Das vorliegende Werk ist eine monographische Erschließung der menschlichen Wirklichkeitsbewältigungsstrategie 'Vernunft' aus philosophischer Perspektive. Im ersten Hauptteil beschreibt Welsch die historische Entwicklung von der Einheit zur Pluralität der Vernunft, indem er die Voraussetzungen, Widersprüche, Grenzen und Möglichkeiten der Vernunftkritik verschiedener Denker ausführlich vorstellt: Hegel, Horkheimer/Adorno, Habermas, Heidegger, Foucault, André Glucksmann, Richard Rorty, Jacques Derrida, Jean-François Lyotard, Gilles Deleuze, Nelson Goodman, Ludwig Wittgenstein. Es ergibt sich, daß noch die härteste Vernunftkritik Kritik der Vernunft durch Vernunft sein muß. Doch ist Vernunft von Rationalität zu unterscheiden. Nicht die Vernunft, sondern die Rationalität ist plural geworden.
Im zweiten Hauptteil entwickelt der Autor sein Konzept der 'transversalen Vernunft'. Albrecht Wellmer referenzierend zeigt er am Beispiel der Kantischen Ästhetikauffassung die Verflochtenheit ästhetischer, moralischer und kognitiver Diskurse. Das Konzept der 'Kunst um der Kunst willen' gibt es sowenig wie 'interesselose' Wissenschaft! Kognitive Rationalität ist konstitutiv mit ästhetischer und moralischer Rationalität verflochten, und auch Moralität gibt es nicht ohne Reflexion. Pluralitätsbewußtsein ist die Voraussetzung zeitgenössischen wissenschaftlichen Arbeitens. Doch Paradigmen ('Rationalitäten') sind konsequent, ihre Unterschiede nicht zu beseitigen. Welsch veranschaulicht dies an zwei Beispiele: der grundverschiedene Haltung, die Existenzphilosophie und Relativismus zum Tod einnehmen. Für die eine ist er das Grundphänomen aller Erscheinungen, für den anderen nur die Grenze aller Ansätze, Konzeptionen und Unternehmungen. Und an den völlig verschiedenen Voraussetzungen zweier ästhetischer Paradigmen der Neuzeit: dem 'neuen Bauen' und dem Surrealismus.
Welsch bestimmt als 'rational' (verstandesgemäß, verständig) alle zielführenden Handlungen, die nicht über den Horizont der jeweiligen Rationalität hinausblicken (Monorationalität), während Vernünftigkeit den Blick über den Zaun der einzelnen Rationalität, die Berücksichtigung von Fernwirkungen und die Beachtung anderer Perspektiven gebietet. Vernunft ist das weiterblickende, das überlegene Vermögen der Erhellung und Klärung, der Reflexion und Offenlegung. Welsch räumt ein, daß es schwer ist, zwischen Vernunft und Rationalität zu unterscheiden. Vernunft thematisiert die Implikationen, Anschlüsse, Tiefenstrukturen, Querverbindungen, Anleihen und Analogien, die den Rationalitäten inhärieren und überführt sie aus ihrer bloß rationalen in ihre vernünftige Form. Zu diesem Zweck muß sie bestimmte Eigenschaften besitzen: Prinzipienlosigkeit, Formalität, logischen Charakter, Reinheit, Reflexionstätigkeit, operationale Effizienz und Übergangsfähigkeit.
Der Autor erforscht die vielfältigen Interdependenzen zwischen 'Verstand' und 'Vernunft', ihre wechselvolle Begriffsgeschichte und die Affinität der 'transversalen' Vernunft zur traditionellen praktischen Vernunft sowie dem älteren Konzept der 'Weisheit'. Vernunft macht die Prämissen eines Paradigmas transparent und zwar unter der Leitidee der Gerechtigkeit. Ihr verhilft sie zur Geltung, indem sie sich gegen Ausschlüsse richtet und Einspruch gegen Majorisierungen und Totalisierungen erhebt. Sie ist die zeitgenössische Form der Vernunft überhaupt.
Das Werk stellt eine einzigartig erhellende und noch dazu gut verständliche Tiefenanalyse des oft falsch verstandenen Phänomens 'Vernunft' dar. Wer dieses Arbeit kennt, gewinnt 'Standfestigkeit' in jeder Theoriedebatte. Allerdings vermisse ich (wie nur zu oft in philosophischen Büchern) auch hier die Konfrontation mit der 'harten' Wirklichkeit. Welsch bezeichnet Transversalität als ein 'Desiderat' modernen Denkens. (S. 762) Richtig! Sie ist etwas 'zu Wünschendes'! In der Realität setzt sich leider stets ein Paradigma, eine Welt- und Geschichtsdeutung durch, und zwar machtgestützt! Welsch überschätzt meines Erachtens die Leistungsfähigkeit seiner 'transversalen' Vernunft. Das Selbstaufhebungspotential der Vernunft in den Weltverbesserungsprojekten der Moderne und Postmoderne wird eindrucksvoll ernüchternd von Hartmut ROSA dargestellt:
Beschleunigung. Die Veränderung der Zeitstrukturen in der Moderne (2005)