Fundamentalistische Orientierungen
Eine Studie über türkische Jugendliche in Deutschland
«Die Ausländerintegration ist gescheitert.» So apodiktisch wie ahistorisch glaubte das Hamburger Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» in seiner Ausgabe 16/1997 das Ende einer Entwicklung dekretieren zu können, von der höchstens gesagt werden kann, dass sie bedeutend komplizierter ist und entsprechend länger dauert, als alle angenommen und sich gewünscht haben. Mit welchen Verwerfungen in einem solchen Integrationsprozess zu rechnen ist, demonstriert eine Studie des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielefeld: eine empirische Erhebung und eine Analyse zu Ausmassen und Ursachen islamisch-fundamentalistischer Orientierungen bei türkischen Jugendlichen in Deutschland.
Die Studie beruht auf einer Befragung von insgesamt 1221 Jugendlichen türkischer Herkunft im Alter zwischen 15 und 21 Jahren. Die Befragten gehören also zur dritten Generation der «türkischen Inländer» in Deutschland. Durchgeführt wurde die Befragung 1995 an insgesamt 63 allgemein- und berufsbildenden Schulklassen des Bundeslandes Nordrhein-Westfalen. Auf Grund der Verteilung der Quotierungsmerkmale (Alter, Geschlecht, Schulform, Erhebungsregion) ergebe sich so die Wissenschafter «ein hohes Mass an Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse».
Desintegrationserfahrungen
In einem «vorläufigen Fazit» heisst es: «Als Gesamtergebnis wird hier festgehalten, dass es ein erhebliches Ausmass an islamzentriertem Überlegenheitsanspruch und religiös fundierter Gewaltbereitschaft zu registrieren gibt.» In der Hauptsache gründet dieses Gesamtergebnis auf den ermittelten Zustimmungen zu Aussagen wie: «Wenn es der islamischen Gemeinschaft dient, bin ich bereit, mich mit körperlicher Gewalt gegen Ungläubige einzusetzen» oder: «Wenn es der islamischen Gemeinschaft dient, bin ich bereit, andere zu erniedrigen» oder: «Gewalt ist gerechtfertigt, wenn es um die Durchsetzung des islamischen Glaubens geht» und schliesslich: «Wenn jemand gegen den Islam kämpft, muss man ihn töten». Die Anteile der Zustimmung zu den aufgeführten Items des Fragebogens liegen zwar nur zwischen 32,2 Prozent für die zuletzt genannte und 35,7 Prozent für die erste Position; dennoch kommen die Wissenschafter zu dem Schluss, dass ihre «Berechnungen auf einen überaus starken Zusammenhang zwischen einem islamzentrierten Überlegenheitsanspruch mit einer vorwiegend konservativ-traditionellen Sichtweise und einer religiös fundierten Gewaltbereitschaft» hinweisen.
Der religiös fundierten Gewaltbereitschaft liege «ein hochaufgeladenes Ursachenbündel aus individualbiographischen, sozialen und politischen Aspekten» zugrunde. Als einzelne Ursachen in diesem Bündel wären beispielsweise zu nennen: erfahrene fremdenfeindliche Gewalt, Verweigerung der Anerkennung einer kollektiven Identität durch die Mehrheitsgesellschaft, Diskriminierungen im privaten Bereich, negative Folgen gesellschaftlicher Modernisierungsprozesse. Als zentral für die fundamentalistischen Orientierungsmuster sind ausserdem anzusehen: Rückzugstendenzen in die eigenethnische «Wir»-Gruppe, die Betonung einer auf Abgrenzung ausgerichteten national und religiös begründeten Identität, die Ablehnung moderner Erziehungswerte und innerfamiliale Konfliktpotentiale. Es sind freiwillige oder erzwungene Desintegrationserfahrungen, auf die die türkischen Jugendlichen mit ihren Antworten reagieren. Die Autoren der Studie vertreten die These, dass es sich bei diesen Desintegrationsprozessen «um ein dauerhaftes Problem handelt, dessen [. . .] Schärfe in den nächsten Jahren noch deutlicher hervortreten wird». Für die Integration der Gesamtgesellschaft wäre es eine gefährliche Entwicklung, wenn eine weitgehend enttraditionalisierte, säkularisierte und funktional differenzierte Mehrheitsgesellschaft, wie sie in Deutschland existiert, in Konfrontation geriete mit retraditionalisierten, religiös-politisch ausgerichteten Teilgruppen einer sich entwickelnden «Parallelgesellschaft» von Minderheiten. Dann könnte es auch zu Revitalisierungen religiös-kultureller Ressourcen in der Mehrheitsgesellschaft kommen.
Andere Akzente
Obwohl die Autoren der Studie immer wieder vor Tabuisierungen und Dramatisierungen in der Ausländerdiskussion warnen und als Forderung des Tages vor allem Differenzierungen verlangen, sind sie selber der Gefahr des Dramatisierens keineswegs entgangen. Der Studie wie das geschehen ist «Kulturrassismus» vorzuwerfen, geht zweifellos viel zu weit. Aber von Einseitigkeiten wird man reden dürfen. Denn eine Reihe der ermittelten Daten, die gerade gegen die These von der wie auch immer fundierten Gewaltbereitschaft sprechen und sie erheblich relativieren könnten, wird allzu wenig berücksichtigt. Wenn beispielsweise gut 70 Prozent der befragten Jugendlichen dem Statement zustimmen «Die Fremdenfeindlichkeit hat gezeigt: Deutsche und Türken müssen enger zusammenhalten», dann werden durch solche Antworten doch auch bemerkenswert andere Akzente gesetzt.
Die Differenzierungen, welche die Autoren postulieren, wären also in vermehrtem Mass auch in ihrer eigenen Studie wünschenswert. Das heisst aber nicht, dass diese ihr Ziel verfehlt habe, nämlich mit Nachdruck darauf aufmerksam zu machen, «dass das Zusammenleben vor schweren Belastungen stehen wird, wenn zum einen keine weitreichenden politischen Initiativen zur sozialen Integration und zum anderen keine ebenso deutlichen Markierungen universal geltender demokratischer Wertvorstellungen erfolgen». Die Ausländerintegration muss nicht scheitern.
Rainer Hoffmann
Islamischer Fundamentalismus ist immer wieder Gegenstand von Tabuisierungs- oder Skandalisierungsversuchen, so daß differenzierte Debatten verhindert werden. Dazu trägt auch der Umstand bei, daß diese Variante der politischen Instrumentalisierung der islamischen Religion, die auch Gewalt zur Durchsetzung von Macht ins Kalkül zieht, auf kleine Gruppen reduziert wird. Unbeleuchtet blieb daher bisher die Frage, welches Unterstützungs- oder Mobilisierungspotential sich auch in Bevölkerungsgruppen muslimischen Glaubens in der Bundesrepublik findet.
Antworten darauf sind nötiger denn je, denn insbesondere jugendliche Inländer mit ausländischem Paß drohen vor zunehmenden Integrationsproblemen zu stehen.