Max Blecher, ein rumänischer Jude, geboren 1909, gestorben 1938, hat tatsächlich ein sehr kurzes Leben gehabt. Er ist Ende der zwanziger Jahre zum Medizinstudium nach Paris gegangen, ist dort an Knochentuberkulose erkrankt. Der Autor von zwei Romanen hat dann zehn Jahre im Bett gelegen. Zu Lebzeiten ist er publiziert, im Dritten Reich schnell vergessen worden. Sein erster Roman, der im literarischen Sinne viel radikaler ist, erschien wenig beachtet 1990.
Zum Plot seines zweiten Buches, "Vernarbte Herzen", einer autobiographischen "Erzählanlage": Der Protagonist Emanuel, eine 21 jähriger rumänischer Chemiestudent, wie Becher damals auch Student in Paris, erkrankt an Knochentuberkulose. Er wird in ein Sanatorium in die Stadt Berg eingeliefert, das ist ein kleiner Ort an der französischen Atlantikküste. Dort wird zunächst einmal sein Oberkörper rundum eingegipst. Auf diese Weise ruhig gestellt, verbringt er ein Jahr auf seinem "fahrbaren Matratzen Unterstand". Mit ihm wird er im Sanatorium von Raum zu Raum gefahren, in den Speisensaal, aber auch durch die Stadt.
Max Blecher schildert die Veränderung innerhalb von kleinen Gruppen die sich gebildet haben und von unterschiedlichsten Liebespaaren, beschreibt die groteskesten Liebesspiele. Der Autor erzählt in zeitloser Art, von ereignisreichen Ausfahrten, von nächtlichen Partys, und von seiner Liebe zu einer Aids Kranken. Die Liebe geht jedoch weder physisch noch psychisch sehr weit. Emanuel hat irgendwann die immer gleichen Liebkosungen satt. Seine Geliebte ist zwischenzeitlich eine fast libidinös Abhängige geworden. Und es ist eine Sprache der Liebe, die fasziniert weil ihr das Pathos ausgetrieben ist.
Nach einem Jahr wird der Gips abgenommen aber Emanuel ist nicht geheilt.
Der Text bekommt seine Dignität dadurch, dass man weiß, alles ist tatsächlich erlitten und bei einem Text ohne jegliche Klage wird auch in der Sprache deutlich, in dieser genauen Beschreibung, wie die Kranken miteinander umgehen. Wie er definiert, was Gesundheit ist und was Krankheit wiederum ist, wie er alles ertragen hat, das zeigt, dass er nicht nur ein großartiger Autor war, sondern auch ein großartiger Mensch.
Diese Krankheit ist ein Ghetto. Er schildert den zum Teil grausamen Umgang der Patienten untereinander, spricht von Menschen die keine Rührung mehr miteinander haben, denn sie sind alle selber Leidende. Und aus dieser Rührungslosigkeit heraus schreibt auch Max Becher. Er interessiert sich dabei in erster Linie für die Gesellschaft der Kranken, will sagen, er humanisiert die Kranken auf einer allgemein verständlichen Ebene.
Das Buch ist medizingeschichtlich interessant, weil es den Leser ständig mit früheren, veralteten Behandlungsmethoden konfrontiert. Beeindruckend ist ferner, wie dieser doch sehr junge Rumäne mit scharfem Blick Wahrnehmung und Zustände beschreibt, wie er dieses ganze Liegen beschreibt, das Abfallen des Körpers vom Leben, die Krankheit in der man so eingesperrt ist, das die Außenwelt wegfällt.
In der literaturgeschichtlichen Tradition von Krankheitsgeschichten wird eigentlich immer die Krankheit zur Person. In "Vernarbte Herzen" finden wir dagegen einen Roman, der etwas sehr autonomes darstellt, wenn sich auch Erinnerungen an "Der Zauberberg" und "Novalis" aufdrängen.
Ich empfehle die Lektüre dieses Buches mit Nachdruck und Leidenschaft, aus vielerlei Gründen.