Anne Tyler ist eine große Erzählerin von Weltrang. Mit ihrem neuen, in der Schweiz in Zürich bei Kein & Aber erschienenen Roman "Verlorene Stunden" stellt sie das wieder eindrücklich unter Beweis. Es ist die einfühlsam erzählte Geschichte eines älteren Mannes, der ein Leben ohne Hoffnung führt und dem doch eine neue Zukunft und Liebe begegnet.
"Mit sechzig Jahren wurde Liam Pennywell arbeitslos". So lapidar beginnt der Roman. Als Philosoph mit Schwerpunkt griechischer Philosophie ausgebildet, hatte Liam Pennywell zuletzt in einer Privatschule Fünftklässler unterrichtet, als man ihn davon in Kenntnis setzt, dass man für seine Dienste keine weitere Verwendung hat. Doch Liam stürzt das nicht etwa in Verzweiflung, sondern er beginnt, seine neue Situation anzunehmen und sich entsprechend zu arrangieren und sein Leben anders zu planen. Zwei gescheiterte Ehen hat er schon hinter sich und ist mit Neuanfängen nicht ganz ohne Erfahrung. Er zieht in eine neue Wohnung, beginnt sich einzuschränken und seine Zeit neu zu strukturieren, da passiert etwas, was sein weiteres Leben extrem beeinflusst.
Liam Pennywell wird in der ersten Nacht, die er in seiner neuen Wohnung verbringt überfallen und verliert durch den Schlag auf den Kopf jegliche Erinnerung an das, was passiert ist. Als er im Krankenhaus aufwacht, weiß er nicht, wie er dorthin gekommen ist. Von diesem Augenblick an ist er wie besessen von dem Gedanken, herauszufinden, was genau geschehen ist. Er will seine Erinnerung wieder haben, sein Gedächtnis wiederfinden, ohne das er sein Leben wertlos glaubt.
Und noch während er darüber grübelt, sich von verschiedenen Ärzten beraten lässt, lernt er Eunice kennen, eine Frau, die 22 Jahre jünger ist als er. Durch ihre wunderbare Art, in die er sich sofort verliebt, lernt der arbeits- und erinnerungslose Liam nicht nur wieder die Sonnenseiten des Lebens kennen, sondern Formen der Erinnerung an Phasen seines Lebens kehren zurück und werden farbig lebendig, die er längst vergessen glaubte.
"Verlorene Stunden" ist ein Roman, der sich in bewundernswerter Weise einfühlt die Psyche eines einsamen und resignierten Mannes, der mit seinem Leben abgeschlossen hatte und der durch wundersame Fügung noch einmal die Liebe kennenlernt. Ein schönes Buch.