadtgebiet. Es hatte sogar eine Feier gegeben, bei der ihm ein Mr. Bannwart, der Leiter der Abteilung für schattenspendende Bäume, die Hand geschüttelt hatte. Der Entwurf seines siegreichen Plakats basierte auf einer Briefmarke aus meiner Sammlung, einer
2-Cent-Marke zur Erinnerung an den sechzigsten Arbor Day. Die Marke schien mir besonders schön, weil dort an den schmalen senkrechten weißen Rändern jeweils ein schlanker Baum stand, dessen Äste sich oben zu einer Laube wölbten und bis die Marke in meinen Besitz gelangte und ich sie mir unterm Vergrößerungsglas genauer ansehen konnte, war mir gar nicht bewußt gewesen, daß das englische Wort arbor nicht nur Baum, sondern auch Laube bedeutete. (Die kleine Lupe zusammen mit einem Album für zweitausendfünfhundert Briefmarken, einer Briefmarkenpinzette, einem Perforationsmesser, gummierten Falzen und einer schwarzen Gummischale, mit deren Hilfe man Wasserzeichen besser erkennen konnte war ein Geschenk meiner Eltern zu meinem siebten Geburtstag gewesen. Für weitere zehn Cent hatten sie mir auch ein kleines Buch von etwa neunzig Seiten gekauft, das Handbuch des Briefmarkensammlers, wo ich unter der Überschrift »Wie man eine Briefmarkensammlung anfängt« fasziniert den folgenden Satz gelesen hatte: »In alten Geschäftsunterlagen oder Privatkorrespondenzen finden sich häufig Briefmarken aus längst nicht mehr aufgelegten Serien, die von großem Wert sein können; wenn Sie also Freunde haben, die in alten Häusern wohnen und auf ihren Dachböden Material dieser Art gelagert haben, versuchen Sie an die alten frankierten Umschläge und Packpapiere heranzukommen.« Wir hatten keinen Dachboden, niemand von unseren Freunden, die in Mietwohnungen lebten, hatten Dachböden, aber unter den Dächern der Einfamilienhäuser in Union hatte es Dachböden gegeben von meinem Platz hinten im Auto hatte ich, als wir an jenem schrecklichen Sonntag ein Jahr zuvor dort herumgefahren waren, die kleinen Dachbodenfenster an den Giebeln dieser Häuser gesehen, und daher konnte ich, als wir am Nachmittag nach Hause zurückkamen, an nichts anderes denken als an all die alten frankierten Umschläge und die Prägestempel auf den vorfrankierten Zeitungsversandhüllen, die auf diesen Dachböden lagern mußten, und daß ich jetzt keine Chance hätte, daran »heranzukommen«, weil ich ein Jude war.)
Noch größeren Reiz übte die Gedenkmarke zum Arbor Day
auf mich aus, weil darauf nicht das Porträt irgendeiner berühmten Persönlichkeit oder irgendein bedeutendes Bauwerk abgebildet war, sondern eine menschliche Tätigkeit eine Tätigkeit, die überdies von Kindern ausgeübt wurde: in der Mitte der Briefmarke sieht man einen Jungen und ein Mädchen, zehn oder elf Jahre alt, einen kleinen Baum pflanzen; der Junge gräbt mir einem Spaten, während das Mädchen den Baum, eine Hand an dem dünnen Stamm, über dem Loch festhält. Auf Sandys Plakat haben die beiden die Plätze getauscht, der Junge ist nicht mehr Linkshänder, sondern Rechtshänder, statt Kniehosen trägt er lange Hosen, und mit einem Fuß drückt er den Spaten in die Erde. Außerdem ist auf dem Plakat ein drittes Kind, ein Junge etwa in meinem Alter, der jetzt die Kniehosen anhat. Er steht seitlich hinter dem Schößling mit einer Gießkanne in der Hand so wie ich in meiner besten Schulhose und Kniestrümpfen Sandy Modell gestanden hatte. Dieses zusätzliche Kind ging auf eine Anregung meiner Mutter zurück: erstens unterschied sich Sandys Werk so von dem Motiv der Arbor-Day-Marke und war damit gegen den Vorwurf des »Plagiats« geschützt , und zweitens verlieh
es dem Plakat einen gesellschaftlichen Gehalt, indem es auf ein Thema hinwies, das 1940 keineswegs alltäglich war, weder auf Plakaten noch irgendwo anders, und das den Juroren aus Gründen des »guten Geschmacks« ohne weiteres als nicht akzeptabel hätte erscheinen können.
Das dritte Kind war nämlich ein Neger, und auf die Idee, daß er mit aufs Bild kommen sollte, war meine Mutter abgesehen von dem Wunsch, ihren Kindern die bürgerliche Tugend der Toleranz beizubringen durch eine andere Marke aus meiner Sammlung gebracht worden, eine brandneue 10-Cent-Marke aus der »Erzieher-Serie«, fünf Briefmarken, die ich für insgesamt einundzwanzig Cent auf der Post erworben und den ganzen März über von meinen wöchentlich fünf Cent Taschengeld abbezahlt hatte. Unter dem jeweiligen Porträt war auf jeder dieser Marken eine Lampe zu sehen, die von der amerikanischen Post als »Lampe des Wissens« bezeichnet wurde, für mich jedoch Aladins Lampe war, weil ich dabei an Tausendundeine Nacht denken mußte, an Aladin mit seiner Wunderlampe und dem Zauberring und den beiden Dschinns, die ihm jeden Wunsch erfüllten. Was ich selbst mir von einem Dschinn gewünscht hätte, waren die begehrtesten aller amerikanischen Briefmarken: erstens die berühmte 24-Cent-Luftpostmarke von 1918 mit dem spiegelbildlich verkehrt herum gedruckten Flugzeug, der Flying Jenny der Luftwaffe, die angeblich 3400 Dollar wert war; und dann die drei bekannten Marken, die zur Weltausstellung 1901 in Buffalo erschienen waren, ebenfalls seitenverkehrte Fehldrucke und jede einzelne über tausend Dollar wert.
Auf der grünen 1-Cent-Marke der Erzieher-Serie war ober-halb der Lampe des Wissens Horace Mann abgebildet; auf der ro-ten 2-Cent-Marke Mark Hopkins; auf der violetten 3-Cent-Marke Charles W. Eliot; auf der blauen 4-Cent-Marke Frances E. Willard; auf der braunen 10-Cent-Marke Booker T. Washington, der erste Neger, der auf einer amerikanischen Briefmarke zu sehen war. Ich weiß noch, wie ich, nachdem ich Booker T. Washington in mein Album geklebt und meiner Mutter den jetzt vollständigen Satz gezeigt hatte, sie fragte: »Meinst du, es wird auch mal einen Juden auf einer Briefmarke geben?«, worauf sie antwortete: »Wahrscheinlich eines Tages, ja. Hoffe ich jedenfalls.« Tatsächlich vergingen bis dahin noch sechsundzwanzig Jahre, und es mußte schon ein Einstein kommen, um das zu bewirken.
Sandy sparte seine fünfundzwanzig Cent Taschengeld und die kleinen Beträge, die er fürs Schneeschaufeln, Laubharken und Waschen unseres Autos bekam , und wenn er genug zusammenhatte, fuhr er mit dem Rad zu dem Schreibwarenladen in der Clinton Avenue, der auch Malereibedarf führte, und kaufte sich im Lauf der Monate zunächst einen Kohlestift, dann Sandpapier zum Spitzen des Stifts, dann Kohlepapier, dann das kleine Metallröhrchen, in das er blies, um den feinen Nebel aus Fixiermittel aufzutragen, damit die Kohle nicht verschmieren konnte. Er besaß große Bildhalteklemmen, ein Zeichenbrett, gelbe Ticonderoga-Stifte, Radiergummis, Skizzenblöcke, Entwurfspapier Gerätschaften, die er in einem Lebensmittelkarton unten in unserem Kleiderschrank aufbewahrte und die meine Mutter, wenn sie saubermachte, nicht durcheinanderbringen durfte. Seine strenge Sorgfalt (von unserer Mutter geerbt) und seine atemberaubende Beharrlichkeit (von unserem Vater geerbt) dienten nur dazu, meine Ehrfurcht vor einem älteren Bruder zu steigern, der nach jedermanns Meinung zu Höherem berufen war, während die meisten Jungen in seinem Alter nicht einmal den Eindruck machten, als seien sie dazu berufen, mit anderen Menschen an einem Tisch zu essen. Ich war damals das gute Kind, zu Hause und in der Schule gehorsam mein Eigensinn noch großenteils brachliegend, der aggressive Ausbruch sollte erst später kom-men , alles in allem noch zu jung, um das Potential meiner eigenen Wut erkennen zu können. Und nirgends war ich nachgiebiger als ihm gegenüber.
Zu seinem zwölften Geburtstag hatte Sandy ein großes, flaches schwarzes Portfolio aus fester Pappe und mit Stoffrücken bekommen, das am oberen Rand zwei Bänder hatte, die er mit einer Schleife zuband, um die darin liegenden Blätter zu sichern. Das Portfolio maß etwa sechzig mal fünfundvierzig Zentimeter und war zu groß für die Schubladen in unserer Kommode, und es paßte auch nicht aufrecht in den vollgestopften Kleiderschrank, den wir uns teilten. Er durfte es zusammen mit den Skizzenblöcken unter seinem Bett aufbewahren, und er hob darin die Zeichnungen auf, die er für seine besten hielt, angefangen mit seinem kompositorischen Meisterwerk von 1936, dem ehrgeizigen Bild, auf dem unsere Mutter auf die nach Paris fliegende Spirit of St. Louis in den Himmel zeigt. Sandy besaß mehrere große Porträts des Luftfahrthelden, sowohl Bleistift- als auch Kohlezeichnungen, und auch die lagerten in seinem Portfolio. Sie gehörten zu einer Serie prominenter Amerikaner, die er zusammenstellte und die sich vornehmlich auf jene lebenden Persönlichkeiten konzentrierte, die von unseren Eltern am meisten verehrt wurden, zum Beispiel Präsident Roosevelt und seine Frau, der New Yorker Bürgermeister Fiorello La Guardia, John L. Lewis, der Vorsitzende der United Mine Workers, und die Schriftstellerin Pearl Buck, die 1938 den Nobelpreis bekommen hatte und deren Bildnis er vom Umschlag eines ihrer Bestseller abmalte. Einige Zeichnungen in dem Portfolio stellten Familienmitglieder dar, und von diesen zeigten mindestens die Hälfte unsere Großmutter väterlicherseits, die als einzige von unseren Großeltern noch lebte und sonntags, wenn mein Onkel Monty sie zu uns zu Besuch brachte, Sandy manchmal Modell saß. Unterm Diktat des Wörtchens »ehrwürdig« zeichnete er getreulich jede Runzel in ihrem Gesicht und jeden Knoten an ihren arthritischen Fingern, während sie, unsere kleine, aber zähe Großmutter so pflichtbewußt, wie sie ihr Leben lang Fußböden geschrubbt und das Essen für eine neunköpfige Familie auf einem Kohleherd zubereitet hatte in der Küche saß und »posierte«.
Als wir beide, wenige Tage nach der Winchell-Sendung, einmal allein im Haus waren, zog Sandy das Portfolio unter seinem Bett hervor und trug es ins Eßzimmer. Dort legte er es auf den Tisch (an dem sonst nur der Boss bewirtet oder besondere Familienfeiern abgehalten wurden), klappte es auf, nahm vorsichtig die Lindbergh-Porträts von den jeweils zum Schutz dazwischengelegten Bögen Transparentpapiers und legte sie nebeneinander auf der Tischplatte aus. Auf dem ersten trug Lindbergh seine lederne Fliegermütze, deren lose Riemen ihm über die Ohren hingen; auf dem zweiten verschwand die Mütze halb hinter der großen, schweren Fliegerbrille, die er sich in die Stirn hochgeschoben hatte; auf dem dritten war er barhäuptig, nur sein unbeugsam in die Ferne gerichteter Blick kennzeichnete ihn als Piloten. Den Wert dieses Mannes zu ermessen, wie Sandy ihn dargestellt hatte, war nicht schwierig. Ein männlicher Held. Ein mutiger Abenteurer. Ein Naturbursche von gigantischer Kraft und Rechtschaffenheit, gepaart mit enormer Milde. Alles andere als ein furchterregender Schurke oder eine Bedrohung für die Menschheit.
»Er wird Präsident«, sagte Sandy. »Alvin sagt, Lindbergh gewinnt die Wahl.«
Das verwirrte und erschreckte mich so sehr, daß ich so tat, als habe er einen Scherz gemacht, und lachte.
»Alvin will nach Kanada und in die kanadische Armee eintreten«, sagte er. »Er will an der Seite der Briten gegen Hitler kämpfen.«
»Aber Roosevelt ist doch nicht zu schlagen«, sagte ich.
»Von Lindbergh schon. Amerika wird faschistisch.«
Dann standen wir bloß da, gebannt und eingeschüchtert von den drei Porträts. Nie zuvor war es mir als solcher Nachteil erschienen, sieben Jahre alt zu sein.
»Erzähl keinem, daß ich die habe«, sagte er.
»Aber Mom und Dad haben sie doch schon gesehen«, sagte ich. »Alle haben sie gesehen. Alle.«
»Ich hab ihnen erzählt, ich hätte sie zerrissen.«
Einen ehrlicheren Menschen als meinen Bruder gab es nicht. Er war nicht still, weil er geheimnistuerisch oder hinterhältig war, sondern weil er niemals schlimme Sachen anstellte und daher nie etwas zu verbergen hatte. Jetzt aber hatte etwas von außerhalb den Sinn dieser Zeichnungen verändert, sie zu etwas gemacht, was sie gar nicht waren, und deshalb hatte er unseren Eltern erzählt, er habe sie zerrissen, und das hatte ihn zu etwas gemacht, was er gar nicht war.
»Und wenn sie sie finden?« sagte ich.
»Wie denn?« fragte er.
»Weiß nicht.«
»Siehst du«, sagte er. »Du weißt es nicht. Halt nur deine kleine Klappe, dann findet niemand was.«
Ich fügte mich seinem Wunsch aus verschiedenen Gründen, unter anderem wegen der drittältesten amerikanischen Briefmarke
in meinem Album die ich unmöglich zerreißen und wegwerfen konnte , einer 10-Cent-Luftpostmarke von 1927 zum Gedenken an Lindberghs Transatlantikflug. Die Marke war blau und mehr als doppelt so breit wie hoch, und ihr Hauptmotiv, die Spirit of St. Louis auf ihrem Flug über den Ozean, hatte Sandy das Vorbild für das Flugzeug auf der Zeichnung zur Verherrlichung seiner Empfängnis geliefert. Am linken Rand der Briefmarke sieht man die Küstenlinie von Nordamerika, der Name »New York« ragt in den Atlantik hinein; am rechten Rand die Küstenlinien von Irland, Großbritannien und Frankreich, das Wort »Paris« am Ende eines gepunkteten Bogens, der die Flugroute zwischen den beiden Städten markiert. Am oberen Rand, unmittelbar unter den fetten weißen Buchstaben UNITED STATES POSTAGE, steht LINDBERGH AIR MAIL in etwas kleinerer Type, aber mit Sicherheit noch groß genug, daß ein mit guten Augen ausgestatteter Siebenjähriger es lesen kann. Die Marke wurde in Scotts Standard Postage Stamp Catalogue bereits mit zwanzig Cent bewertet, und ich erkannte sofort, ihr Wert würde noch weiter ansteigen (und zwar so schnell, daß sie bald das Wertvollste wäre, was ich besaß), wenn Alvin recht hatte und es zum Schlimmsten kam.
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