Neue Zürcher Zeitung
Ulrike Längle erzählt von der Liebe
Semmelblond jätet er vor falunroten Häusern, nährt sich redlich von Mjörk Oxbuljong und hat auf eine Ethnologin nur gewartet. Den Schweden nimmt sich Ulrike Längle in ihrem neuen Roman vor, bis er das getreue Abbild seiner selbst ist: solide wie Volvo und authentisch wie Ikea.
Sich an seinen Tugenden aufzurichten, fährt eine verzagte Verlagsangestellte ins Land der Seen, bezieht ein Sommerhäuschen im mittelschwedischen Dorf, wo die Dinge wieder einfach sind und die nordischen Menschen harmlos und heiter. Hier lässt es sich von einem österreichischen Egon genesen und alles tun, was das Leben auf dem Lande zum durchschlagenden Erfolg macht. Mit der Sense zieht Längles Mittdreissigerin durchs Gestrüpp des Grundstücks und mit verhaltenem Schwung durch einen Roman, der gründlich ausholt.
Ist in der Literatur nicht alles längst gesagt über die Verrichtungen des Alltags, sind die Mühen der Ehen und des Abwaschs nicht vollgültig beschrieben? Genaugenommen nicht. Und Ulrike Längle nimmt es in ihren «Vermutungen über die Liebe in einem fremden Haus» ziemlich genau. Jeder Nichtigkeit entspriesst die stille Grösse des Singulären, der Gang aufs Klo wird zu einer Expedition, von der nur wiederkehrt, wer auch verständig ist: «Sie verrichtete das Notwendige und verschloss die Tür des kleinen Häuschens mit dem dafür vorgesehenen Haken.» Na also.
Der Banalität des Beschreibens wird man erst in seiner Übertreibung gewahr. Den trockenen ästhetischen Reiz dieses Faktums hat der Nouveau roman grosszügig zum Vergnügen erklärt, und Ulrike Längle macht sich mit ihren schwedischen Quisquilien noch einmal einen Spass daraus, so zu schreiben, als wäre sie Alain Robbe-Grillet: «Links und rechts fiel das Licht durch trübe Fenster aus kleinen, in Blei gefassten Scheiben mit je einer Reihe türkisfarbener Herzen, gegenüber der Tür sah man durch ein normales Fenster, über das eine bogenförmige, orangefarbene Markise hing, ins Freie.»
Ulrike Längle durchlebt den Exzess der Genauigkeit auf sicherem Boden. Ihre konventionelle Geschichte, die von der Liebe handelt, von einer Affäire mit einem jungen Schweden und den Phantasmagorien überreizter Nerven, verträgt sich nicht mit den ästhetischen Exerzitien des Romans. An die Stelle der Klarheit früherer Prosa von Ulrike Längle tritt die kenntnisreiche Gewissheit einer Hausfrau: «Das schmutzige Geschirr hatte sie in das viereckige Metallbecken gestapelt, das sie in dem Schrank unter der Spüle gefunden hatte und das man in das linke der beiden Waschbecken einhängen konnte. Sie hatte heisses Wasser aus dem Teekessel darübergegossen und ein paar Tropfen von dem hautfreundlichen und umweltschonenden Geschirrspülmittel dazugegeben. Die Bratpfanne und den tiefen schwarzen Topf aus Gusseisen hatte sie auf den Herd gestellt und mit Wasser gefüllt. So würden sich die Speisereste von selbst von den Wänden lösen, und sie musste nicht lange herumscheuern.»
Paul Jandl
Kurzbeschreibung
Welchen Einfluss hat Gartenarbeit auf Lebenskonflikte? Kann man die eigene Seele durchlüften wie ein fremdes Haus? Wieviel verraten alte Fotos über das Liebesleben der Abgebildeten? Und was verraten uns unsere Erinnerungen über die eigene Vergangenheit? Von Fragen wie diesen, die vielleicht seltsam klingen, es aber in sich haben, handelt Ulrike Längles ebenso ironischer wie melancholischer Roman. Vor allem aber von der Frage, wie ein hochbegabter junger Mann in nur wenigen Ehejahren zu einem gehemmten, hypochondrischen Stubenhocker wird, wie also "eine Pistenwildsau zum Grottenolm mutiert".
carpe.com
Auch Fanny in Ulrike Längles neuem Roman macht sich auf die Reise, nicht nach Süden allerdings, von dem hat sie genug. Sie macht Urlaub in einem Ferienhaus in Schweden, um sich von den Strapazen ihres mitteleuropäischen Beziehungslebens zu erholen. Das Haus ist alt, etwas vernachlässigt und mit zahlreichen Riegeln und Schlössern gesichert. Nicht leicht also erschließt sich das Innere, aber sowie es geöffnet ist, atmet es den Geist der verstorbenen Bewohner, in den Möbeln, den Küchengeräten, den Pfefferkörnern im Tütchen, der Sense im Schuppen, den Bildern und Familienfotos.
Während Fanny sich Zimmer für Zimmer, Objekt für Objekt, das Haus zu eigen macht, stellt sie in dem fremden Haus Vermutungen über die Liebe an, in zwei Richtungen. Einmal phantasiert sie für die ehemaligen Bewohner eine Vergangenheit nach eigenem Geschmack zusammen. Aus den vorgefundenen Indizien konstruiert sie ihnen eine Ehegeschichte, die sie am Ende ihrem Vermieter, dem Sohn der Besitzer, zu dessen nicht geringem Erstaunen mitteilt. Es wird klar: so einfach und eindimensional sind Menschen und ihre Beziehungen nicht zu erschließen.
Wenn Fanny dann auch in die eigene Vergangenheit zurückgeht, erlebt sie Ähnliches. Auch die Erinnerungsbilder, die sie von ihrer gescheiterten Ehe im Kopf hat, sind zu plakativ und müssen differenziert werden, ein ziemlich schmerzhafter Prozess. Nach und nach entsteht ein Bild dieser Ehe im Ambiente der 70er Jahre, kurz nach der sexuellen Revolution, zwischen stramm katholischer Erziehung (Pater Leppich als Mahner gegen sexuellen Bolschewismus) und der Aufklärungswut des Oswald Kolle.
Das Paar Fanny und Egon, im intellektuellen Umkreis einer österreichischen Universität angesiedelt, entwickelt konsequent den Lebensstil des unbürgerlich Vorläufigen auf Möbeln aus dem Sperrmüll, dazu die entsprechend lebensfernen Debatten. Unterm hellen schwedischen Himmel versucht Fanny nun, ihre Ehe zu analysieren. Da gibt es Licht und Schatten, die Trennung bedeutet nicht nur Gewinn, sondern auch Verlust, zum Beispiel der Wärme von Egons großen Füßen abends im Bett. Fanny vergießt erste Tränen auf dem schwedischen Plumpsklo und reagiert sich ab mit wütendem Holzhacken, aber auch behutsamem Pflanzen neuer Blüten. Zwischendurch hat sie eine Begegnung mit einem jungen Mann in dessen windumbrauster Hütte am See, eine kurze Phase der Unordnung, des Chaos. Nachdem Fanny ausführlich ihre alten Wunden beweint hat, kann sie sich gestärkt auf den Heimweg machen und sich wieder unter Menschen wagen.
Ulrike Längle lässt uns den Prozess der Neuorientierung in einem fremden Haus in sehr ruhigen und genauen Beschreibungen nacherleben. Gelegentlich gerät ihre angenehm sachliche Prosa etwas zu umständlich, nach der Art von Küchentips. Der Text ist klar strukturiert durch wiederkehrende Motive -- das falunrote Haus, der Blick über die Bahngleise zum See und zum Kirchturm von Östervala, die wechselnde Färbung des Himmels, so dass Fannys Reise-Erfahrung sich zyklisch entwickelt, als meditativer, mit leiser Ironie überhauchter Prozess. --Eva Leipprand