"Vernunft und Gefühl" war der erste Roman, den Jane Austen veröffentlichte, die später zu einer der beliebtesten englischen Autorinnen aller Zeiten wurde. Trotz des modernen Covers der Neuauflage, das eine falsche Vorstellung des Inhalts impliziert, handelt es sich bei diesem Buch um einen Klassiker, einen herrlichen Roman, der die englische Gesellschaft des frühen 19. Jahrhunderts wieder lebendig werden lässt. Dort war einer der liebsten Zeitvertreibe des niederen Adels die Suche nach der passenden Partie, die Kuppelei und das Spiel der Beziehungen. Genau diese Spiele, die nicht immer einen glücklichen Ausgang nehmen, portraitiert Austen mit scharfem Blick und spitzer Feder, ebenso wie sie auf die Stellung der Frau und die Bedeutung von Moral, Anstand und Liebe eingeht.
Vor allem aber sind es auch die Charaktere, die Jane Austens Geschichten ausmachen. Elinor und Marianne mögen jungen Frauen von heute bisweilen etwas unrealistisch erscheinen - zu moralisch, zu sehr auf die Etikette bedacht, zu komisch drücken sie sich aus - aber ihr Wesen ist durchaus nicht unverständlich. Die eine trägt das Herz auf der Hand, die andere hat einen messerscharfen Verstand und beide sehnen sich nach der Liebe. Das sind Züge, mit denen sich Frauen auch heute noch identifizieren können. Zudem ist es immer interessant, das Zusammenspiel beider Schwestern zu beobachten, ihre Entwicklungen und ihre Gefühlswelt, die sehr intensiv geschildert wird.
Die Übersetzung von Erika Gröge ist bereits eine ältere, aber keine schlechte. Sie bewahrt den Flair des britischen Klassikers, liest sich aber aufgrund der "altmodischen" Formulierungen auch nicht immer flüssig, sofern man keine Erfahrungen mit diesem Stil hat.
"Vernunft und Gefühl" ist ein Roman über Liebe, Familie, gesellschaftliche Zwänge und die Irrungen und Wirrungen auf dem Weg zur Ehe. Amüsant, ironisch, kritisch und geistreich erzählt Jane Austen eine Geschichte, die den Geist ihrer Zeit über 200 Jahre lang konserviert hat.