Anfang der 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts überschlugen sich die Sensationsmeldungen in Presse und Fernsehen zum Thema Qumran Schriftrollen. Reißerische Titel wie ,Verschlusssache Jesus' und ,das Jesus-Komplott' stürmten die Bestseller Liste und pseudowissenschaftliche Theorien wurden von einem neugierigen und sensationslüsternen Publikum begierig aufgenommen. Über Verschwörungstheorien des Vatikans wurde gemutmaßt und von revolutionären Enthüllungen war die Rede. Der Buch- und Filmerfolg des ,Da Vinci Code' zeigt, dass abenteuerliche Hypothesen Leser begeistern und leere Kinosäle füllen. Die These: je absurder - je glaubhafter, scheint mehr denn je zuzutreffen.
Otto Betz und Rainer Riesner geht es in ihrem Buch ,Jesus, Qumran und der Vatikan' vor allem um eins: Klarstellung! Die beiden Autoren wenden sich nicht an ein theologisch geschultes Publikum, sondern an den interessierten Laien, der in der Flut und dem Wirrwarr von Veröffentlichungen den roten Faden sucht. Die Autoren erläutern sowohl die konservativen Theorien, als auch die ketzerischen Thesen aus jüngster Zeit. 14 Abbildungen, 12 schwarz-weiß Fotos, sowie Anmerkungen und ein Personen- und Sachregister runden das Buch ab.
Als erstes gehen die Autoren dem Grund der Spekulationen nach. Obwohl bereits 1947 die erste Höhle mit Qumran Rollen entdeckt wurde und bis 1956 insgesamt 11 Höhlen erschlossen wurden, standen mehr als drei Jahrzehnte wichtige Fragmente nur einer ausgewählten Schar von Forschern zur Verfügung, die mit der Veröffentlichung - sei es aus Forscherneid, sei es aus Rechtstreitigkeiten - zögerten. Erschwerend wirkten sich die wechselnden politischen Verhältnisse am Toten Meer aus, so dass verschiedene Teile der Qumran Rollen in unterschiedliche Hände gelangten und zum Zankapfel der Wissenschafter wurden. Erst im Herbst 1991 wurden Fotos der bislang unveröffentlichten, zum Teil stark fragmentierten Funde der freien Wissenschaft zugänglich. Wie sehr sich Qualität und Quantität der einzelnen Fundstücke unterscheiden verdeutlicht der Vergleich der nahezu fast kompletten acht Meter langen Abschrift des Propheten Jesaja gegenüber den oft nur wenige Zentimeter kleinen Fetzen.
Bereits kurz nach der Entdeckung begann die Diskussion um die Datierung der Schriftrollen. Paläontologische Analysen und moderne Untersuchungen des Kohlenstoffanteils lassen auf eine Entstehungszeit zwischen den zweiten vorchristlichen und den ersten nachchristlichen Jahrhundert schließen. Die Mehrheit der Wissenschaftler geht heute nach wie vor davon aus, dass in der Siedlung Qumran eine fromme jüdische Sekte, die Essener, lebten und die Schriftrollen deren Hinterlassenschaft bilden. Unser Wissen über die Lebensweise der Essener verdanken wir den Schriften des Flavius Josephus, dem jüdischen Philosophen Philo und dem Römer Plinius dem Älteren.
Lawrence Schiffman, Professor für Hebräische Schriften an der New York University, vertritt die These, dass Qumran nicht von Essenern, sondern von Sadduzäern bewohnt wurde. Für diese These sprechen das in Qumran ausgeübte Reinheitsgebot sowie ein Verweis auf den Urvater Zadok, einen Priester Davids. Betz/Riesner halten dem entgegen, dass die Dokumente vom Glauben an das Jenseits und von ,Himmlischen Herscharen' berichten, den die Sadduzäer nicht teilten. Um die Hälfte des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts spalteten sich die Essener von den Sadduzäern ab, so dass beide Volksgruppen Zadok als Urvater anerkannten.
Robert Eisenman, ein Forscher den Betz und Riesner als Außenseiter mit viel Selbstvertrauen" bezeichnen, interpretiert aus den hebräischen Textfragmenten einen Kampf zwischen Jakobus, dem ,Lehrer der Gerechtigkeit', und Paulus, dem ,Mann der Lüge'. Da Wortfetzen in Fragmenten von der Größe einer Briefmarke nur mit Expertenwissen oder Computerhilfe zu ganzen Wörtern ergänzt werden können und zudem die Deutung oft von der Reihenfolge der Puzzlesteine abhängt, bleibt dem geneigten Leser überlassen, welcher These er zu folgen bereit ist. Betz/Riesner weisen auch auf den Umstand hin, dass den Qumran Texten i.d.R. die Vokale fehlen, so dass Worte manchmal doppeldeutig ausgelegt werden können.
Die australische Forscherin Barbara Thiering stellte sogar die provokante These auf, dass sich hinter dem ,gottlosen Priester' kein geringerer als Jesus selbst verberge. Die vage Umschreibung von Personen und die prophetische Vorschau lassen sicherlich viele Deutungen zu und nähren den Boden für Spekulationen.
Unklar beleibt bis heute die Einordnung eines kleinen Fragmentes in griechischer Sprache. Von den vorhandenen 20 Zeichen sind leider nur 10 Zeichen eindeutig identifizierbar. Einer Computeranalyse zufolge könnte (!) es sich um einen Text aus dem Markusevangelium handeln.
Betz/Riesner suchen auch nach möglichen Parallelen zwischen der jüdischen Gemeinde und der jüdisch-christlichen Urgemeinde. Die Urchristen teilten mit den Essenern den asketischen Lebensstil, den weitgehenden Verzicht auf eigenen Besitz und die Befolgung des Zölibats. Eine andere jüdischer Gruppe, die Chassidim (die ,Frommen') fand ihre Anhänger vor allem in der armen Bevölkerungsschicht; sie waren in der Schriftforschung bewandert, beteten und fasteten. Möglicherweise stand die Familie Jesus dem Chassidismus nahe. Archäologische Funde und Hinweise bei Flavius Josephus deuten darauf hin, dass Essener und Urchristen in ersten Jahrhundert in räumlicher Nähe in Jerusalem lebten. Doch bleibt auch hier genügend Raum für Spekulationen.
Man darf bei den vielen Parallelen jedoch nicht die Unterschiede zwischen Essenern und Urchristen übersehen. Obwohl beide Gruppen vom nahen Ende überzeugt waren, warteten die Essener bis zum Untergang der Bewegung auf das Kommen des Messias, während die Christen in Jesus den Messias sahen: "Die Qumran-Gemeinde erwartete die Auferstehung der Toten, aber mit der Auferstehung Jesu hat diese mitten in der Geschichte schon begonnen." Die Bewegung der Essener endete mit der Niederlage der Juden gegen die Römer, für die Christen sollte der Siegeszug erst beginnen.
Auch wenn viele Fragen offen bleiben, erteilen die beiden Autoren allen Erwartungen auf sensationelle Enthüllungen eine klare Absage. Doch die Qumran Rollen beleben die Exegese der Heiligen Schrift und verdeutlichen, "wie fest Jesus im Judentum seiner Zeit verankert war und welch unerhörten Anspruch er für seine Person stellte".