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Fridolin Schleys beeindruckendes Début
«Es gibt eine Welt, Laura, und sie ist greifbar», beschwört Vater Benedikt seine Tochter Laura. Dann schweigt er lange, «zu lange» für Lauras Bruder, der den Satz wie die darauf folgende Stille zufällig mitbekommen hat. So «seltsam» erscheint ihm beides, dass er in die Küche flüchtet, an die Seite der Salat rüstenden Mutter. In der tätigen Mithilfe beim Schneiden von Gurken und Paprika will sich Peter, so der Name des jungen Erzählers im Débutroman des ebenso jungen Fridolin Schley, dem «Sog» der nicht für ihn bestimmten Worte entziehen.
Dass Peters Schwester das gewichtige Vaterwort nicht mit schallendem Gelächter quittiert hat, fast wundert es einen. Denn Laura ist eine begnadete Lachkünstlerin. Wann immer sich ihr die Rätsel unserer Welt von ihrer unverblümtesten Seite zeigen, sie muss loslachen, sie kann nicht anders. Das gilt vor allem für jene emotional belastenden Situationen, wo diese Welt in sich zusammenzufallen, wegzubrechen droht, im Liebesverlust etwa oder, noch gravierender, am Rand eines offenen Grabes. Erst Stunden nach derartigen Anlässen, in ihrem Zimmer vor dem Spiegel, findet sie zu sich und beginnt zu schreien.
Elegische Panik
Eine leise, immer präsente elegische Panik zieht sich durch den Roman «Verloren, mein Vater». In mancherlei Abschiedserfahrungen scheint sie zu gründen; für den zwanzigjährigen Medizinstudenten Peter ist es in erster Linie ein Abschied von der Jugend. Diese gerade eben vergangene, noch kaum verstrichene Zeit ruft er sich in Erinnerung in einem assoziativ schweifenden, dann wieder eigentümlich kursorischen Rapport. Ein Familienalbum blättert der Erzähler auf; dass die darin festgehaltene Zeit «Lebenszeit» ist, wird ihm zunehmend schmerzlich bewusst. Es ist Lebenszeit im Imperfekt, nur diese kann er festhalten. Das Leben selbst hat er, wie man so schön sagt, noch vor sich; umso dringender sein Wunsch, dessen Vorgeschichte festzuhalten. Es ist kein Kunstfehler, sondern eine der charmantesten Finessen von Fridolin Schleys beeindruckend ausgereifter Prosa, dass Peter diese Geschichte im Stereoton eines weisen alten und eines nicht minder abgeklärten jungen Mannes erzählt.
Wie aus weiter Ferne blickt Peter auf das zurück, dem er kaum entwachsen ist. Die grosse Jugendliebe wäre da wohl in erster Linie zu nennen; sie liegt lange, lange, kaum ein paar Monate hinter ihm. Da sind des Weitern die alten Schulfreunde, mit denen man die Schauplätze des dörflichen Ennuis besichtigt. Da sind die Verwandten, die man immer mehr nur noch bei Hochzeiten und Beerdigungen trifft, «in hundert Jahren seid ihr alle tot», vermerkt Peter bei einer solchen Gelegenheit still für sich. Und da sind, nicht zuletzt, die Eltern: die Mutter Juli und Benedikt, der geliebte Vater, der mitten im Roman, auf dem Rückflug von Brüssel, in ein Luftloch gerät und, nach der nicht eingeplanten Zwischenlandung, unter falschem Namen ein Amsterdamer Hotelzimmer bezieht. Als «Ungeklärtes, aktives Fernbleiben von der Familie» rubriziert die Polizei die Vermisstenanzeige der Familie.
Angst und Schönheit
«Alles wird geschehen, in einem Augenblick.» Auch und gerade im Verschwinden des Vaters sieht der Erzähler seinen Lieblingssatz von Ernst Jünger sich bewahrheiten. In den Briefen und Fotos, mit denen sich der Vermisste in schöner, verstörender Regelmässigkeit aus Genf meldet, dehnt sich das «Alles» des Augenblicks zum schwarzen Loch eines «zwischen den beiden Polen Angst und Schönheit» immer lauernden Mangels. Gerade darin nun scheint der Erzähler paradoxerweise den gültigen «Beweis für ein Stück Zeit, für ein Stück Leben» zu gewinnen.
Als Verbündete gegen das stetige, in keinem Fortleben gänzlich wettzumachende Schwinden der Welt sieht Peter sich und seine Nächsten. Dass die Kraft und die Reichweite des Verbunds arg beschränkt sind, wird ihm auf dem Turm der Frankfurter Paulskirche bewusst, im Warten auf die Rückkehr der Mutter von der Friseuse. Nicht zuletzt gegen das Gefühl, «in diesen zwei Stunden uralt geworden zu sein», stellt er seinen wehmütig-heiteren Familienbericht, der den Leser nicht ohne eine letzte tiefe Weisheit entlässt. «Wir müssen frei sein, wir müssen, müssen glücklich werden», heisst der Schlusssatz des Buches. Laut aussprechen mag Peter den schönen Gedanken vor seiner Schwester nicht.
Bruno Steiger -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
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