Nach seinen erfolgreichen Filmen 'Z', 'Das Geständnis' und 'Der unsichtbare Aufstand' (alle mit Yves Montand in der Hauptrolle) hat der Exilgrieche Constantin Costa-Gavras 1982 den beklemmenden Politthriller 'Vermisst' inszeniert. Grundlage dieses Films ist Chile im Jahre 1973, das Jahr des blutigen Militärputsches von General Pinochet gegen den rechtmäßig gewählten, sozialistischen Präsidenten Allende.
Die Story:
Unmittelbar nach dem Sieg der Militärjunta in Chile verschwindet ein amerikanischer, dort lebender, linksliberal eingestellter Journalist. Seine Frau nimmt den Kontakt zur amerikanischen Botschaft und zu seinem Vater auf, der alsbald Vorort ist, um mit ihr und den Behörden den Verbleib seines Sohnes zu erfahren. Nach einem langen, quälenden Martyrium, das politische und auch persönliche Differenzen offenbart, wird klar, dass der Sohn im Rahmen der politischen 'Säuberungsaktionen' der neuen Machthaber getötet worden ist. Die versprochene Überführung des Leichnams in die USA innerhalb weniger Tage braucht letztlich mehrere Monate, so dass eine Obduktion in der angestrebten Form nicht mehr möglich ist.
Kommentar:
Der konservative und gutsituierte Vater kommt nach Chile und hält es für das Normalste von der Welt, dass die Vertreter der US-Botschaft ihm engagiert bei der Suche nach seinem Sohn helfen, den er schon lange als einen verdrehten, quasi kommunistisch eingestellten Menschen abgestempelt hat. Er hält sich für den Amerikaner schlechthin und erwartet auch in Chile die Einhaltung demokratischer Grundsätze. Durch seine Gespräche und Erfahrungen mit seiner Schwiegertochter, ihren journalistischen Weggefährten und den inszenierten Behinderungen und Ablenkungsmanövern von Mitarbeitern der amerikanischen Botschaft, entwickelt sich bei ihm allerdings langsam eine andere Einstellung zu seinem Sohn, zu dem Land und seiner politischen Situation aber auch zu sich selbst. Die berechtigte Befürchtung, mit Vorsatz belogen worden zu sein, wird zur traurigen Gewissheit.
'Missing' ist ein großartig inszenierter Film, extrem engagiert und klasse besetzt. Jack Lemmon ist in einer ernsten, sehr beachtenswerten Rolle zu bewundern. Das Gleiche gilt im Grunde für alle anderen Protagonisten. Selten war ein Film derart organisch: Eine perfekte Symbiose zwischen Struktur und Inhalt unter Verzicht auf jegliche Polemik. Neben 'Under Fire' von Roger Spottiswoode aus dem selben Jahr ist 'Vermisst' einer der wenigen ernsthaften amerikanischen Politthriller aus den 80ern, der sich klar den Erwartungen eines Massenpublikums verweigert, sehr mutig ist und gleichzeitig spannend zu unterhalten weiß.
Die im Übrigen nicht erfundene Geschichte bietet Costa-Gavras die Gelegenheit, die Moral der USA zurecht zu attackieren. Hauptsächlich in Bezug auf ihre sehr aktive Rolle beim Putsch gegen Allende - amerikanische Wirtschaftsinteressen waren schließlich wegen der geplanten Teilverstaatlichung gefährdet. Da nimmt man denn schon mal ein faschistisches Regime und zigtausend Opfer in Kauf. Nixon war zufrieden und auch der deutsche Staatsmann Franz Josef Strauß, der sagte: 'Jetzt ist Chile wieder kreditwürdig'. Na dann... !